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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-01-02 · N° 1. (2.1.1885) · p. Seite 4

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 1. (2.1.1885)
Date
1885-01-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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■'«am», — 4 — \i Mk dem Referate wicdergegebenes Wort genügt Jedem, der die naturwissenschaftlich-technischen Ausdrücke' kennt, um obiges Urtheil zu bestätigen. Ed. v. Hartmanu spricht uon „W i rt hvölkern"! Nun diese» Ausdruck braucht mau, um die Thiere zu bezeichnen, ans welchen und in welche» die „Gäste" — die Schmarotzer—leben! Dies Compliment würden wir den Schriftstellern (sit venia verbo) nicht verübeln, welche über die Judenfrage in gehässigen, Sinne als competente Beurthcilcr schreibe», weil ein jüdischer Schacherer oder Wucherer sic einmal betrogen hat! Heer v. H. aber kennt die reiche Zahl jüdischer Medieiner und Juristen, die selbst in Deutschland ehrenvolle Namen sich erworben habe», er weiß, daß Spinoza ein Jude war, läßt wohl auch Mendelssohn noch ein wenig gelten —• ihm sind die Physiologen und Botaniker aus jüdischem Stamme und sogar mit jiib. Religion wohl »ich, unbekannt — und trotzdem hat er den tranrigc» DJhitt), die Juden — mag er sie als Race oder als Glanbensgenossenschaft auffasse» — „Schmarotzer" z» nennen! Der Herr weiß zu viel, als daß wir ihn, bona fides dabei zuspreche» sollten! Ans Höerschkelreu, 15. Dezember. tOr.-Cvrr.i Ihre geschätzte Wochenschrift brachte in Nunnuer 50 einen Artikel aus dem Großhcrz. Hessen, der es tadelt, daß Vorstandsmitglieder in Gießen für die Wahl von Deutsch-Freisinnigen agitirt haben, >vas unrecht und unklug zugleich sei. Was unklüg, ist oft grade recht weise, klug ist cs für bei, eigenen persönlichen Vorthcil, weise aber utid gerecht ist es, für Wahrheit und Recht, für das Allgemeinwohl einzutreten. Ich erachte cs darum für Pflicht, nur solche Männer, die nach unserer Ucberzcuguug die geeignetsten sind, zu wählen. Werden wir ja doch bisweilen von der Behörde selbst ausgesvrdert, am Sabbath vor der Wahl den Stadtverordneten den Gemcindemitglicdcrn die Wichtigkeit der Wahl vorzuführen und ihnen au's Herz zu legen, den geeignetsten, biedersten und tüchtigsten Persönlichkeiten ihre Stimme zu gebe». Wenn mich mein Gedächtnis; nicht täuscht, wurden früher in der Provinz Posen die Rabbiner auch vor der Wahl für das Abgeordnetenhaus mit derselben Mission beauftragt. Warna, sollten also wir Gemeindevorsteher und Rabbiner nicht mit Mose und Jithrv sprechen: Wählet Männer Eures Vertrauens, die keine Streber, und ohne Furcht und Menschenscheu, sondern nach ihrem besten Wissen und Gewissen die Gesetze bcrathen. Nach den traurigen Erfahrungen der letzten Jahre aber, die wir bei anderen Parteien gemacht, halten wir Juden die Deutsch-Freisinnigen sür die unseres Vertrauens würdigsten Persönlichkeiten. Kann uns Jemand ernstlich zumuthcn, unsere Stimmen den Heidelbergern zu geben? Solle» wir zu dem Schaden auch den Spott auf uns laden, daß wir so wenig politisches Verständnis; besitzen, oder, daß wir bei unsern Stimmabgaben den engherzigen persönlichen Vorthcil in, Auge habe»? Haben uns die Conservativen nicht mit Hohn und Haß in der Kammer überschüttet, haben die sogenannten National-Liberalen auch nur den Mund für uns aufgethan, als der freisinnige Abgeordnete Häncl die bekannte Interpellation an die Regierung stellte? Freilich ein Nationalliberaler that cs, der verflossene Oberbürgermeister Berlins Herr Ho brecht, aber mehr um die Juden zu bemäkeln, als sie vor Unglimpf in Schutz zu nehmen. Undankbar, unverzeihlich und unklug zugleich wäre cs von uns Juden, jetzt zumal wo die Heidelberger für die Wahl Stöckers cingetreten, ohne daß sie von dem gros der Nationalliberalen desavouirt wurden, perfid wäre cs, wenn ein Jude einem Nationallibcralen die Stimme gäbe. Als' der Antisemitismus sich zu regen begann, bat ich einen ge-> feierten Parlamentarier, einen Eharakter Sans penr st »ans reproche, daß er Gelegenheit nehmen möchte, die Angriffe gegen uns abzujchlagen. Der vielbeschäftigte Manu antwortete mir: „Ich bin jetzt leider von Arbeiten völlig