Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 2. (8.1.1885)
- Date
- 1885-01-08
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
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12 aus dem zweiten Meininger Wahlkreise, Direktor Goldschmidt einen solchen im Namen des Berliner Handwerkervereins, dessen beide Fahnen am Grabe aufgestellt waren, „seinem Lehrer und Führer", Ein Schlußgesang beendete die kurze, eindrucksvolle Erinnernngsfeier, Die „Nat.-Ztg " schließt einen dem Andenken Laskcrs heute gewidmeten Artikel mit folgenden Wortein „Sein Streben war bei allen Jrrthümern ein so positives und so fruchtbares, daß der deutsche nationale Staat und die neue organische Gesetzgebung Preußens auf Generationen hinaus Züge von Laskcr's Geist bewahren. Einer seiner vertrautesten Freunde hat von LaSker gesagt, daß er „sich zu Tode gearbeitet" habe. Alle, die ihm nahe standen, wissen, wie treffend diese- Wort war. So ist auch er im Dienste des deutschen Volkes gestorben. Wenn einst das ReichstagSgcbäude vollendet ist, dessen Fundamente jetzt gegenüber der Siegessäule gelegt werden, und wenn inan dasselbe, >vie es sich ziemt, mit den Bilder» der Männer schmückt, tvelchc da- Reich zimmern halse», wird auch Lasker's Bild darunter sein," (Hoffentlich sichtbarer als Mose- Mcndclssvhn's auf den Reliefs der Statue Friedrichs des Großen, Red,) Aus der Vrovinz "goftu. (Or,-Corr,f Da nur kurze Zeit nach den Weihnachtsferien die schriftliche» Abiturientenarbeitcn an den Gymnasien beginnen, so tritt an diejenigen Väter, deren Söhne das Abitiirienteuexainen zu Ostern d, I, zu machen gedenken, die brennende Frage heran, wie der bekannten ministeriellen Verfügung, nach welcher es den Direktoren freisteht, eine der schriftlichen Arbeiten am Sonnabend anfertigen zu lassen, mit Erfolg entgegenzuwirkeii sei. Wir können nicht umhin, den Bcthciligien, denen dieser Gegenstand schwere Sorge bereitet, de» Rath zu crthcilcii, sich baldthunlichst mir ihren, durch die einschlägigen religiösen Motive unterstützten Gesuche» unmittelbar an den Herrn Kultusminister selbst zu wenden und ihn iuständigst zu bitten, die in Rede stehende Verfügung auf ihre Söhne nicht anwcnden zu lassen. Denn nur ein Ressortminister selbst, der eine Verfügung erlassen hat, ist in der Lage, von derselben in einzelnen Fälle» Abstand zu nehmen und darf ein günstiger Erfolg von dem strengen Gerechtigkeitssinn des Herrn Kultusministers wohl zu erwarten sein. Wir exemplificircn hier auf folgende Thatsache. Nach einer Verfügung des Herrn Justizministcrs ist es in den Gefangenenhäuser» keinem der Sträflinge gestattet, andere als Gcfangenenkost zu genießen. Und doch ist cs dem Schreiber dieses gelungen, für einen jüdischen Strafgefangenen die Bergünstiguiig zu erwirken, daß er während des UeberschreitungSfcstes aiidenveitige den rituellen Vorschriften de- Festeentsprechende Kost aus seiner Behausung erhallen durfte. Da die Verletzung des Sabbath, wie leicht zu erweisen, eine graduell noch größere religiöse Versündigung ist, als der Genuß gesäuerter Speisen am Ucberschrcilungsfestc, so dürfte der Herr Cultu-minister dem aus einem tiefen religiösen Bedürfnisse resultirendcu heißen Verlangen überzeugungstrcuer Väter, ihre Söhne nicht am Sabbath zum Schreiben zu zwingen, um so weniger irgend welchen ernsten Widerstand entgegensetzen. Selbstverständlich bleiben hierbei etwaige für die Zukunft generell zu unternehmende Schritte behufprinzipieller Annullirung der Verfügung Vorbehalten und gilt der im obigen ertheilte Rathschlag lediglich der augenblicklichen Abhilfe. Or. T. KamVurg, 28. Dez, (Or.