Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 42. (11.10.1880)
- Date
- 1880-10-14
- Page
- Seite 167 (sequence 3)
- Language
- German
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—!67 — •wird zwar in den Parfümerien verwendet; allein es •wird auch in der Medicin gebraucht Es riecht wie Ingwer und Terpentin. Der Comrnentator Raschi erklärt dieses Wort nach einer Definition, welche die Gemara in dem Tractat Sabbath S. 110 giebt, dass nändich das Wort!עיקרי ein Getränk bezeichnet, welches aus ■dem Safte verschiedener heilsamer Pflanzen und Spezereien bereitet ist. Jedoch diese Erklärung ist aus folgendenden Gründen unrichtig. 1. Der Ausdruck שטן עיקרן, wie es am Schlüsse der eben angeführten Mischnah heisst, beweist unzweifelhaft, dass das Wort עיקרן nur eine Substanz bezeichne; denn hätte man mehrere Substanzen darunter verstanden, so würde man den Plural שמני and nicht den Sing. שמן, und nicht den Sing.עיקרן, sondern den Plural עיקרין gebraucht haben. Es ist offenbar, dass unter dem Ausdrucke שמן עיקרן Grasöl oder calamus aromaticus verstanden wurde, und weil man dieses Oel als Medicin oder Parfümerie benützte, so wurden aus diesem Grunde die Worte שלא לרפואה hinzugefügt. Am Samstage, meinte die Misclmah, darf es blos als Parfümerie, nicht aber als Heilmittel angewendet werden. 2. Da Celsns und Andere von der alten Schule tonische Arzneimittel und bittere Stosse als Heilmittel für die Gelbsucht verordneten (siehe Dictionary of Practica! Medicine, by Charles Lee, Vol. II, 358), so ist es sehr wahrscheinlich, dass acorus calamus als Medicin für die Gelbsucht, wovon in der Mischna gesprochen wird, gemeint sei. 3. Da der Midrasch Rabbah Lev. Kap. 12 und ibid. Parscliat Nizabim ausdrücklich bemerkt, dass ein Becher voll Ikaron eine Arznei für den Magen sei, so konnte diese Medicin unmöglich aus den Ingredienzen zusammengesetzt sein, wie diese von Rabbi Jochanan Tract. Sabbath p. 110 angegeben werden. Die Gemara scheint den Ausdruck עיקרן vom Hebräischen ״ ,עקרunfruchtbar“, ״kinderlos“ abgeleitet zu haben, welches ein gewaltiger Irrthum ist Dies ist wiederum ein Beweis, dass die Gemara, die viel später als die Mischna abgefasst wurde, die Sprache der Mischna nicht mehr verstand. Und da die Gemara den Ausdruck nicht kannte, so gab sie demselben eine sonderbare Definition. B, Ebenso unrichtig erklärt Rabbi Jochanan das Wort קנם, welches in der Mischna Traktat Nedarim Fol. 10 vorkommt. Der Ursprung und die Bedeutung dieses Wortes wird in der Gemara discutirt. Rabbi Jochanan behauptete, dass dieser Ausdruck unter den Heiden üblich war, und Opfer bezeichne. Rabbi Simon ben Lakisch meint, die jüdischen Gelehrten hätten das Wort קנם erdichtet. Ich fand jedoch das Wort קנם in der grossen phönizischen Inschrift,, welche ich im Jahre 1855 entzifferte. Meine Uebersetzung und Anmerkungen zu tlerselben wurden von Dr. Benish der Syrisch-Egyptischen Gesellschaft in London vorgelesen, wo sie mit 2 anderen Erklärungen verglichen und als correct er■ klärt wurde. Durch diese Inschrift ist unzweifelhaft erwiesen, dass das Wort קנם bedeute: ״ich betheure“, oder ״ich erkenne feierlich“. Das Wort קנם, welches in der Mischnah vorkommt, hat also dieselbe Bedeutung; denn zur Zeit, als die Mischnah abgefasst wurde, wurde die hebräische Sprache grösstentheils vom Volke gesprochen oder wenigstens verstanden, und folglich war das Wort קנם in der Volkssprache im Gebrauch. Später als die hebräische Sprache ausstarb, ging der Sinn dieses Wortes, sowie überhaupt viele andere hebräische Ausdrücke gänzlich verloren C. Das Wort תמליון, welches Tractat Meilah p. 17, 2 vorkommt, scheint mir das