Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 1. (2.1.1885)
- Date
- 1885-01-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 — hcnimendcn Einfluß, aber aus den Reden Chaggai's und Secharja's gehe hervor, daß cs der Mehrzahl der Eingewanderten an dem ernsten Willen gefehlt habe. Der belebende Hauch, das Gemeinwesen zu erhalten, ging von Esra aus. Esra komnit mit der ausdrücklichen Absicht, ein neues geistiges Leben herbeizuführen. Sein Princip war, das neue jüdische Gemeindewesen durch die Klammer des Gesetzes zusammenzuschlicßen, damit alle fremden Einflüsse ausgeschlossen werden. Den Samaritanern wird die Aufnahme in die Gesellschaft verweigert, die Verschwägerung mit Philistern, mit Ammon und Moab wird verboten. Das mosaische Gesetz verbietet nur Ehen mit kanaanitischen Völkern, gestattet sie mit Moab „nach zehn Geschlechtern". Esra's Forderung blieb nicht unangefochten. Es spielt sich dieser Kampf auch in der Littcratur ab. Das Buch Ruth gicbt ein Bild der Strömung, die diese Zeit dnrchfluthet. Die früheren Moabiter hatten gesündigt, weil sie den Juden nicht mit Brot und Wasser entgegengekommcn. Es wird nun eingangs des Buches Ruth erwähnt, daß eine Hungcrsnoth in Juda eine Familie zum Auswandern nach Moab veranlaßt. Es ist klar, daß bei der Nähe der Länder dann auch in Moab Hungcrsnoth war, aber es sollte nur dargestellt werden daß eine Familie, die in der Hcimath kein Brot findet, in Moab erhalten wird. Ruth aus Moab zieht später mit nach Juda und will Kn Gott Israels auch als ihre» anerkennen. Ruth vcrheirathet sich später iii^Juda. bei welcher Gelegenheit jene althebrüischc pietätvolle Litte der Schwagcrehe eine hervorragende Rolle spielt. Am Schlüsse wird dann bemerkt, daß Ruth sogar die Stammutter Davids sei. Diese Strömung kam jedoch nicht zur Geltung. Es wurden 120 Frauen entlassen. Sv that man gewiß nicht ohne tiefe Empfindung der Härte dieses Verfahrens, aber die Zeit erforderte cs, daß das Prinzip zum vollen Ausdruck gebracht wurde. In Rom, dem Sitz der brutalen Gewalt, öffne» sich die Thvre allen, um starke Arme zu bekommen, in Israel ivcrden viele Frauen ausgestoßen. weil cs eine Idee zu beschützen gilt. Redner schildert dann die Ankunft Nehemias und bespricht die Volksversammlung vom 1. Tischri und die dabei slatthabcndc Ankündigung deS Festes (Esra war bereits 13 Jahre in Jerusalem). Nach des Redners Meinung wurde das Fest des 10. Tischri nicht erwähnt, weil keine Veranlassung daz» vorlag und die religiösen Ccremonien für diesen Tag nur spärlich vorhanden waren. Aber das Laubhüttenfest wird in großartiger Weise gefeiert. Redner meint, daß es früher über- . Haupt nicht gefeiert worden. Den Talmudisten (Erachin), die verwundert fragen, daß doch auch David und Salomo gewiß Hütten gebaut hätten, sei das allerdings undenkbar. Nach einer Versammlung, die am 24. Tischri stattgcfundcn, wurden Beschlüsse (d. s. Erweiterungen oder Aufhebungen einzelner Gesetze) gefaßt und von 80 Männern unterschrieben, das war die erste „große Versammlung". Redner will nicht die Frage der Tradition berühren, die könne seinetwegen bis auf den Sinai zurückverlegt werden, es handelt sich darum, wann diese Tradition ins Leben gedrungen, und da sei Esra derjenige, der der ganzen folgenden Entwicklung den Stempel aufgedrückt habe. Die Zeltverhältnisse waren Esra günstig. Sowohl der religiöse, als der moralische Zustand der Heiden hatte für die Juden nichts Jniponicrendes. Ihre Ucbcrlcgeuheit machte die Jude» geneigt, sich abzuschließcn. Es wurde nun aus der Geschichte gezeigt, wie der Gedanke Esra's ein richtiger gewesen. Redner behandelte die Periode der Makkabäerkämple (Griechische Cultur), den Untergang des jüdischen Staates (die Kannaim wurden als Männer vom Geiste Esra's dargestellt) und die Bestrebungen der alexandrinischc» Juden besonders Philv'S (durch Shmbolisiren wurde das Gesetz als Richtschnur für das Lebe» verloren). Nachdem Redner noch der spanischen Juden (arabische Cultur) Erwähnung geihan, kommt er auf die Gegenwart zu spreche». Durch die Eultur unseres