Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 52. (23.12.1880)
- Date
- 1880-12-23
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 206 — rationen wirksam eingreifen, halte ich keineswegs für ein Unglück, und bin überhaupt der Ansicht, dass die Vorsehung weit besser als Herr Stöcker begriffen hat, warum dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Procent Israel beizusetzen waren. Die gute Sitte und noch eine höhere Pflicht gebieten, die Besonderheiten der einzelnen Nationen und Stämme mit Maass und Schonung zu discutiren. Je namhafter ein Schriftsteller ist, desto mehr ist er verpflichtet, in dieser Hinsicht diejenigen Schranken einzuhalten, welche der internationale und der nationale Friede erfordert. Eine Charakteristik der Engländer und der Italiener von einem Deutschen, der Pommern und der Rheinländer von einem Schwaben ist ein gefährliches Unternehmen; bei aller Wahrhaftigkeit und allem Wohlwollen hört der Besprochene doch vor allem nur den Tadel. Das unvermeidliche und unvermeidlich ungerechte Generalisiren wirkt verstimmend und erbitternd, während es selbstverständlich eine Lächerlichkeit sein würde, von solchen Schilderungen eine Besserung der bezeichneten Schäden zu erwarten. Darin vor allem liegt das arge Unrecht und der unermessliche Schaden, den Herr v. Treitschke mit seinen Judenartikeln angerichtet hat. Jene Worte von den hosenverkaufenden Jünglingen und den Männern aus den Kreisen der höchsten Bildung, aus deren Munde der Ruf ertönt: ״Die Juden sind unser Unglück“ — ja es ist eingetroffen, was Herr v. Treitschke voraussah, dass diese versöhnenden Worte missverstanden worden sind. Der Kappzaum der Scham war dieser ״tiefen und starken Bewegung“ abgenommen; und jetzt schlagen die Wogen und spritzt der Schaum, So viel ist klar; jeder Jude deutscher Nationalität hat T.’s Artikel in dem Sinne aufgefasst und auffassen müsser, dass er sie als Mithürger zweiter Klasse betrachtet, gleichsam als eine ebenfalls besserungsfähige Strafkompagnie. Das heisst den Bürgerkrieg' predigen. — ״Sicherlich hat er nur einen platonischen Bürgerkrieg im Sinne gehabt: aber dieser hat, wie billig, geendigt, wie die platonische Liebe zu enden pflegt. Die schlechten Juden bleiben, was sie waren; die Juden wenden von den Christen sich ab; und von den Christen selbst stürzt der Pöbel aller Klassen sich begierig auf das wehrlose Wild, und die Besseren selber sind zum Theil im Innern unsicher und schwankend. Herr v. Treitschke wird, wie es üblich ist, für seine hohe Stellung bestraft durch die Wirkung seiner Fehler. Diese Hetze des Tages, wie sie jetzt ihren Lauf hat, kann das Publikum nicht bannen, aber ächten. Dies wird hoffentlich nicht ausbleiben, und die entwichene Toleranz zurückkehren, — nicht diejenige, die sich von selbst versteht, gegen die Synagoge, sondern die wesentlichere Toleranz gegen die jüdische, von ihren Trägern nicht verschuldete, ihnen als Schicksal auf die Welt mitgegebene Eigenartigkeit. Was über die Sonder- Stellung des deutschen Judenthums im Guten wie im Bösen zu sagen ist . . . dafür werden die Schriftsteller, welche in Betracht kommen, sehr wohl eine Form zu finden wissen, die der verständige Jude hinnehmen kann. Von einer Zurücknahme oder auch nur einer Schmälerung der vollzogenen Emancipation kann unter Verständigen gar nicht die Rede sein“, sagt Herr v. Treitschke; ״sie wäre ein offenbares Unrecht.