Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 42. (11.10.1880)
- Date
- 1880-10-14
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5367336-6488238-9584535--1658-9584537- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 166 doch die Anmerkung 476 Moses, Christus, Spinoza, Mendelssohn, ja selbst Lassalle und Disraeli — der Geist des Ganzen, die Absicht spricht sich da am deutlichsten aus: ״Spinoza war der grösste Metaphysiker und Moses Mendelssohn der humanste Philosoph, und wer wollte daneben den Juden in ihrer allgemeinen und durchschnittlichen Erscheinung Talent und Vorliebe für Methaphysik und Humanität zusprechen?“ War Lessing ein Deutscher? Ich glaub’s nicht mehr. Wenn die Treitschke und ihre Nachbeter den deutschen Volksgeist darstellen, dann haben die Deutschen nicht das Hecht, Lessing den Ihrigen zu nennen. Wer aber weiss, wie Spinoza in seiner Methaphysik auf den Schultern jüd. Vorgänger steht und dass Mendelssohn’s Bedeutung eben darin liegt, dass er ganz Jude war und seine jüdische Gesinnung als guter Stylist den Deutschen gab, die im Juden den Mann mit dem grossen Sack und dem grossen Bart sahen — der wird das Judenthum doch ein wenig diesen seinen beiden grossen Söhnen ähnlich finden. Ausserdem sind die Juden kaum seit Mendelssohn — er, der Fischdoktor Bloch, der Hofrath Herz, der Philisoph Maimon, der Dichter Kuh und ihre Zeitgenossen waren Autodidakten — zum Besuche der staatlichen Lehranstalten zugelassen, die Verwerthung ihres Wissens aber wird ihnen erst seit der vollen Emancipation möglich — denn wo der Staat scheel darauf sah, dass der Jude einen christlichen Dienstboten hatte, da war der jüdische Fabrikant, der jüdische Beamte eine Unmöglichkeit. Nach dieser kurzen Spanne Zeit bemessen, was der Jude in Technik und Industrie geleistet hat — und Hut ab vor dieser geistigen Elasticität. Doch das Wüthen gegen uns drückt ja diesen Respekt aus! Wie komisch — trotz aller Wiederholung — müssen auf einen Juden oder den, der die Juden kennt, folgende Sätze wirken: ״Der Welthandel, wo neue Werthe geschaffen werden, war nie ihre Neigung“*) — es musss heissen: Trotz aller Concurrenz und aller Chikane haben die Juden sich soweit heraufgearbeitet, dass sie selbst am Welthandel schon beginnen Theil zu nehmen — ״die Juden sind sich überall ähnlich“ — z. B. die Bilder eines russischen, maroccanischen und Pariser Juden!? — ״Es giebt bei den Juden keine Monstrositäten, keine Riesen oder Zwerggestalten, keine Missgeburten.“ Das ist Humbug, nicht Wissenschaft, wenn man über das schreibt, was man nicht kennt und da Behauptungen wagt, die einfach lächerlich sind. Ich kenne leider Zwerggestalten, ich weiss von einer Reihe von Missgeburten unter Juden — ob sie häufiger oder seltener als bei Andern auftreten, das weiss ich nicht —. Aber die apodiktische Bestimmtheit, mit der das ״Ausland“ sagt: ״es giebt nicht“ — ״es ist nicht“ giebt den Massstab für das Vertrauen, welches seine andern Behauptungen verdienen! Und so macht man öffentliehe Meinung! Ein zweites Unterschiedsmerkmal ist die ״Vertnehrung und Fruchtbarkeit des Judenstammes“ Davon, dass der Stamm der Idumäer sich mit den Juden verschmolzen hat, dass kriegsgefangene Frauen geheirathet werden durften, dass noch Esra gegen die vielen heidnischen Ehefrauen auftrat, dass die ״Nethinim“ (die ehemaligen Bewohner von Gibeon), dass gar manche Fremden, die als ״Gerim und Toschabim“ im Lande gelebt hatten, und bis ins späte Mittelalter freigelassene Sklaven unter die Juden aufgenommen worden sind, weiss der naturhistorische Betrachter nicht. Doch das ist nebensächlich — denn im grossen Ganzen haben sich die Juden von Vermischung mit anderen Stämmen rein erhalten. Dagegen wird man an das alte, wahre Wort erinnert: Ein Lügner muss ein gutes Gedächtniss haben! *) Dass sie die Phönizier nicht überflügelt, beweist nur die Uebermacht des phönizischen Handels. Wenn man liest: ״Die Vermehrung setzte sich fort auch innerhalb ihres Landes, besonders begünstigt durch ihre agrarische Gesetzgebung und die Fruchtbarkeit des Bodens.