Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 46. (11.11.1880)
- Date
- 1880-11-11
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 182 — '&r~ ׳ ״ ,. ״ -■׳ י,,־" י Jt. ür die Veröffentlichung bestimmt gewesen; ein Gelehrter dürfe über Vieles anders denken, als gewöhnliche Mensehen, und gewiss bedaure es Reuchlin selbst, Aergermiss gegeben zu haben. (Tentzel p. 99.) Obwohl nun eigentlich Mutian in einem vertrauten Briefe an Urbanus (Tentzel 138), den er sogleich zu verbrennen bittet, fast ebenso urtheilt, so ist er doch über die Verdammung des Augenspiegels höchst empört. Schon 1512 schrieb er an Petrejus: Da der grösste Gelehrte angegriffen, ein elender Ueberläufer aber beschützt wird, so will ich mich nach Kräften der Sache annehmen, nicht als Beschützer der Juden — das masse ich mir nicht an — sondern als Lobredner Reuchlins, der die Wahrheit liebend, ein billiges Urtheil über den Talmud abgegeben, das ■Schlechte tadelnd, das Gute vertheidigend. (Lib. nov. epp. ad. Reuchlin J. 7b.) Kaum hatte er aber den Wortlaut des Erfurtischen Gutachtens in Händen, als er mit dem ganzen Ingrimm der Lei* denschaft seine Schüler und Freunde zum Kampfe aufrief. Hatte er ja doch erfahren, dass die übrigen Fakultäten keineswegs mit der theologischen übereinstimmten, ja dass die juristische, welche man zu unterschreiben aufgefordert, geradezu ihre Unterschrift verweigert hatte. (Tentzel, Mutian ad Herebord p 97.) In einem Briefe an Urbanus (Tentzel p. 93) geht er die vorzüglichsten Sätze des Erfurter Gutachtens durch und unterzieht sie einer schneidenden Kritik. Werfen die Cölner mit Koth, so erwidert der Gothaer Canonicus nicht mit Patschouli. Von dem Tone, in welchem der Streit geführt wurde, möge der Schluss dieses Briefes eine Probe geben. Reuchlin — schreibt er — wird durch das Feuer gehen, aber er wird ewig unverletzt bleiben, das Feuer der Theologisten aber, das ist der Neid, wird nimmer erlöschen. Weder Trauer, noch Schmerz, noch Klage wird sein im Hause Johannis, unseres heiligsten Vaters, der da in göttlicher Eingebung also spricht: Es mögen untergehen die Bücherverbrenner, es mögen untergehen alle, die ähnliche Pläne hegen, Gott schlage sie mit Armuth, Fieber, Kälte, Hitze, Pest und Fäulniss, bis sie untergehen, er plage sie mit den Plagen Egyptens, mit Räude, Aussatz, dass sie nicht geheilt werden können. Er strafe sie mit Wahnsinn, Blindheit und Raserei, und sie mögen keinen haben, der sie heilt, er übergebe sie dem Satan, damit ihre Seele gerettet werde ... In einigen Tagen komme ein Zauberkünstler. Georg Faust, nach Erfurt, gegen den mögen die Theologen aufstehen, dem Philosophen Capnio (Beiname Reuchlins) werden sie nie beikommen. (Schluss folgt.) Additamenta zu Zunz’ Namen der Juden.*) Vou Dr. M. Grünwald in Breslau Wohin immer Zunz seine Blicke und seine Aufmerksamkeit richtete, brachte er Licht in das bisherige Dunkel, eröffnete er neue Gesichtspunkte, liess aber dennoch so manches für ״künftige Erklärer.“ (A. a. 0. p. 67.) Zunz führt nämlich Frauennamen an, die er für griechischen und türkischen Ursprungs hält, weil der grösste Theil dieser Namen am häufigsten in diesen Gegenden vorkam oder vorkommt. Sieht man sich aber diese Namen näher an, so zeigen sie sich dem auch nur einer slavischen Sprache Mächtigen zum grossen Theil als slavische Wörter, wenn auch andere der von Zunz angeführten Namen theils ungarischen, theils selbst hebräischen Ursprungs sind. Was zunächst das Neugriechische betrifft, so ist es ja bekannt, dass dasselbe viele slavische Elemente in sich aufgenommen hat und erst seit der jüngsten Zeit ist man bemüht, die Sprache der *) Gesammelte Schriften. 