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Das jüdische Literaturblatt · 1880-10-21 · No. 43. (21.10.1880) · p. Seite 170

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 43. (21.10.1880)
Date
1880-10-21
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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— 170 — Abneigung der Juden vor schweren körperlichen Arbeiten als durchaus unbegründet zurückweist, ja — und hier hat wieder der Wahrheitstrieb über das Vorurtheil den Sieg davongetragen — er führt selbst die Worte Hoffmanns an, die sein ganzes Truggebilde zerstören: ״Auch ist der Unterschied in dem Sterblichkeits- Verhältnisse der Christen von den Juden nicht erheblich grösser in dem Lebensalter, worin die besonderen Gefahren jener Gewerbe vorzüglich wirksam sind. Von den überhaupt 800 Todesfällen, welche jährlich im Durchschnitt unter 100,000 gleichzeitig Lebenden bei den Christen mehr Vorkommen als bei den Juden, gehören 343 dem untervierzehnjährigen Lebensalter an, 135 dem Zeiträume der grössten körperlichen Thätigkeit, vom Anfänge des 15. bis zur Vollendung des 45. Lebensjahres und 231 der späteren minder körperlich kräftigen Lebenszeit. In sämmtlichen drei Zeiträumen beträgt die Sterblichkeit'der Juden nur etwas mehr als sieben Zehntheile der Sterblichkeit unter den Christen.“ Es sterben von 100,000 Juden im Durchschnitt 2161, von Christen 2961. Von je 100,000 neugeborenen Kindem waren todtgeboren von Juden 2524, von Christen 3569. Vor Vollendung des ersten Lebensjahres gestorhen von Juden 12,935, von Christen 17,413. Hierfür, wie für das auffallende Factum, dass nach der preussischen Statistik bei der Gesammtbevölkerung auf 100 Mädchen 106 Knaben (in Oesterreich nach Dr. Schirmer 105,8 Knaben), während bei den Juden 111 Knaben (in Oesterreich sogar 128,5) kommen, giebt die Reinerhaltung des Stammes eine ausreichende physiologische Erklärung. Wir machen abermals die vorurtheilslose Forschung auf die biblisch-talmudischen Gesetze über Nidda aufmerksam, ob nicht in ihnen der Grund zu diesen Verschiedenheiten der sonst unter gleichen Lebensbedingungen Entstehenden zu finden ist. An diese naturgeschichtliche Betrachtung schliesst sich wieder eine Diatribe Stöcker-Treitschke’scher Art an. ״Nicht blos die körperlichen, auch die geistigen Eigenschaften vererben sich“. Und diese sind? ״Die Idee des einigen Gottes und der Glauben, ein auserwähltes, von Gott bevorzugtes Volk zu sein“. Die erstere Idee vererbt sich nicht, sondern wird ״fortgepflanzt“, bewusst übertragen. Ueber die Auserwählung haben wir nur zu bemerken, dass sie darin besteht, dass wir die Ersten waren, welche der Offenbarung gewürdigt wurden. Wir sind auserwählet darin, dass Gott uns die Thora gegeben. Dieses Erkorensein hat uns allein Pflichten und keine Rec 111e gebracht — es hat mutatis mutandis — denselben Sinn, wie das von gläubigen Christen oft gebrauchte, dass ״das Heil von Juda komme.“ Wenn wir uns nicht mit ״anderen Stämmen“ verbinden wollen, so hat daran nicht der Gedanke der Auserkorenseins Schuld, sondern das rein religiöse Motiv, welches in gemischten Ehen das Grab des religiösen Lebens mit Recht erblickt. Nicht der Judenstamm, sondern die jüdische Religion ״widerstrebt hartnäckig der Vermischung“ — alle sonstigen Folgerungen sind Phantasiegebilde, da hauptsächlich körperliche Eigenthümlichkeiten beachtet, die Einwirkung der Religion unbeachtet blieb. (Schluss f.) Die mosaische Völkertafel und die griechischen und römischen Geschichtsschreiber. Es ist erfreulich, dass in neuester Zeit durch die Entziffer ung der sogenannten Keilschrift, welche in Folge der Ausgrabungen jener Stellen, wo ehemals Ninive und sonstige Alterthümer sich befanden, aufgedeckt wurde, die Bindigkeit und Richtigkeit der biblischen Geschichtsnachrichten, gegenüber den