Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 52. (23.12.1880)
- Date
- 1880-12-23
- Page
- Seite 208 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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208 — Aufgabe darnach zu trachten, in den Augen unseres himmlischen Vaters wohlgefällig zu werden. Wie können wir dies erlangen? ״Weihet Euch, wenn Ihr gerüstet sein wollt und erziehet, so Ihr aufrichtig nach Weihe verlanget. Erziehung, Weihe, Rüstung, so lautet der mächtige Dreiklang, der im Geiste der heiligen Sprache aus dem Worte חנכה zu uns dringt.“ Der gegenwärtige Sturm braucht uns nicht zu schrecken, er ist vielmehr der treueste Kundschaftbringer des nahenden Frühlings. Wie dem Erwachen der Natur aus tiefem Winterschlafe heftige Sturme vorausgehen, so kündet uns das heftige Brausen die Lösung aus starren Banden. Wohl hat ״unsere Freiheit einen kalten Frühling“, allein ״um so sicherer, um so gedeihlicher wird ihre Pflanzung erblühen“. Denn es ist der letzte Sturm, das letzte Ankämpfen. — Es steht uns ein Sieg bevor, der ״Sieger wie Besiegte ehren“ wird; die Genugthuung, die uns werden soll, wird ein Segen für die Gesittung sein; wir werden Rache nehmen, wie sich der Frühling am Winter rächt. Denn wie die Sonne im Frühling allgemach den Widerstand der Erde über* windet und die Stellen selbst, die ihr am längsten trotzten mit Grün und Blumen überreicht, so schmelzt der siegende Strahl der warmen Menschlichkeit das Eis in den Herzen und weckt Saaten der Liebe unter der Schneedecke des Hasses“ — Mögen diese Worte des Friedens und der Versöhnung laut erschallen, weithin dringen, bei Allen, an die sie gerichtet sind, Beherzigung finden, und als Segen einer guten T h a t fortzeugend nur Gutes gebären. H. B. III. Der Kampf Jacobs.4) Diese Predigt reiht sich, Form und Inhalt anlangend, würdig den eben besprochenen an Dasselbe Thema wird wohl in diesem Jahre, an diesem Sabbath — פ׳ וישלח? Interpellation Hänel — auf den meisten jüd. Kanzeln behandelt worden 6ein. Wir wenigstens haben an demselben Sabbath nicht nur über dasselbe Thema, sondern auch über denselben Text (לדורון, לתפלה ולמלחמה) gesprochen. Wir geben aus der trefflich ausgeführten Rede des gesch. Collegen hier einige Proben: (S. 6.) ״Wenn sie Israel den Vorwurf machen, dass es Eigenthümliehkeiten besitze, die es unterscheiden von der grossen Menge des Volkes, zu dem ganz und voll zu gehören es vorgiebt; wenn sie behaupten, dass Israel mehr Schacher und Wucher treibe als die Janderen, wenn sie uns anklagen, dass wir trotz der Gleichberechtigung uns nicht anschliessen mit voller Brüderlichkeit, so wollen wir diese Anklagen trotz der grellen Uebertreibung nicht einfach als Lügen zurückzu weisen, denn auch wir haben unsere Schatten, auch in unserer Mitte giebt es Entweiher des Gottes- und Menschennamens —, sondern antworten wollen wir wie Jacob seinem Herrn Esau: ״ אם לבן גרתיbei Laban habe ich geweilt!