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Das jüdische Literaturblatt · 1880-12-09 · No. 50. (9.12.1880) · p. Seite 199

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 50. (9.12.1880)
Date
1880-12-09
Page
Seite 199 (sequence 3)
Language
German
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— 199 — in der im Ganzen sporadisch auftretenden Form J עשתי עשר zu halten vermochte. Bei dieser archaistisehen Form schwächte man den Spiritus lenis des V so sehr ab, bis er sich dem Auge gänzlich verläugnete, so dass sich dem Blicke schliesslich eine künstliche Conformität von שנים und שתים' darstellte. Sohrau O/S. Dr. Immanuel Deutsch. Literaturbericht. Recensionen. Hamburger, Dr. J., Landrabbiner zu Strelitz in Meeklbg. ,,Die Nichtjuden und Secten im talmudischen Schriftthum“ Ein Vortrag. — Neustrelitz. Hofbuchhandlung von G. Barnewitz 1880. Es ist gewiss ein verdienstliches Werk, gegenüber den Bestrebungen der Judenfeinde, welche aus dem Talmud, wie aus einem grossen Arsenale, die Waffen zur Bekämpfung der Juden herholen und auf Grund talmudischer Aussprüche die Gemeingefahrlichkeit des jüdischen Stammes für die abendländische Cultur und Moral darthun wollen, auf die vielen erhabenen Sittlichkeitslehren, auf die mannigfachen Vorschriften über Toleranz und Nächstenliebe hinzuweisen, die im Talmud und im rabbinischen Schriftthum enthalten sind. Allein wenn in einem wissenschaftlichen Vortrage, gehalten von einem Gelehrten, vor einem fast ausschliesslich ausUniversitätslehrern bestehenden Publikum ״über die Würdigung der Nichtjuden und den Verkehr mit ihnen nach den Lehren des Talmud“ in einer so einseitigen Weise gesprochen wird, dass in den sachkundigen Zuhörern — und solche muss man in einer Sektion der Orientalisten voraussetzen — sich nothwendig der Geist des Widerspruchs regen muss, dann wird der guten Sache ein unberechenbarer Schaden zugefügt, denn man giebt sich dadurch eine arge Blösse, man zeigt sich unwissenschaftlich und unehrlich zugleich. Hat man denn in Wahrheit das Thema über Nichtjuden im Talmud u. s. w. erschöpfend behandelt, wenn man nur die Stellen citirt, in denen ריבית דנכרי etc. verboten wird, die entgegenstehenden Aussprüche aber, die sogar codificirt worden sind, einfach verschweigt? Oder glaubt man, dieselben etwa damit erledigt zu haben, wann man in einer Anmerkung sagt?: ״Hiermit (nämlich mit einigen Paragraphen^aus Jad Chasackah) sind die etwa im Talmud vorkommenden unliebsamen Aeusserungen gegen Heiden z. B, die des Römerfeindes R. Simon Sohn Jochai u. a. m. aufgehoben. Sie bilden die traurigen Reminiscenzen aus einer verhängnisvollen Vergangenheit, sind die Stossseufzer aus einem von schmerzerfüllten Herzen gegen die sie (!) hart drückenden hadrianischen Religionsverfolgungen, die wir wegen ihrer völligen Bedeutungslosigkeit für die Gegenwart nicht weiter nennen wollen. Achtungsvolle christliche Gelehrte werden gern mit uns, dieselben der Vergessenheit anheim fallen lassen“ u. s. w. — Nein, der Vergessenheit brauchen christliche Gelehrte diese Aussprüche eben so wenig anheim fallen zu lassen, wie jüdische Gelehrte judenfeindliche Aeusserungen der Kirchenväter und anderer Koryphäen der katholischen und protestantischen Kirche vergessen müssen. Sie brauchen sich mit uns nur auf den Standpunkt zu stellen, dass eine Religionsgenossenschaft für die aus den Zeitverhältnissen und Culturzuständen leich׳j zu erklärenden Ansichten Einzelner nicht verantwort• lieh gemacht werden darf, wenn sie sich selbst nicht mehr zu diesen Ansichten bekennt. Der Talmud, der uns die Sitten und Anschauungen der in Palästina und in den Euphratländern lebenden