griechische th|1sXtov zu sein. (Siehe Kor. 3, II; Kap. 12, 3 etc.; siehe auch The Polymicrian Greek Lexicon to the New Testament, by Greenfield; Bretschneider’s Dogmatik I. B. p. 235) Dieses Wort bezeichnet die Hauptlehre des Christenthnms oder die Anfangsgründe der christlichen Religion (s. Heb. 6, 1). Die Verbreitung des Christenthums im römischen Reich war die Ursache (s. Pölitz, Weltgeschichte Ad. II, S. 33), dass die Juden verfolgt wurden, und darum wurde diese Thatsache symbolisch durch den Ausdruck Ben Temelion als ein böser Geist dargestellt, der durch den Einfluss, welchen Rabbi Simeon ben Jochai am römischen Hofe hatte, besiegt wurde. Literaturbericht. Rcceiisioneii. Merx, Professor Dr. Albert. Die Prophetie des Joel und ihre Ausleger. Halle, Waisenhaus-Verlagshandlung. 1879. Ein höchstintei’essantes Buch. — Credners Auf- Stellung vom Jahre 1831, nach welcher Joel zwischen 809 und 840 v. Chr. geschrieben haben soll,;hat sich bekanntlich in weiteren Kreisen eines grossen Beifalls erfreut. Neuerdings ist die Opposition dagegen, welche lange Zeit verstummt war, wieder erwacht. Zu diesen Opponenten gehört auch Herr Dr. Merx. Nach ihm schrieb Joel erst lange nach der Restauration des jüdisehen Staates. Aus seinen Gründen gegen die Ansicht Credners und Anderer, welche zwar Joel mehr herabrücken, aber ihn dennoch während des Bestandes des Königreichs Juda auftreten lassen, will ich nur folgende herausheben: Die Aeltesten und alle Bewohner des Landes sollen seine (Joels) Rede hören. Jene*) sollen alle Landesbewohner in das Haus des Ewigen versammein — Wo bliebe das Haus des Königs und der König selbst, wenn Joel’s Auftreten vorexilisch wäre? Als Volksleiter mit entscheidender Autorität, wie hier finden wir die Aeltesten erst nach dem Exile (Esra 10, 8; 14), aber nicht früher. Und wenn alle Landesbewohner den Propheten hören, sie im Tempel versammein und dieser sie alle fassen sollte, so musste das Land einen kleinen Umfang haben, wie es zur Zeit des Esra und Nehemia wirklich der Fall war. — ״Auf diese nachexilische Zeit führt auch die Bedeutung, welche er dem Fasten und Opfern beilegt. Zunächst hat das Fasten bei Joel den Sinn und Zweck, dem Gebete Erhörung zu verschaffen, als ala precuni zu dienen“, und das ist bei keinem alten Propheten denkbar oder zu finden. Jer. 14,12 sagt: Wenn sie fasten, höre ich (Jahve) nicht. Jes 58,6 will statt des leibliehen Fastens ein sittliches Handeln; Zach. 7,5 weist auf das Widersinnige des Fastens hin etc. . . Alle Propheten verwerfen das Fasten, nur Joel gebietet es und rückt sich damit von selbst in die Gesellschaft nicht etwa von Jonas selbst, sondern von dem Könige von Ninive, der das Fasten anordnet, Jon. 3,5; von Nehemia 1,4. 9,1; von Esra 8, 22; von Esther 4, 3. 16; von Daniel 93 ז, mit einem Worte in die letzte Zeit der hebräischen Literatur.“ — Zu demselben Ertjebniss führt auch der hohe Werih, den Joel auf äussere Cultushandlungen, auf Speise- und Trankopfer etc. legt Hier ist der Bund des Propheten mit dem Priester geschlossen. — Wenn ehemals die Priester, die Organe des Volkes, *) Anmerk. Kap. 1,14 übersetzt Merx also: ״Verordnet ein heiliges Fasten, ruft einen Gottesdienst aus, versammelt, ihr Aelte* sten, alle Landesbewohner in das Haus Jahve’s, eures Gottes und schreiet zu Jahve etc ‘‘ — Nun ergeht zwar nach den meisten üebersetzern und Interpreten auch diese Aufforderung an die Priester und nicht an die Aeltesten. Allein gerade wenn die Priester als die Lenker und Vertreter des Volkes erscheinen, würde dieser Umstand noch deutlich auf die nachexilische Zeit hinweisen und die Merx’sche Ansicht noch mehr verstärken.