Jahrhunderts sei das religiöse Leben gelockert und der Glaube in einem Auflösungsproccß begriffen. So ergehe cs auch dem Judcnthum. Mit der Forderung, daß das Gesetz beobachtet werden müsse, sei nichts geholfen, es müssedie Bedingung wieder geschaffen werden, aus der das Jndenthum emporgewachse» sei: das Judenthum müsse erfüllt sein von dem Bewußtsein seiner Supcriorität. Mögen wir »nS nur in den Strom der modernen Cultur hineinstürzcii, auf eins kommt es an, daß wir uns das Bewußtsein erbalten, daß die Lehre, wie wir sic aufnehme», das Beite ist, was die Religion zu biete» vermag. Wo dieser Gedanke schwindet, kann das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit nicht auskvunnen. so ungefähr schloß der Redner, dessen sehr interessante und belehrende Ausführungen ich hier kritiklos angedeutct habe. Den nächsten Vortrag hielt Herr Professor Or. Car» aus Breslau am 27. Decembcr über „die Juden unter den Sklaven". Darüber berichte ich für die nächste Stummer. Frankreich. Raris. Die Depntirten haben also ein Einsehen gehabt und dem Vorschläge des Ministers entsprechend von dem Staatszuschussc für daS Rabbincrseminar 22,000 Frcs. bewilligt und nur die 10,000 Frcs. für die Unterhaltung, der Zöglinge gestrichen. Damit dürste das Internat gefallet, sein und das Seminar hierin den deutschen Anstalten gleicher Art darin ähnlicher werden, daß die Studenten für Kost l,nd Wohnung selbst zu sorgen haben. — Für die Eultus-Beamten sind 170 000 (14 000 weniger, als im vorigen Jahre) und für Bauten (Inden und Protestanten angehend» statt 100 000 nur 40 000 Frs. bewilligt worden. — Daß die Alliance am 1. März des kommenden Jahres ihr 25 jähriges Jubiläum feiert und dabei überall Gottesdienst nebst Geldsammlung (es ist Purim» veranstaltet scheu »vill, werden unsere Leser aus dem Dczemberbericht ersehen habe». — Der vereivigle Herr Rothschild hat nicht allein 50 000 Frcs. der Bibliothek der Alliance legirt, sondern auch besrannit, daß ini Falle des kinderlosen Todes seiner Tochter, Frau Halson. 'jt seines Vermögens dieser Bibliothek znsallen soll. — In Bagönne ist eine Petition an's Eonsistorium um Einrichtung enies Sabbath-Minchagottesdienstcs für die Schiller des Lveeums gelangt. —• Die nach Deutschland führenden Etsenbahue» sind in den Händen deutscher Juden, das ist das Stichwort des französischen Antisemitismus. Dabei ist in der Vcrivaltung der Ostcompagnie nur ei» deutscher Herr Dolsus M,eg. den die Preußen nicht als Deutschen gelten lassen wollen und neben 13 Katholiken 5 Protestanten nur 2 Juden. Wer heutzutage nicht gefüllt, wird zum Juden gemacht, und der. Jude soll all' daS sein, ivaS nicht beliebt ist! Rufiland. Petersburg. Die von dem ainerikaui scheu Gesandten befürwortete Bitte eines amerikanischen Judeii (William Jameiker), in Odessa eine WachSlichihandlung errichten zu dürfen, ist abschlägig bcschieden und vom Ministerium deS Innern cingeschärft worden, daß ausländische Juden nur die Erlaubnis;, Export- und Jmporthaudcl zu betreiben erhalten dürfen, niemals aber für Handel im Lande. Auch die gesetzlich gestattete Erlaubniß soll fortan nur von der Regierung selbst erthcilt werde». In Odessa bereiten niehrcre Handelshäuser ihre Auflösung deshalb vor. Rußland. Der Schriftsteller Bogrviv hat sich gelaust! Der Herr hat eine beivegte Vergangenheit. 1870 hat eine Rabbiiicrversammluttg in Petersburg den von ihm vor Zeuge» i seiner Frau (gegen ihren Willen) eingehändigien Schcidebries j als gültig erklärt. Darauf hciratyete er tut Anstande , durch Civillrauung) eine zum Protestantismus übcrgctretenc Russin.! Jetzt hat er sciiie Stellung bei der Diskontobank aufgegebcn und wollte sich auf ein kleines Gut seiner Schwiegermutter zurllckziehcn. Da Juden auf dem Lande nicht ivvhncn Dürfen, ' bemühte er sich — bisher vergeblich — diese Erlaubnis; ausnahmsweise zu erhalten. Deshalb nahm er die Taufe und auch feine Frau wurde wieder gricch. katholisch. Nun aber . geschah daS Unerwartete. Nach der Taufe wurde ihm die ministericlle Erlaubniß ertheilt, als Jude auf dem Dorfe zu wohnen.