“ Schlimm genug, dass man dergleichen schon sagen muss! Aber was die sogenannte Antisemitenpetition der Herren Zöllner und Genossen erbittet, ist ein offenbares Unrecht; es ist ein heimliches und tückisch verdecktes. Die Juden sollen, wenn Fürst Bismarck nach Herrn Zöllners unmassgehlicher Ansicht die Nation refornlirt, von allen obrigkeitlichen (autoritativen) Stellungen ausgeschlossen werden und ihre Verwendung im Justizdienst, nament f lieh als Einzelrichter, eine ״angemessene Beschränkung‘ erfahren; und das Begleitschreiben macht den Fürsten1 darauf aufmerkasm, dass die Staatsregierung im Stande sei, diese Bitte lediglich auf dem Wege der Verwaltung ohne jede Zuziehung der gesetzgebenden Faktoren zu gewähren. Also hiernach steht es den Juden auch ferner | frei, die Rechte zu studiren und die Prüfungen zu ab-1 solviren, nur angestellt können sie nicht werden. Eine Rechtsschmälerung ist es freilich nicht, wenn das Recht bleibt wie es ist — nur dass davon kein Gebrauch gemacht weiden kann; ein guter Beitrag zu der römisehen Lehre vom ״nudum jus“ und zu der culturhistorisch interessanten Untersuchung übor die Gewissensweite der neugermanischen Orthodoxen Sind die preussischen Universitäten, die den Namen unserer Könige tragen, gegründet als Schlingen zum Heranlocken an Stellungen, in die der Einlass versagt wird? Ich kann es verstehen, dass ein richtiger verbissener Antisemit die gute alte Zeit zurück wünscht, in welcher der Jude nur durch das Taufbecken fähig wurde, sich zur Uebernähme einer obrigkeitlichen Stellung vorzubereiten. Aber die Forderung dieser Petenten bestätigt leider den alten Satz, dass der Fanatismus ein Krebsschaden ist, weleher schliesslich auch das Gefühl der Ehre und der Ehrenhaftigkeit angreift.“*) Literaturbericht. Drei Zeitpredigten. I. Selbstbetrachtung, ein Wort zur Judenfrage am Makkabäerfeste**) Seltsam ist das Hin und Her, das Irren und Verwirren, welches hüben und drüben in der Judenfrage herrscht und mit jedem neuen Elaborate neue Verdunkelungen hineinträgt. Gegenüber den socialen, religiösen und Ragenanfeindungen haben wir Juden unsern Standpunkt klar zu bezeichnen. Sind wir eine Kaufmannsgilde, die solidarisch verbunden Jeden ihrer Mitglieder an gewissen Vortheilen participiren lässt? Sind wir eine semitische Colonie in Europa bezw. in Deutschland, welche als Staat im Staate leben, nur in einem tributären Verhältniss zum Staatsganzen stehen, sonst aber ihre eigenen Gesetze, Sitten und Gebräuche wahren will? Oder sind wir eine Religionsgenossenschaft, welche ihre sonst national gesinnten und national fühlenden Anhänger in diesem einen Punkte cosmopolitisch denken lehrt, in derselben Weise, wie der Katholicismus die nationalen Schranken festhält und sie in religiöser Beziehung wieder aufhebt? So gut Deutsche, Franzosen, Spanier, Portugiesen, Italiener und Angehörige aller anderen Nationalitäten zugleich treue Bürger ihres Vaterlandes und treue Bekenner der katholischen Religion sein können und zumeist sind, in eben derselben Weise sind wir Juden als Mitglieder einer Religionsgesellschaft, daneben (nicht dahinter) in derselben Stärke des Gefühls Bürger unseres Vaterlandes. Hier lässt sich nicht vom Aufgeben und vom Opfern sonst berechtigter Eigentümlichkeiten sprechen, wie man es von kleineren Stammes- und Landschafts verbänden fordern muss, wollen sie einem grösseren Volks- und Staatsganzen sich anschliessen. Der ״Culturkampf“ würde als eine Ausgeburt des Verfolgungswahnes gekennzeichnet, wolltet ihr vom Katholiken Opfer seines *) Auf die noch folgenden, ganz eigenthümlichen Schlusssätze der Broschüre kommen wir in nächster Nr. zurück. (Red.) **) Predigt gehalten und auf Verlangen herausgegeben von Dr. Frank, Rabbiner der israelitischen Gemeinde zu Köln. Druck von M. DuMont-Schauberg. Köln 1880. 12 S. gr. 8.