Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 42. (11.10.1880)
- Date
- 1880-10-14
- Page
- Seite 168 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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168 — für Opfer waren, so haben sie sich allmählich zn Lehrern entwickelt. Mal. 2, 7, und nun sind sie bei dem levitisehen Joel auch Fürbitter geworden, Joel 2,17, die zwischen Volk und Gott vermitteln, nicht nur durch Cultusformen, sondern auch durch das Wort, was ehemals Sache des Propheten war. In Joels Zeit ist der Priester auch Redner und der Prophet Verehrer der priesterlichen Ordnung, der Bund ist geschlossen, den nach ihrer ursprünglichen Natur Prophetenthum und Priesterthum nicht eingegangen waren, geschlossen auf Grund tiefer Veränderung im Wesen beider Stände. — Joel wird von einem eschatologischen Interesse bewegt. Er studirte die Propheten, namentlich die späteren: Jesaja II, Ezechiel, Zacharia, und verglich die Erfüllung mit de»• Verheissung War das jüdische Volksleben, das nach Nehemia eintrat, in Wahrheit eine Verwirklichung der Hoffnungen dieser Propheten? Mit nichten Joel nennt den gegenwärtigen Zustand eine Schmach (חרפה^. Wer unter solchen Umständen die alten Propheten las, musste entweder ihre Reden für eitel erklären oder die Hoffnung der Verheissung erst von der Zukunft erwarten. Letzteres that Joel. Das von den Propheten verkündete göttliche Gericht ist für ihn ein zukünftiges, abschliessendes, und mit diesem Gericht steht die wahre Herstellung des Gottesreiches, zu welehern Juda berufen ist, in einem Causalzusammenhang. Gericht und Herstellung konnten dann nur an das Ende der gegenwärtigen Weltperiode gerückt werden*) (עולם הבא)• — Aber der Prophet bedurfte einer Unterläge, aut der er sein eschatologisches Gebäude aufführte. Joel suchte für seine endgerichtliche Schilderung einen Typus, zu welchem sie sich als Antitypus stellte. Diesen Typus fand er in der Befreiung aus dem Joche Aegyptens. Die alte Befreiung aus Aegypten war durch Plagen vorbereitet, so auch der Tag Jahve’s: dem Tod der Erstgeburt entspricht die Vernichtung der Völker, der ägyptischen Finsterniss die Verdunkelung der Sonne, und bei der vorhergehenden Heuschreckenvernichtung setzt Joel ein, indem er seinen Eingang mit unzweifelhafter Rücksicht auf Exodus 10,4 entworfen hat“ — Dass die Parallelisirung der Erlösung aus Aegypten und die künftige endgerichtliche Erlösung im Midrasch begründet ist, beweist Dr. M. durch das in demselben öfters vorkommende להקיש גאולה אחרונה לגאולה ראשונה und Joel ist ihm schon eine Art Midrasch. — So weit Dr. Merx. Ich muss gestehen, die Merx’sche Ausführung hat überzeugend auf mich eingewirkt. Nur Einiges habe ich daraus hervorgehoben, um das gelehrte Publikum darauf aufmerksam zu machen. Man muss das Ganze lesen. So viel steht bei mir fest: Joel ist erst nach Nehemia aufgeirelen, und seine Verkündigungen haben es mit dem Ende der jetzigen Weltperiode zu thun. — Folgende Erwägung diente mir dazu, mich in der Merxsehen Theorie noch mehr zu bestärken Von Rehabeam, dem Sohne Salomo’s, an war der grösste Theil des Reiches Juda dem Götzendienst ergeben. Auch das Königshaus hing ihm an mit Ausnahme einiger Könige wie z. B. Hiskija, Josia etc. Nur ein sehr kleiner Theil blieb dem Monotheismus treu. Wäre nun Joel während des Bestandes des Reiches Juda in diesem aufgetreten, wie hätte er sich unter so bewandten Umständen zu der kühnenen Hoffnung versteigen können, dass Gott seinen Geist über Israel so ausgiessen werde, dass alle seine Alten und Jungen, Söhne und Töchter, weissagen und Propheten werden? Hätte er da nicht ganz Unglaubliches gedacht und verkündet? Anders war es in der nachnehemianischen Zeit. Der Götzendienst war geschwunden, der Cultus ging in vorgeschriebener Ordnung ununterbrochen vor sich, besondere sittliche Gebrechen waren nicht im Schwünge — da konnte Joel den Gedanken fassen, dass wenn der sittlich-religiöse Zustand des Volkes in der bisherigen Weise fortschritte, endlich alle seine Glieder Propheten würden.