2. Bd. Berlin 1876. classischen griechischen so ziemlich gleich zu machen (wie wir glauben mit Unrecht, denn es käme dem gleich, als wollte man das Mittelhochdeutsche heute zur Schriftsprache stempeln). Zunz hat die Namen, die er nicht erklären konnte, in der Gesammtsausgabe seiner Werke, in Originalgestalt wiedergegeben, damit eine Entzifferung und Lösung desto leichter möglich sei. Bevor ich zur Erläuterung und Feststellung der ursprünglichen Bedeutung dieser Namen schreite, will ich'nur noch das Eine hervorheben, dass hier, wie dies im Deutschen und Englischen auch der Fall ist, die Vornamen häufig verkürzt werden, allerdings nicht so stark wie im Englischen, wo die Namen dann geradezu unkenntlich weiden, wenn z. B. aus dem Worte Richard das abgekürzte Dick entsteht, oder aus Robert Bob. Und nun theilen wir die Worte mit, deren Lösung wir gefunden zu haben glauben, und fügen in gleicher Weise das Original hinzu, damit eine Controle möglich sei Sämmtliche Namen finden sich auf Seite 67 und 68 der angeführten Abhandlung. אילונה und אלונה. Ilona, ganz regelrecht umschrieben, ist ein noch heute in Ungarn üblicher Vorname und entspricht dem deutschen Helene. Nun ist es aber bekannt, dass noch itn heutigen Neugriechisch das T1 wie i ausgesprochen wird, und so würde aus Helene Ilona. בארונה. Varuna ist ein heute in Mähren und Böhmen sehr häufig vorkommender Frauenname; die Etymologie ist dieselbe, wie vom russischen Wjera, die Wahre, Wahrhafte, und ist etymologisch mit dem let. verus verwandt. Mundartlich heisst auch das Wort Veruna (so von dem Landvolk in Altstadt bei Ung. Hradsch.) בולארה. Volara ist nichts anderes als Violaria, ״Veilchenähnliche“, ״V e i 1 c h e n“, wie dieser Name auch häufig bei den Deutschen sich findbt. בוליסא. B e 10 s a ist das abgekürzte Femininum von dem masculinum Boleslav, ״ruhmreich“, einem Namen, den mehrere Fürsten trugen. גיראסה. Gerasa ist nach der freundlichen Mittheilung des Literaten Herrn P. Rudermann aus Warschau, ein in Russland sehr häufiger Name, und ist nichts anderes als das femininum von Gerasim, das dem hebräischen נרשום gleichkommt. דתנא und דרשנא ist das russische Druzna ״die Freundliche“. Zunz’ Vermuthung, die er bei diesem Worte äussert, ״wahrscheinlich in Breslau“, hat sich glänzend bestätigt; denn in der That starb im vorigen Jahre eine Frau, die den Vornamen Druzna trug u. zw. Druzna Schottländer. (Gütige Mittheilung des Herrn Dr. Brann in Breslau). Dass aber דרונא und דרשנא ein und daselbe sei, braucht wohl nicht erwiesen zu werden, es ist das nur eine locale Färbung, dialektische Verschiedenheit. חסינה ist nichts anderes, als das Femininum von Chassan, ein bei den Arabern und von da zu den Türken übergegangener Name, wie ja grosse jüdische Gelehrte Abul Hassan (so Jehuda Halevi) hiessen. יקוטה /יקותא scheint nichts anderes zu sein, als eine Abkürzung aus יקותיאל, wobei es möglich ist, dass man mit Absicht das Wort אל wegliess. מיירונה ist das allen, slavischen wie deutschen Sprachen gemeinschaftliche Marianna. מארא ist Maria und מחיקה ist das bei sämmtlichen slavischen Völkern vorkommende Wort Mariska und entspricht etwa dem deutschen Kosewort Mari echen; es ist die Endnng ka im slavischen eine Deminutivendung, manchmal ist dies auch im Ungarischen der Fall; so bildet man anch aus Ilona das Wort Ilonka ״Helenchen“.