Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 49. (2.12.1880)
- Date
- 1880-12-02
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5367336-6488238-9584570--1694-9584573- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
rntim 195 Literaturbericht. Recensionen. Hamburger, Dr. J., Landrabbiner zu Strelitz in Mecklbg. ״Die Nichtjuden und Secten im talmudischen Schriftthum“ Ein Vortrag. — Neu* strelitz. Hofbuclihandlung von G. Barnewitz 1880. Der ״Pester Lloyd“ Nr. 312 vom 11. November d. J. bringt eine Besprechung dieses Vortrages, aus der wir Folgendes entnehmen: ״Wir können nicht genug auf die soeben erschienene Broschüre: ״Nichtjuden und die Sekten im talmudischen Schriftthum“, aus der Feder des Strelitzer Landesrabbiners Dr. J. Hamburger aufmerksam machen. Diejenigen, welche den Talmud fälschlich als die Quelle des Christenhasses bezeichneten und daraus die Berech* tigung einer menschenunwürdigen Razzia gegen die Juden ableiteten, mögen nun an der Hand eines wirklieh Kundigen über die wahren Intentionen des Tal* muds belehrt werden und daraus beschämt erkennen, dass die Lehrer der jüdischen Religion selbst in den Zeiten ihrer ärgsten Bedrückung nie die erhabenen Mahnungen der Religiosität und Menschenliebe aus den Augen verloren haben. Dr. Hamburger weist nach — und wir erwarten, dass Herr Istöczy und Consorten für wissenschaftliche Beweise zugänglich sind, wie jeder vernünftige Mensch —, dass alle Stellen des Talmuds, welche von seinen Gegnern auf die Christen bezogen wurden, sich gar nicht auf die Christen, sondern in den meisten Fällen auf die Römer beziehen. Der Nachweis ist interessant und verdient ausführlicher wiedergegeben zu werden. Der Talmud hat sieben Bezeichnungen für Nichtjuden, welche Namen theils von einzelnen Völkerschaften hergeleitet wurden, theils auf die gesammte Menschheit sich beziehen. Besonders interessant sind zwei Bezeich* nungen: ״Noachiden“ für diejenigen, welche den Götzendienst abschwören, und ferner die ״sesshaften Fremdlinge“, welche das Indigenat in Palästina bekamen, wenn sie die noachidischen Vorschriften zu halten, Gehorsam gegen die Landesgesetze und sittlichen Lebenswandel gelobten. Für Christen gibt es gar keinen eigentlichen Ausdruck im Talmud; der Ausdruck ״Minim“, der fälschlich dafür gehalten wurde, bezeichnet jüdische Sektirer, Hellenisten, Gnostiker oder schlimmsten Falls Judenchristen. Somit fällt auch jede Anschuldigung weg, als ob der Talmud gegen das ausserhalb des Judenthums stehende, paulinistische Christenthum je Hass gesät hätte. Im Gegentheil wurden die Anhänger des Christenthums, die sich zur Lehre des Evangeliums bekannten, an Gott und dessen geoffenhartes Wort glaubten, im Judenthum für Gottesverehrer und Mitarbeiter an der Begründung des Gottesreiches gehalten. Diese Auffassung ist auch die herrschende unter allen späteren jüdischen Gelehrten, selbst unter denjenigen, die in mohammedanischen Ländern und nicht unter christlichem Einfluss lebten Der grosse Maimonides, der 1135 bis 1204 in Egypten lebte, schreibt: ״Wer die sieben noachidischen Gebote (keine Götzen zu verehren, der Obrigkeit zu gehorchen, Niemanden zu tödten, Gott nicht zu lästern, der Blutschande sich zu enthalten u. s. w.) auf sich nimmt und auf deren Vollziehung bedacht ist, gehört zu den Frommen der Völker, er hat Antheil an der ewigen Seligkeit.