betreffenden, nur vom Hörensagen entstandenen Mittheilungen griechischer und römischer Schriftsteller evident nachgewiesen worden. — Ein Gleiches findet nun hinsichtlich der inosaisehen Völkertafel (I, Cap. 10) statt, welche durch jene Entzifferung erst das richtige Verständniss bietet. Bekanntlich erzählen die erwähnten Geschichts- Schreiber, dass der Gründer des alten assyrischen Reiches Ninus war, der sich eine Residenz dort erbaute, die er Ninive nannte — was man mittelst einer hebi'äischen Zusammensetzung ״ נץ־נוהNin’s (Ninu’s) Wohnung“ zu deuten suchte — und als Nachfolgerin wird dort dessen Hauptgemahlin Semiramis und dann deren Sohn Nynias genannt. Dagegen berichtet die mosaische Völkertafel (das. 10, 8—12), dass der chamitische Nimrod ein gewaltiger Held und Jäger, der erste Tyrann der Vorzeit war, welcher mittelst seines Anhanges sich die Herrschaft über die semitische Bevölkerung in Chaldäa (das. V. 22—24) errungen und daselbst Babel als seine Residenz erbaut habe. Auch hierbei deutete man fälschlich den Namen dieser Stadt im Zusammenhange mit der späteren Verehrung des Götzen Baal — chaldäisch: Bel — mittelst einer aramäischen Zusammensetzung aus בבא־בל, abgekürzt in ״ בבלBel’s Pforte“: TT V T während die h. Schrift (das. 11, 9) diesen Namen damit erklärte, ״weil beim Thurmbau zu Babel die Sprache der Völker verwirrt (בלל, chaldäisch בלבל) wurde.“ Zugleich möge dieser Eigenname auf die vorangegangene durch Nimrod bewirkte ״Vermischung (בלל)£‘ seines chamitischen Anhangs mit den semitischen Baby- Ioniern gedeutet werden, wie z. B. für die Entstehung des Ortsnamen באר־שבע zweierlei, hinsichtlich der ״Siebenzahl“ sich gleichende Ereignisse in der h. Schrift (I. Mos. 21,31, dann 26,33) angegeben werden. Weiter erzählt die mosaische Völkertafel (das. 10,11), ״dass derselbe Nimrod von Babylon aus nach Assyrien ging und mit Hilfe seines Volkes — den Babyloniern — auch die dortigen semitischen Einwohner unterjochte (s. das V. 22) und Ninive als seine neue Residenz erbaute “ — Diese Erklärung der inmitten der chamitischen Genealogie eingeschalteten Eroberungszüge Nimrod’s ist als die allein richtige zu betrachten 1) weil der Satz מן הארץ ההיא יצא אשור unmittelbar auf den nur auf Nimrod bezüglichen Satz ותהי ראשית ממלכתו בבל folgt, sich also nur auf Nimrod beziehen kann. 2) Wenn unter Aschur der Stammvater der Assyrer und nicht das Land Assyrien zu verstehen wäre, so müsste es nach dem hebr. Sprachgebrauch heissen: ויצא אשור/ ויבן 3 •את־נינוה) Müsste dann diese geschichtliche Einschal־ tung in der semitischen Genealogie (hinter den 22. Vers) verkommen, wie dies bei Babel in der chamititischen Genealogie geschieht! — Dass aber, so unter Aschur in jenem Satze das Land Assyrien zu verstehen sei, das hebräische He locativus fehlt und es darum אשורה heissen sollte? Darauf ist zu erwidern, dass dieses He auch sonst bei Eigennamen zuweilen mangelt, z. B. bei חצר־אדר (iv. M. 34,4), was nach der Analogie der zusammengesetzten Eigennamen חצךה־אזיר heissen müsste (vgl. hz, I. M. 46,1) etc. Sehen wir uns nunmehr nach dem Ergebniss der Entdeckung der Keilschrift durch die zuerst von Layard begonnenen Ausgrabungen der vormaligen Paläste Ninive’s und Entzifferung dieser Schrift durch mehrere Orientalisten — worunter sich besonders auch unser Glaubensgenosse Oppert, geboren zu Hamburg und angestellt am College de France in Paris, auszeichnete —, so zeigt sich, dass die biblischen und nicht die griechischen und römischen Mittheilungen auf Wahrheit beruhen. Denn nach jener Keilschrift war Assyrien anfangs eine Colonie der älteren gleichfalls semitisehen Babylonier, deren Reich zuerst gegründet wurde und die circa 2000 Jahre vor der jetzigen Zeitrechnung, also gerade um die Zeit des Eroberers Nimrod und bei

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