“ (S. 4S3) Wirklieh! Wenige Seiten vorher waren die Juden ״nie schöpferisch, productiv in der Urproduction des Bodens“ (S. 475) und hier wird, avo es zupasst, die agrarische Gesetzgebung zugestanden! Aber die Juden sind auch jetzt noch fruchlharer als die Andern. In Preussen kamen zwar auf 1 jüd. Ehe nur 4,53 Geburten, während auf 1 christliche Ehe 4,23 gerechnet wird; dagegen sind die mitgezählten todtgeborenen Kinder bei den Juden 2 von 200, sonst 4 von 100. Für Oesterreich wird Dr. Schirmer citirt, der auf 1 jüd. Ehe 10,1, auf 1 anderer Confessionen nur 4,5 Kinder berechnet. Diese durch ihre Differenz ihre geringe Glaubwürdigkeit verrathenden Zahlen werden auch nicht als unumstössliche aufgefasst. Doch, meint der Naturhistoriker: ״Unabhängig von der Statistik und selbst von concreten Erfahrungen hat es eine physiologische Berechtigung, von dem Judenstamme eine grössere Fruchtbarkeit zu erwarten, weil sich dieser Stamm seit Generationen, ja Jahrtausenden, niemals mit anderen Stämmen gemischt hat, also einen rein erhaltenen Stamm darstellt. In der Physiologie der Pflanzen und Thiere ist erfahrungsgemäss festgestellt, dass bei ungemischten Arten und Species die Fruchtbarkeit grösser und mehr gesichert ist, als bei Vermischung und Kreuzuug mit anderen Stämmen und Arten. Darwin erkennt geradezu in verminderter Fruchtbarkeit bei Pflanzen und Thieren die Wirkung einer fremden Mischung. Auch hier wieder ein naturhistorischer Beweis aus der Geschichte und aus individuellen physiologischen Lebensäusserungen für die Besonderheit des Judenstammes“ Als Füllsel des sonst zu klein gerathenen Absatzes wird de omnibus rebus et aliis multis gesprochen. Da wird uns abermals erzählt, wie die Juden sich überall ähnlich sind in ״ihrer körperlichen Erscheinung, in ihrem Benehmen und ihrer Lebensweise.“ Doch noch so oft wiederholt, falsch bleibt falsch! Dasselbe gilt von der entschiedenen ״Abneigung vor gerade denjenigen Arbeiten, auf welchen die Gesellschaft vorzugsweise beruht, nämlich vor Ackerbau und vor jedem eine starke Arbeitskraft erfordernden Handwerke.“ Es ist ein Hohn, ״sie schaffen und vermehren keine Lebensmittel.“ In der Provinz Posen sind die meisten Bäcker Juden! Und immer und immer wieder der Vorwurf: die Juden sind keine Ackerbauer, keine Handwerker! Wir brauchen auf diese Wiederholungen nicht mehr einzugehen, sie sind uns lediglich ein Beleg dafür, dass der Naturhistoriker es so oft sagen muss, um sich glauben zu machen, dass er selbst es für wahr hält. (Forts, folgt.) Beiträge zur talmudischen Lexicograpliie. Von Dr. Isidor Kaliscb, Rabbiner in Newark. A Das Wort עיקרן, welches im Talmud, Tractat Sabbath Fol. 109b etc. vorkommt, scheint mir acorus calamus Lin. zu sein. Bekanntlich wird in persischen Werken axopov als griechische Benennung dieser Pflanze angegeben. Jedoch darf diese nicht mit calamus aromaticus des Dioskorides, welche eigentlich andropogon calamus aromaticus ist, verwechselt werden. Beide Arten werden schon von Dioskorides 1, 1. Kap. 2 erwähnt (siehe Materia Medica and Therapeutics by Joseph Carson. Vol. II, S. 158). Derselbe berichtet, dass calamus aromaticus wird in Centralindien gefunden und ist die Quelle des sogenannten Grasöls von Neamur oder Ingwer-Grasöl. Er behauptet, diese Art sei das süsse קנה בשם wohlriechende Rohr (II. B. M. 30, 32) und קנה הטוב gutes oder süsses Gewürzrohr (Jer. 6, 20). Es