*) Darmstadt, im Sept. M. Mannheimer. Kurrein, Dr. Ad , Rabbiner und Prediger in Linz, Die Offenbarungen der Schöpfung. 5 Reden. Wien 1880 M. Gottlieb’s Buchhandlung. Heutzutage, wo man die scheinbare Unvereinbarkeit der Naturwissenschaft und der Bibel an allen Seiten und Enden mit dem grössten Eifer zu predigen bemüht und dieser falsche Wahn bereits in die tiefsten Schichten gedrungen ist, wo der sch einbare Gegensatz zwischen Wissen und Glauben in einer geradezu widrigen Weise auf die Spitze getrieben wird, muss es einen wahren Freund der Wissenschaft, der aber zugleich auch ein treuer Anhänger des Judenthums ist, wohlthuend berühren, wenn wieder einmal von berufener Seite eine Annäherung zwischen jenen beiden, doch so innig miteinander verwachsenen Gebieten des mensch* liehen Geistes versucht wird. Herr Dr. Kurrein hat es sich zur Aufgabe gemacht, in seinen soeben erschienenen Predigten über die Offenbarungen der Schöpfung den Beweis zu führen, ״dass das Judenthum die Wissenschaft überhaupt, die Natur- Wissenschaft insbesondere, nicht zu scheuen brauche.“ Nicht mit Unrecht hebt Kurrein in seiner Vorrede hervor, dass die Mehrzahl der heutigen jüdischen Prediger meistens Stoffe allgemein ethischer Natur behandein, während sie mit einer gewissen Aengstlichkeit dem übrigen Lehrinhalte des Judenthums aus dem Wege gehen. ״Eür eine gewisse Zeit mochte dies vieLleicht einigermassen seine Berechtigung haben und in der Mendelssohn’sehen Aufklärung und in ihrem huma■־ nisirenden Streben seine Erklärung finden, die Gegenwart giebt und kann sich nicht zufrieden geben.“ Ganz richtig. Denn in der Gegenwart, wo der Gedankenkreis und der Bildungsgang der Meisten nicht einzig und allein im und um’s Judenthum sich bewegt, wo das Judenthum nicht mehr Haus, Familie und Leben durchdringt, muss der Jude wenigstens aus der Predigt sein Judenthmn kennen lernen. Und sogar Themata naturwissenschaftlicher Art dürfen, wo sich Ankniipfungspunkte dazu bieten, am wenigsten in unseren Tagen gemieden werden, wo die Naturwissenschaft so oft als Waffe gegen Religion und Bibel gebraucht wird und wodurch der jüdische Prediger ja die beste Gelegenheit findet, letztere gegen die Angriffe der ersteren in Schutz zu nehmen und zu vertheidigen. In diesem Sinne behandelt der Verfasser in höchst anziehender Weise das Verhältniss Gottes und des Menschen zur Natur, bespricht unter Einflechtung äusserst sinnreicher Stellen aus der Ragadah, diese grundlegenden Gedanken für die Lehren des Judenthums, die die Denker stets beschäftigt haben und die, hofft der Verfasser, bei der Stellung, die die Naturwissenschaft gegenwärtig in der Bildung der Menschen einnimmt, gewiss anregend auf die Zuhörer und besonders aut die Jugend wirken werden, da sie die Ueberzeugung dadurch erlangen können, dass es im Judenthum gut ist: ״das Eine zu ergreifen und auch vom Andern nicht zu lassen; denn gottesfürehtig geht man aus dem allen hervor“ Mähr.-Weisskirchen Isidor Singer. *) Kimclii hat schon darauf hingedeutet. ׳) Auf den exegetischen Theil des gelehrten Buches gedenken wir noch be-onders /urückzukommen. (Red )_ Verantwortlicher Redacteur Dr. Kalimcr in Magdeburg. Druck von K Horbach in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.