-Corr.) Herr Dr. Caro- Breslau hielt im Verein zur Förderung der Wissenschaft des JudenthumS am 27. Dezember einen Vortrag über das Thema: „Die Juden unter den Slaven", Hinweisend auf den Gegensatz von Vvlkslegende uitb strenger Historik bewies Redner zunächst die Unwahrheit der Erzählung von der Königin Estcrka und die Unmöglichkeit der Wahl des Juden Saul zum citinächtigen König und begründete dann seine Meinung, daß es die Juden unter den Slaven nicht besser gehabt hätten, als in Deutschland, Die Ursache, daß Polen gleichsam das Ghetto Eurvpa's wurde, liegt darin, daß hier der Zusammenstoß zweier Völkerströmungen stattfand. Der eine Strom drang aus dem Südosten vom 4,—16. Jahrhundert, unter diesen Hunnen, Kosaken, Tartaren finden wir Juden, Redner behandelte eingehend den jüdischen Einfluß im Bulgaren- und Chazareureich und die jüdische Bewegung im Gebiete der russischen Kirche, die von dem Juden Sechharja ausging. Der zweite Völkerstrom kanr aus Deutschland. Der Exodus begann zur Zeit der Krenzzüqe n >d dauerte 400 Jahre an. Diese vom Fluch und der Unfruchtbarkeit des Feudalismus vertriebenen Emizranten grindeien eigene Stadttheilc und überflügelten häufig die slarnsche Eauvoh nerschaft. Neben den deutschen Stadtgcmcinde», die da- Recht der Selbstverwaltung und eigenen Gcrichtsbarkeü halten, entstanden Judcngcmeinvcn. Wie die deutschen Gemeinden durch ihre Appclationcn an die Magdeburger und Lübecker Schöffenhöfe mit dem Heimathlande in Contakt bliebe», so auch die deutschen Juden. Der Versuch, die Deutschen durch eigene Oberhöfe und die Jud-m durch Gaonim zu isoliren, mißlang. Die deutschen Ansiedelungen verfielen erst seit der Zeit des 16, Jahrhunderts, besondernachdem die Krone ohnmächtig geworden und die Deutschen so der Laune des sarmatiichen Adelsdünkcls preiSgegebcn waren, sodann ivieS Redner n ich, wie die Juden nach dieser Zeit womöglich noch ttcfer sanken. Ec betonte dabei, daß, nachdem die Inden mit dem Adel in Verkehr traten, nicht die Judeii den Adel heruniergcbracht hätten, sondern daß es umgekehrt sei: gir mauche von den Unarten und ethische» Mängeln der Jadeit haben in diesen slavischcu Lasterhöhlen ihren Ursprung. Mit der Versicherung, daß er weder loben iioch lade.», sondern Anleitung zur Erkeniitniß der Wahrheit habe geben wollen, schloß Redner seinen an Inhalt und For,n gleich gediegene» wissenschaftlichen Vortrag, de» der lebhafte Beifall des sehr zahlreich erschienenen Publikums lohnte, Aiedermarsöerg (Westfalen.) Wie schon früher in diesem Blatte berichtet, hatte die hiesige Geaieinde zur Erweiterung ihres Friedhofes einen neben demselben liegenden Garten angckauft. Die Kgl. Regierung zu Arnsberg ertheilte oder hierzu nicht ihre Genehmigung, weil nach dem ärztlich :» G ntachken sich der Boden zu einem Gottesacker nicht eigne. Ebensvweüig hatte ein Antrag beim CnltuSministerium Erfolg, ES ivurde vielmehr auch der alte Friedhof, auf dem freilich auch kein Raum mehr war, polizeilich geschloffen. Die Stadt schenkte nun freiwillig der Gemeinde einen sehr iiübschen Platz von 28 Ar. Dieser wurde nun cingefriedigt, an der Frontseite mit einer sieben Fuß hohen Mauer und schönen eisernen Pforte, an den drei andcin Seiten mit einer Wcißdornhecke, die ringsum nochmals mit einem starken Schutzzaun umgeben ist. Am 24, v, M, wurde die erste Leiche darauf beerdigt unb zwar die einer in hiesiger Irrenanstalt verstorbenen Daine, Der größte Theil der Gemeinde fastete einen halben Tag und versammelte sich vor der Bcerdiguiig in der Synagoge, Dort wurden die üblichen Psalmen gebetet und ein hebräisches Gebet vorgetragen. Hierauf bewegte sich der lauge Zug nach dem neuen Friedhose, Vor der Pforte wurden nochmals einige Psalmen vorgetragen und nachdem ein Mitglied des Synagogenvorstandcs die Pforte geöffnet, hielt am offenen Grabe der Lehrer Braun eine auf die Einweihung bezügliche Ansprache und iveihte in einein passende» Gebete beit Platz zu einem jüdischen Bcgräbuißplatz, zu einer Stätte ewigen Friedens. Daß a» diesem Tage auch der Arme» reichlich gedacht wurde, bedarf keiner Erwähnung, Die Gemeinde beabsichtigt auf dem Friedhof auch eine Halle zu bauen, in welcher bei schlechter Witterung die Leichenreden gehalten werden sollen und worin auch der neu zu beschaffende Leichenwagen unterzubringen sein wird. Aus Hberschkefien. Dieser Tage wurde dem Stationsvorsteher in Morgenroth ein Eisenbahnattentat auf dem Kurierzuge gemeldet. In einer Abthcilung eines Wagens befand sich ein polnischer Jude und ein junger Mau». Während der Fahrt zog der Jude einige Gegcnstäudc aus den Taschen, die zur Verrichtung von Gebeten nothwendig sind, darunter auch einen Gebetrieme», Mit ängstlichen Isssti