“ Ausdrücklich sind bei einem nordafrikanischen Rabbiner, der zu Beginn des 15 Jahrhunderts lebte, die Christen als jene ״Fremdlinge“ (in mohammedanischen Landen) bezeichnet, für deren Lebensunterhalt der Jude sorgen und mit ihm in Liebes werken, gleichwie mit einem Israeliten zu verkehren habe. Der ganze Hass des Talmud gegen das Heidenthum bezog sich meist auf die Römer, und nach ihnen auf die Perser. Schon im dritten Jahrhundert war die Talmudlehre nicht nur zur Anerkennung des Christenthums, sondern selbst zur allgemeinen Humanitätslehre der Stoa vorgedrungen. Wer die sittlichen Gesetze beobachtete, ob Christ oder Jude, galt als Gottesdiener. Die Menschheit bezeichnet der Talmud mit dem Ausdrucke: ״Völker der Welt“. Die Zahl der Völker wird auf 70 angegeben. Für diese 70 Völker waren, nach talmudischer Auflassung, die 70 Stiere bestimmt, die am Laubhüttenfeste zur Sühne der ganzen Menschheit im Tempel zu Jerusalem dargebracht wurden Nur bezüglich der Römer bemerkt ein Rabbi des dritten Jahrhunderts: Das frevelhafte Rom, das die Reiche zerstört hat und dessen neidischer Blick auf das Vermögen Anderer, ist schon in der Daniel’schen Weissagung gerichtet. Als das Christenthum die Weltherrschaft angetreten hatten, erklärten die Rabbinen alle früheren auf die Völker (Heiden) bezüglichen Vorschriften des Talmud ungültig. Es geschah dies bereits im fünfzehnten Jahrhundert. Eine wahre Würdigung des Christenthums bringen die rabbinischen Schriften des 1617 ״. und 18. Jahrhunderts. So mahnt das Buch ״Beer Hagola“: ״Alles, was der Talmud über die Völker sagt, bezieht sich auf die Völker des Alterthums, auf die Heiden; aber die Völker, in deren Mitte wir leben, halten an vielen Hauptgrundsätzen unserer Religion fest. Der Schöpfer des Himmels und der Erde wird von ihnen vermehrt; so haben wir die Pflicht, für deren Wohl zu beten, ihnen zu Hilfe zu eilen u. s, w.“ Jeder Einsichtige wird durch die Citate der Dr. Hamburger’schen Schrift darüber noch einmal belehrt merden, wovon er schon früher überzeugt sein mochte, dass der ganze Antisemitismus auf eitel Lüge, mit Ignoranz gepaarter Böswilligkeit aufgebaut sei. Da aber die Masse unwissend ist, kann es nichts schaden, wenn deren Leitung nicht eiteln und gewissenlosen Demagogen überlassen würde, sondern beispielsweise auch fürdieVerbreitung so belehrender Broschüren, wie die gegenwärtig von uns besprochene, gesorgt würde Den innersten Kern aller Religionen soll das Streben bilden, die Mensehen mit einander zu versöhnen und zur allgemeinen Menschenliebe anzuleiten.“ (Es ist uns noch eine andere Recension von sach- und fachkundiger Hand über diesen Vortrag zugegangen, die wir in nächster Nr folgen lassen. Red.) Pesikta rabbati, Midrasch für den Fest-Cyclus und die ausgezeichneten Sabbathe, kritisch bearbeitet, commentirt, durch neue handschr. Hagada’s vermehrt, mit Bibel- und Personen-Indices versehen von M. Friedm a n n, Lector am Bet-ha-Midrasch in Wien. Nebst einem Lexidion der vorkommenden griechischen und lateinischen Fremdwörter von Rabbiner Dr. Güdemann in Wien. 1880. Selbstverlag des Herausgebers. Die vorliegende Ausgabe des durch die Edition der Mechilta und des Sifre bestens bekannnten Herausgebers kommt einem wirklichen Bedürfnisse entgegen. Die Pesikta rabbati ■st zwar öfters edirt worden, aber eine brauchbare Ausgabe war bisher nur die Breslauer, die heutzutage ziemlich selten ist. War also schon aus diesem Grunde eine neue Ausgabe angezeigt, so verdiente das Buch auch um seiner selbst willen, da es die ältesten Midraschim und zwar zusammenhängende Predigten enthält, eine neue und eingehende Bearbeitung, welche hier vorliegt. Herr Fr. hat überall die durch die Bequemlichkeit häufig ausgefallenen Bibelstellen, welche den Text der Vorträge bilden, liinzugefügt und die richtige LA. auf Grund gewissenhafter 25