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Das jüdische Literaturblatt · 1880-12-23 · No. 52. (23.12.1880) · p. Seite 207

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 52. (23.12.1880)
Date
1880-12-23
Page
Seite 207 (sequence 3)
Language
German
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— 207 religiösen Filhlens und Verhaltens als Angeld dafür fordern, dass er Bürger Eures Staates werden darf! Die ״Judenfrage1‘ wäre dann ein weiterer Schritt auf der abschüssigen Bahn, die hinführt zu dem schauerliehen Satze: ״cujus regio ejus religio“, dass Staatsverband auch eine religiöse Einheit aller Bürger bedinge! Es müssten Katholiken au9 dem evangelischen, Evangelische aus dem reformirten Staate, Ungläubige aus dem Bürgerverband der Gläubigen, alle Religionsbekenner da ausgetrieben werden, wo der Atheismus und der Materialismus die Majorität errungen hat. — Wir dagegen verlangen, da9s die volle Freiheit des Glaubens den Bürgern eines Staates zustehe, da das Religionsbekenntniss unabhängig ist von Nationalität und politischer Parteistellung und beide nicht beeinflusst! Der Jude kann nicht allein Deutscher, Franzose u. s. w., sondern liberal, conservativ, demokratisch, republikanisch, unbeschadet seines Glaubens, sein! Auf diesem Boden steht der gefeierte Redner, dessen Chanucapredigt wir anzeigen. Von diesem Standpunkte aus untersucht er die Schwächen und Gebrechen in Israel, welche den Sturm gegen Israel mit haben anfachen helfen. Aus Josephs Lebensbilde erstrahlen ״Bescheidenheit und Treue zu seinem Glaubensstamm“ als die Vorbilder, welchen besonders die deutschen Juden zu wenig nachgeeifert haben. ״Wo nur irgend ein Glaubensbruder zu Ehren, zu Ansehen, zu Stellung, zu Reichthum gelangt war“ — ״man begann damit, seinen angestammten Glauben entweder völlig den Rücken zuzuwenden, oder ihm mit kalter Gleichgültigkfit, wenn nicht mit Geringschätzung und Feindseligkeit zu hetrachten“ — ״für ein menschliches Ehrenamt bot man seinen göttlichen Ehrenberuf, Diener des einigeinzigen Gottes zu sein, feil “ Schön angewendet ist der Midrasch: Jakob sagte zu seinen Söhnen: אל תצאו 0ובידבם פרנסה ו — ebenso wie die Schilderung des Luxus aus Alami s אגרת מוסר. Joseph als Patriot erwirkt, dass alle Welt sich seiner Brüder freute, dass sein Leid von Allen getheilt wurde. So steht auch das Israel unsrer Tage treu zu dem himmlischen wie zu dem irdischen Könige — ״mit den unlautern Elementen, die in unserem Lager übrigens nicht mehr und nicht weniger als in dem gegnerischen voihanden sind,“ haben wir nichts gemein. So wird die neue Prüfung, welche Gott uns auferlegt, wie die Makkabäerzeit erfüllen das Schriftwort: ״ln den Häusern der Kinder Israels leuchtete hell und freundlich das Licht des Glaubens, das Licht der Freiheit.“ Ungern vermissen wir in der gedruckten Rede die geistvolle Parallele, welehe Ohrenzeugen gehört haben, dass wie Josef das Land der Priester diesen zu eigen gelassen, Israeliten in ihrem Streben als Bürger das Gebiet der Priester anderer Religionen, das kirchliche Gebiet, unangetastet lassen sollen. Es wird diese Rede mit dafür zeugen, wie wir nicht blind sind gegen die Fehler und Schatten, die sich in unserer Mitte zeigen, dass wir aber nie um den Preis unserer Religion erkaufen würden, was wir als Menschen und Bürger zu fordem berechtigt sind. Coblenz. Dr. Lewin. 