Juden während eines Zeitraums von mehr als einem halben Jahrtausend schildert, der uns einen Kampf von verschiedenen, nicht selten einander schroff entgegenstehenden Meinungen vorführt, der seine eigenen Bestimmungen öfters aufhebt oder modificirt, ist kein Katechismus, der für alle seine Aussprüche dogmatische Autorität fordert, und selbst der gebildete, strenggläubige Jude unserer Zeit wird ein ungerechtes und liebloses Verhalten gegen Nichtjuden nimmermehr durch ein Citat aus diesem Riesenwerke fechtfertigen wollen. Wie trügerisch die Hoffnung des Vortragenden war, durch den Vortrag ״manches Vorurtheil gegen das Judenthum, soweit es in der Unkenntniss der jüdischen Lehre und des jüdischen Lebens wurzelt, zu vernichten und einer besseren Meinung desselben anzubahnen (sic)“, konnte er daraus erkennen, dass ein christlicher Gelehrter, der eingestandenermassen die judenfeindlichen Bestrebungen unserer Zeit verabscheut, sich erbot, sofort nach Beendignng des Vortrages eben so viele Stellen aus dem Talmud und den rabbinischen Schriften anzuführen, die das Gegentheil von dem enthalten, was Dr. Hamburger hatte beweisen wollen. Die Untersuchung über die ״Entsehung der Sadducäer, Pharisäer und Essäer“, die den zweiten Theil des Vortrages bildet, ist etwas unklar, so dass man gar nicht weiss, was damit aumfangen. Die Pharisäer sollen entstanden sein aus der Vereinigung eines grossen Theiles der Zaddikim, d. h. ״der Gerechtigkeitsbeflissenen, welche der Hellenisirung nur soweit nachgeben, soweit es sich mit dem jüdischen Gesetze verträgt“, mit einem Theile der Assidäer ״welche von einem Nachgeben oder Aufgeben auch nicht des Geringsten zu Gunsten der hellenistisehen Zeitströmung wissen wollen“ (paz. 15). Aus dem übrigen Theile der Zaddikim, der gegen diese Vereinigung protestirle, seien die Saddu cäer, und aus den dem Compromiss nicht beigetretenen Assidäern seien die Essäer entstanden. Welch’ trennender Unterschied aber zwischen den sich den Makkabäern anschliessenden und den protestirenden Zäddikim bestanden habe, darüber wird kein Wort gesprochen, und es ist doch eine ungeheuerliehe Zumuthung an den Hörer und Leser, dass er sich die Bildung einer in das politische und religiöse Leben der Juden so tief eingreifenden Partei oder Secte lediglich aus dem Aerger uud dem Unmuthe einiger Protestler über den Anschluss eines zum Kampfe am Sabbathe bereiten Häufleins von Assidäern an die Masse des Volkes erklären soll. Zu erwähnen haben wir noch, dass der Verfasser die bekannte Erzählung von dem Nasiräer, von dessen Schuldopfer Simon der Gerechte, seiner sonstigen Gewohnheit entgegen, ass, vollständig missverstanden hat. Er lässt nämlich (paz. 14) den Jüngling sagen: ״Das Nasiräergelübde habe in ihm den Trieb zur Eitelkeit und Sünde geweckt, und deshalb habe er den Ent- Schluss gefasst, es zu lösen“. Es verhält sich gerade umgekehrt. Der Jüngling erzählt, er habe sich bei Betrachtung seines durch schöne, lange Locken gezierten Bildes, das ihm der Wasserspiegel zurückwarf, auf einer Eitelkeit ertappt, und darum habe er alsbald ein Nasiräergelübde gethan, damit er nach Lösung desselben, d. h. nach einer dreissigtägigen Frist — oder, wenn er durch zufällige Berührung eines Todten unrein wurde, schon früher — sein Haupthaar zu seheeren gezwungen wäre. .. Wittkower, J. S. Agudath Perachim. Blüthenstrauss. Anthologie deutscher und hebräischer Gedichte für Geist und Herz. UeberSetzungen und Originale. XL und 340 S. Altona 1880. [Entsprechender hebräischer Titel.] Selbstverlag des Verfassers. Denjenigen der geehrten Leser dieser Blätter,

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