“ Blicket doch auf unsere Vergangenheit hin! Sehet Euch doch die Leute an, bei denen wir weilten, mit denen wir leben mussten! Wie sie um das Dasein uns betrogen! Wie sie als Sklaven uns behandelt und aus der Sklaverei nur entliessen, um uns zu heimathlosen Bettlern zu machen! Wie sie jede ehrliche bürgerliche Beschäftigung uns untersagten! Wie sie uns zum Schacher trieben und zum Wucher zwangen, damit wir für sie schacherten und wucherten, damit sie uns, wenn sie uns für fett genug hielten, *) Predigt, gehalten am Tage der Hänel’ichen Interpellation (Sonnabend, 20. November 1880) von Dr. P. Buch holz, Landrabbiner in Emden. Auf Verlangen dem Druck übergeben. Der Reinertrag ist für die All. I8r. Univ. bestimmt. Etüden, ln Comobaissiön bei W. SAwalbe. abschlachteten oder vertrieben, um unser Hab und Gu^* unter sich zu theilen!“ (S. 12.) ״Hat denn Israel etwas unversucht gelassen, um den Hass zu besänftigen, um die Feindschaft in Frieden zu wandeln? Geschenke hat es in Fülle gebracht, Gut und Blut geopfert auf dem Altäre des Vaterlandes und, seitdem die Sklavenfessel ihm abgenommen ward, ist es hinausgetreten auf die Kampf- und Ringplätze des Öffentlichen Lebens und hat mitgearbeitet an allen idealen und materiellen Gütern des Vaterlandes und geholfen, sie zu mehren! Und dennoch das alte Lied und das alte Leid! (S. 13.) ״Darum hoffen wir auch nichts von Erklärungen und Debatten. Wir sind dankbar für die gute Meinung, an der wir nie gezweifelt haben, aber wir halten es für einen schweren Fehlgriff, auf diese Weise uns zu Hülfe zu kommen, indem man die Ausgeburt des finstersten Hasses gegen Juden und Judenthum an der höchsten und erlauchtesten Stätte der Oeffentliehkeit in unserem Vaterlande zum Gegenstände der Verhandlungen macht und uns so vor den Augen der ganzen Welt als Angeklagte hinstellt! Werden wir auch freigesprochen, unsere Feinde werden uns immer die Angeklagten nennen!" ״Die hundertmal widerlegten Verläumdungen werden und — wie einmal die Natur der Menschen ist, begierigere Auffassung finden als die Vertheidigung und Rechtfertigung ״Es bleibt Etwas hängen!“ sagt ein altes Sprichwort und unsere Feinde werden dafür sorgen, dass Viel, nur Allzuviel hängen bleiben wird! Und die Antwort, die herausgefordert wird? K ü h 1 bis an’s Herz hinan wi*־d sie den Rechtsstandpunkt wahren und erklären, dass zu Befürchtiyyen gar keine Veranlassung vorliegt.“ Wir geben nur noch den erhebenden Schluss: ״Man hat Israel einen Virtuosen der Hoffnung genannt, weil es in den traurigsten Lagen, unter den misslichsten Verhältnissen zu hoffen nicht aufgehört hat. Diesen Namen wollen wir uns auch in dieser trüben Zeit nicht rauben lassen! Ist doch unsere Hoff nung keine selbstsüchtige, nicht blos die Hoffnung Israels, sondern der gesammten Menschheit! Wenn Israel leidet, dann — so lehrt die Geschichte — dann krankt die ganze Welt. In diesem Sinne ist Israel dar Herz der Welt, und man wundert sich über seine Empfindlichkeit? — Zu allen Zeiten der Finsterniss, des Rückschritts, des Aberglaubens war Israel in Schmach und Elend, in Noth und Gefahr. Darum ist Israels Hoffnung die Hoffnung Aller, welche den Sieg des Lichts und der Humanität ersehnen.“ Es bewahrheitet sich in dieser Predigt so recht das חכם עדיף מנביא. Es war übrigens leicht, in dieser Frage zum Propheten zu werden. Dass der Reinertrag den in der Judendebatte hart mitgenommenen ״Alliance‘ gewidmet ist, dürfte für Viele ein Sporn mehr sein sie zu kaufen. Sie kostet nur 50 Pf. R. י״י *•י So 0© P מש 10-2 8 . fl fl cS O ״ ם S 3 d S ״ ״ H o »£־ a v s ט W S g.*® •יסמין* ■ v 1י S *2 SS .5-11C •*®ע m »ca• Tt|׳rftntm>rtlicher Kedacteur Dr. Kahmer in Magdeburg. Druck von H Horbach in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipzig- '11