Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 1. (2.1.1885)
- Date
- 1885-01-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 — die Korrektheit seines Verfahrens Herdes Judenthums leiten. Der erste Theil seiner Broschüre hat sehr viel Aehnlichkeit mit dem Bericht eines Deserteurs über den Zustand der belagerten Festung, aus der er sich zu den Belagerern geflüchtet hat. Jeder besonnene Militär wird sich hüten, einem solchen Berichte zu glaube», er wird sich sagen: der muß ja schwarz malen und die Verhältnisse der Belagerten als hoffnungslose schildern, sonst fehlt cs ihm an Gründen zur Desertion. Und eine belagerte Festung ist gegenwärtig das deutsche Judenthum; von allen Seiten wird cs bestürmt; da ist es schon erklärlich, daß sich der und jener Feigling hinausschleicht. Nur sollte er nicht sein Unrecht dadurch vergrößern, daß er vvrgiebt, die Belagerten hätten ihn hinausgctrieben oder auch nur hinausgeschcucht. Beginnen wir mit einem Satze unseres Autors, dem wir unbedingt zustimmcn können: „Wahrlich der Kampf des Lebens ist schwerer für eine» Juden, als für seine christlichen Mitbürger." Und weil in unserer Genossenschaft — so fügen wir hinzu — eine größere Idealität vorhanden ist, als unsere Feinde, die uns gern als ein Geschlecht von Schacherern und Trödler» darstcllen, zugeben, darum nehmen wir den schweren Kamps auf und wollen ii)it uns nicht er- | leichtern, indem wir unsere Würde prcisgeben. Nur verschließt der Herr Verfasser, inde>n er den Kampf schildert, vor gewissen Erscheinungen absichtlich die Augen. Gewiß wird uns der streng religiöse Israelit, der auch kein Jota von der alten Satzung opfern will, hohe Achtung einflößen; er hat heißer als Andere zu ringen uni das tägliche Brod, indes; wenn er wahrhaft fromm ist, wird er trotz alledem I nicht von dem Pfade der Redlichkeit abweichen; er findet in dieser Entsagung zugleich sein Glück. Aber iwr gehen wohl nicht fehl, wenn wir anuehrnen, der Verfasser habe sich auch als Jude nicht durch pünktliche Beobachtung der Speisegcsetzc oder der Feste den Kampf des Lebens erschwert. Für ihn also ivar dies kein Grund sich vom Judenthume loszusagen, ivic deuu Unzählige in Deutschland diese alten Heiligthümer aufgcgeben haben und sich dennoch als treue Jude» betrachten. Daß Andere den Sabbath halten, kann doch für ihn kein Grund zum Ucber-; tritt sei». Der Autor sagt: „aus dein platten Lande leben bir f-.. Juden so zerstreut, daß sich nicht leicht eine genügende Zahl zusammenfindet ui» den religiösen Bedürfnissen genügen zu il können; daß ein Vater aus jenen Kreisen im Stande märe ■ seine Kinder in der Religion und gar in der hebräischen e ■ Kultussprachc selbst zu unterrichten, wird man im Ernste nicht behaupteri wollen." r;- Nun so groß auch die Schwierigkeiten für den Juden auf dem Lande sind, seine Religion zu beobachten, ich ivollte unsere Stadtjuden ivären so religiös als unsere Landjudcn. Da giebt es Leute, die fernab von größere» jüdischen Gc- , meiuden ihr .eben hinbringen, die kann, einmal im Jahre zu den höchsten Festen sich die Theilnahme an einem öfsenllichen Gottesdienste ermöglichen können, und die deunoch mir rührender Innigkeit ihrem Glauben ergeben sind, Hl# in einer christlichen Bevölkerung ohne Anhalt gcslunlc mit Peinlichkeit den Sabbath beobachten Das ist die Wirbing des jüdischen Eeremvniells, das ein ganz einfaches Baiernhaus durch gottgeweihtc» Brauch zu einem Gotteshauses umwandelt. Der Jude hat durch dieses Ccremoniell aucksim Hause ständig Gottesdienst. Wir können es alles ErnsE behaupten und es durch Beispiele unserer eigenen Ersahrtig vielfach belegen, daß solche Laudjuden an langen Aberku ihre Kinder in der „hebräischen Cultussprache" nicht üb; unterrichtet haben: der religiöse Eifer I ist ein gar werthvoller iidagvgc, und die Dorskirrder konirte« beim ungelenken Untercht ihrer Bitter die wichtigsten spnagogalen Gebete oft ber Übersetzer,, als ihre städtische,,, in Schulen untertviesene» kersgenosien. Der Verfasser mag sich nur in seiner enger,, Hsath Umsehen und wirb gewiß finden daß die opferfreudige'eligiösitüt auch dieser' so großen Schrvierigkeiten Herr w. Ich darf wohl hier eines Vorfalls erwähnen, der cgriet ist, diese Opferfreudigkeit zu illustrieren. Eine srost jüdische Fra» in Deutschland hat einen Soh», der in, Ihn Brasiliens wohnt: er theilce ihr einst mit, daß er einenfl,,, bekommen habe, der, könne er leider nicht zum achteihge beschneiden lassen, da viele hundcrt Meile» in der sebung keine Juden, vollends kein Mohel wohne, aber er jic, wenn der Knabe maßcn gekrästigt sei, ,»hm reisen, bis die mitten an Glcicherst einigerimiu'-" Wv., er einen Mohel finde, und dieser Pflichtsgen. lind nach einigen Monate» zeigte er der alten Muts,,, daß er in der That die Rerse unternommen habe und Sohn beschnitten worden sei. Gerade in unseren;-,, haben mir von der gemeindebildenden Kraft des ^u,,mS und der dabei bekundeten Opferwilligkeit in Arnervd auch in Deutschland geradezu erstaunliche Beispiele g; i„ Mitteldeutschland sind in den letzten Jahren eine - Anzahl »er,er «Gemeinde» ent-! standen; die meist iuc„nittdtcii und oft aus der ver- * schiedensten Gegenden sinder, Israeliten hatten kann,,' daß sie ansässig gcwordsreu, nichts Eiligeres zu tonn, als sich unier großer, Oz„ einer Gemeinde znsammenzuschließcn. Diesen O>th verkennt der Autor, den, selbst wahrscheinlich scinzhn,,, niemals besonders schwer und dennoch lästig gewest. | Der Autor hält jj, seinen einstigen Glaubensgenossen Fehler vor, diesanz in gleicher Weise überall findet. So wenn eden, vermögenden Juden sagt, daß sich dann wohl ^rsrenlichc Bild bietet, „daß Denkart, Bildung u»dh„„g nicht zum Vermögen passen". Es giebt gewiß der Ernporkönnnlinge unter den Juden, aber a»sschließlicl,,r vorzugsweise unter ihnen? Unsere Zeit bietet uns oBtÜ), daß großes Vermöge,, rasch erworben wird: uifi >chon ei» altes jüdisches Sprüchwort, daß man :cich als nobel wird. Aber warum will der Herr \ der erst ern Paar Tage Christ ist, schon sogleichsimitische Methode sich aneignen und Fehler, die bei Juden wie bei andern Menschenkindern sich zeigwcifisch jüdische bezeichnen? Der Autor versucht tji-iä, daß bei alle, höheren Bernssartc» sich durch „nt,riß Schwrccigkeiten für die jüdischen Bewerber Militär, Post, Eisenbahn, Steuer n. dergi. läßt er drzrislich ganz mefl, dagegen höre,, wir wiedep, daß dcrthemcttch srcrude Sprachen, Phhsik a» höheren Schul ».errichten dürfe, weil doch