überlastet, die meine ganze Zeit in Anspruch nehmen, doch so wie sich nur in der Kammer die Gelegenheit dazu bieten sollte, werden Sie mich auf dem Platze fiiiöeii." Die freisinnige Partei und jener Parlamentarier ganz besonders haben wahrlich als treue Anwälte unsere Sache zum Anstrag gebracht. Für die Leser der geschätzten Wochenschrift durfte vielleicht folgende Mittheilnng von Interesse sein. Ich gehörte zur Zeit des Falk'schen Ministeriums den, Verein für rcichsfrenndliche Wahlen an, dessen Tendenz gegen die Centrumswähler gerichtet war. Nachdem der Antisemitismus in Preußen Platz gegriffen, ohne daß die Staatsregiernng für die Unterdrückung desselben sich intercssirte, schrieb ich auf eine Einladung zur Vorwahl an den Vorsitzende» des Vereins, den Grafen N. N., folgende» Absagebrief: „Hochgeborner Herr Graf! „Bei der Hochachtung, die ich Ew. Hochgeboren zolle, erschien cs mir unschicklich, wenn ich über'mein Ausbleiben von der von Ihnen einbernfcnen Wchlversammlung nicht ein Wort der Entschuldigung und Aufklärung vorbrächte. Ich habe mich damals bei der Gründung des relchstrcue» Wahlvereins als Mitglied bekannt: jetzt aber, bei so ganz veränderten politischen Verhältnissen, würde ich als Mitglied unter jener Bezeichnung unter falscher Flagge zu segeln glauben. Wir kennen ja alle die historische Bedeutung der Bezeichnung „Reichst,euer Wahlvcrcin": sie wurde der ultramontanen Cent, umspartei gegenüber ausgestellt. Stach der gegenwärtigen Politik des „Ministeriums" aber — ich urgire absichtlich diese Bezeichnung anstatt „Regierung" — wird ja jene Partei nicht mehr als eine rcichsfcindliche, oder nicht reichstreue betrachtet. Wir unsrerseits femim überhaupt keine einzige nicht reichsfrcundliche Partei in, Staate, mit Ausnahme der Socialdcmokratie; ei» solcher Kandidat ivird ja aber hier von Niemand aufgestellt. Speziell wir Inden aber würden durch fortdauernde Opposition gegen das Eentrnm nur einen Akt der llndankbarkeit begehen. Wir habe» während des sogenannten Kulturkampfes nach unserer besten lleberzeugnng und Pflicht gegen die Centrumspartci und für das Ministerium laut und öffentlich gestimmt. Das Eentrnm hatte also, wen» auch nicht ei» Siecht, doch einen Grund, uns zu grollen; dennoch haben seine Wortführer, namentlich Wsiidthorst und Reichensperger, mit großer Mäßigung, ja mit rücksichtsvoller Schonung in der Kammer über uns Inden sich geäußert. Wie aber verhielten sich die Koryphäe» einer andern gewissen Partei, zum Theil einer Partei „BiSnrarck sans pllrass": die Minigerode, die Straffer, die Hofprediger und Adepten, also die berufenen Verkünder des EvangeliiimS der Liebe? Haben sie nicht dem mittelalterlichen Scheiterhaufen das Wort geredet? Wir Inden müßten doch jeden politischen Vcrständiiffses baar sein, wenn wir unsere Sttiumen für ein Ministcriun, abgcbcn sollten, das ein Gebähten und Treiben, welches der künftige erlauchte Thronfolger mit der Bezeichnung „Schmach für Preußen unb Deutschland" brandmarkte, mit verschränkten Händen ruhig gewähren läßt, zwar die belhörten und verführten Opfer in Hmterpoinmern und Westprcußcu in die Gefängnisse schickt, die intellectneilen llrheber jener skandalösen Sccncn aber, wühlen und Hetzen, ihre Orgien feiern, ihre Brandreden gegen die Juden halten läßt. Wir müßten die gedankenlosesten, ja die stnnipfsinnigsten unter allen Wählern sein, wenn wir durch unsere Wahlzettcl ein. Ministerium unterstützten, das einen mit verhimmelter Augeudreherei und frömmelndem Händefalten die Kanzel betretenden Mann, der dem Evangelium der „Religion der Liebe" geradezu iu's Gesicht schlägt, mcht sistirt. Ew. Hochgeboren hochachtungsvoll ergebener Rabbiner vr. N. N." Der Brief cirkulirte selbstverständlich in der Versammlung. 2o ziemlich derb auch das Schreiben abgefaßt ist, so habe ich dennoch seit der Zeit, wenn auch, wie es in der Natur der Sache liegt, aufgehört, bei den hohen, abhängigen Beamten persona grata zu fein, aber au Achtung nichts enigebüfjt. Ich war wohl darauf gefaßt, von dem Vorsitzenden nicht beleidigt, aber doch durch Nichtbeaulworlung meines Schreibens iguvrirt zu werden. Es war nicht der Fall, der Graf ant- J

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