1L Die Lichter am Abend. *) Ueberall, wo die Bekenner des Gottes Abrahams sich zusammenfinden so weit die deutsche Zunge ertönt und über die deutschen Gaue hinaus, hat man es wohl an dem hehren Erinnerungsfeste des erhabenen Glaubenskampfes versucht all' die Vorwürfe und lügenhaften Lästerungen, welche die Gemüther friedfertiger Menschen verbittern, Hass und Zwietracht säen, zu *) Predigt am Sabbath vor dem Chanuk&feste (24. Kislew 5641) gehalten in der Synagoge der Landes-Rabbinerschule zu Budapest von Prof. Dr. D. Kaufmann. Budapest, S. Zilahy. entkräften; man hat die wenig dankenswerthe Mühe sich nicht verdriessen lassen, die vom Roste angefressenen und nur von neuem trügerischen Glanze strahlenden Rüstungen in ihrer Unbrauchbarkeit zu zeigen, die unredlichen Kampfesmittel abzuweisen. — Worte des Friedens und der Versöhnung hörte man in lieblicher Milde aus dem dumpfen Waffengetöse klingen und die offene Bruderhand sah man in aufrichtiger Treue entgegenreichen zu mannhaftem Friedensschlage jener, die so wuchtig Hiebe, so unbarmherzig Wunden geschlagen. — Nicht Ueberhebung wird man es nennen dürfen, wenn der Schwächere aber Gerechte von sich rühmt, dem Stärkeren aber Ungerechten die Versöhnung ermöglicht Zu haben; nein! es ist vielmehr E d e 1 m u t h; denn wie oft möchten wir die gestörte Eintracht wieder herbeifübren, allein die Furcht der Zurückweisung durch den Gekränkten hält uns ab, den versöhnenden Schritt zu machen. Diese falsche Scham, diese übel angewendete Furcht ist nicht das Merkzeichen edler Keuschheit, bescheidener Zurückhaltung, sondern dünkelhaften Eitelkeit, unberechtigten Stolzes. Von dieser Erwägung wird man auszugehen haben bei der Beurtheilung der angezeigten Perle jüdischer Kanzelredekunst. Ein versöhnender Hauch durchweht das oratorische Meisterstück; mit dem Auge des Sehers sieht der beredte Verfasser den Sieg des Frühlings, der für Israel heranbricht. Er deckt schonungslos den Sitz des Uebels auf, behandelt jedoch die Förderer des Uebels als Br üder. Anknüpfend an die Worte des Wochenabs nnittes "ויקנאו בו אחיו ואביו שמר את הדבר“ sucht der \ erfasser die Gründe darzulegen, ״die uns zur Ruhe in aller Verfolgung berechtigen.“ _ ״Wenn einst die wilden Bewegungen gegen Israel ausgetobt haben, der Hass zur Ruhe gekommen sein wird und ein glücklicher Nachgeborener die Geschichte dieses Zeitraumes ansieht wie einen Friedhof auf einem Schlachtfelde, dann wird er in schwarzen Zügen über dem Eingang die Ueberschrift warnehmen: ויקנאו בו אחיו ״es beneideten ihn seine Brüder.“ — Israels Gischichte spiegelt sich treu ab in der Josefs; ״wir sind die Nachkommen Josefs, von dem für uns geschrieben ward, dass seine Brüder ihn beneiden. Wie Josef, als er aus einem Häftling der König seines Landes wurde, aus seiner Seele allen Hass gegen seine Brüder verwies, — ״Wohlthat war seine Rache und Liebe zahlte für den alten Hass“ — so schaaren auch wir uns sofort nach erlangter Freiheit ״um die grossen Ziele des Vaterlandes, die hohen Gedanken des Jahrhunderts, von Eifer beseelt für alle Zwecke des Gemeinwohls, unermüdlich bereit, zu rathen und zu helfen, zu steuern und zu leisten.“ ״Es gilt, die Ruhe zu bewahren, dem Neide voll Gleichmut!! gegenüberzutreten, Alles zu verhüten, was unsererseits die Kluft und den Zwiespalt vergrössern könnte. Wir sind nicht mehr allein, uns zur Seite stehen die Gutgesinnten in allen Lagern, unsere Befreiung und unsere Ruhe sind nicht mehr eine Familienangelegenheit, sondern eine Sache der Menschheit, eine Frage der Gesittung. Halten wir uns daher frei von Verbitterung, vermeiden wir allen Jngrimm, jede Gereiztheit, vergessen wir niemals, dassjedeSpaltung in der Menschheit ein Bruderzwist, seien wir würdige Nachkommen Josefs, aus dessen Herzen die Harmlosigkeit und die Liebe allen Verfolgungen zum Trotze sich nicht entwurzeln liessen, weil er stets der Thatsache sich bewusst blieb, dass es seine Brüder waren, die ihn beneideten. —“ Aber wie es für Josef eine Beruhigung war, sich eins mit seinem Vater zu wissen, denn ואביו שמר את הדבר״“ | sein Vater achtete der Sache, so ist es auch unsere

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