Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 40. (1.10.1880)
- Date
- 1880-10-01
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 159 — Darschan den Uebergang aus der Zeit der selbständigen agadischen Production zur literarischen Sammlerthätigkeit und commentatorischen \ ervverthung des ן überkommenen Stoffes, wie ja auch noch Raschi’s Pentateuch-Commentar das Bestreben, die Schrift vorwiegend durch die Alten dem Volke zu erklären, durchaus verrälh. Obwohl er vom reinen Wortsinn! und dessen Wertlie ein ganz ungetrübtes Bewusstsein hat, legt er dennoch das grösste Gewicht auf die ״Er- Weiterung“ und Ausdeutung desselben mit Hilfe der liermeneutischen Regeln und der Tradition, ohne die man, wie er behauptet, im Dunkeln tappe, indem er so die alte Ansicht, vertrat, dass einfacher und erweiterter Sinn des Sehriftwortes ganz wohl nebeneinander bestehen können. Vielerlei Umstände deuten darauf hin, dass es seine Absicht war, die Tora dem Volke zu erläutern, sowohl zur Belehrung in Gesetzesdingen, als besonders zur Erbauung und zu seiner sittlichen Erhebung. Hierbei unterstützt ihn eine ungemeine Belesenheit in der alten Literatur und eine geschmackvolle Einkleidungsform, die seine Sprache zu einer leichtverständlichen und anziehenden macht. Aramäische Originalstellen übersetzt er aus dieser Rücksicht regelmäszig ins Hebräische, ebenso verfährt er mit griech. und latein. Fremdwörtern im!Midrasch, die er entweder übersetzt, oder blos umschreibt. Mit Ereiheit ptlegt er Stellen, die ihm für seine Zwecke zu weitläufig scheinen, abzukürzen, Controversen lässt er oft ganz aus und bringt bloss die Ansicht, die ihm selber als die richtige einleuchtet, auch aus einem grösseren Zusammenhänge zieht er nur Einzelnes aus und verbindet es mit verwandten Stellen von einem ganz anderen Orte her, nach Art der Catenen in der christl. exegetischen Literatur. Beim gesetzlichen Theile der Thora ist es sein Streben, die gesetzlichen Bestimmungen nach Materien zusammenzustellen, wobei ihm die שאלתות als Vorbild vorschwebten. Auch seine eigene Ansicht bringt er bei schwierigen Fällen nebst ausführlicheren Erklärungen bei, da er gewiss auch als Führer in der religiösen Praxis dienen wollte. Der traditionellen Hermeneutik getreu legt er grosses Gewicht auf die Deutung der scriptio plena und def. des Keri und Ketil, worauf er mit grosser Vorliebe und mit einer ganz merkwürdigen Selbständigkeit sich verlegt, indem er sich sogar nicht scheut,, darin Andeutungen und Hinweise zu linden, die von denen der alten Autoren völlig abweichen, wie er sich überhaupt die statistischen Angaben der Masora, die Gematria und Notarikon vielfach zu Nutze macht. Dagegen fehlt es bei ihm auch nicht an richtigem grammalischen und lexicologisehen Sprachbewusstsein. Die Einl. stellt die grammat. Terminologie des R. Tobia zusammen, die freilich noch dein Anfangsstadium der jüd. Sprachwissenschaft entspricht. Die Wurzel nennt er ׳עיקר die Bildungsbuchstaben טפל. Ein besonders beliebtes Erklärungsmittel sind ihm die Verwechslungen der Consonanten (משמשין oder מתחלפין), wovon er einen wohl weit gehenden, aber überraschend dankbaren Gebrauch macht Solchen Consonantentausch hält er für möglich bei Buchstaben desselben Organs, den Vocalconson. אהו״י, den liquidae למנ״ר, bei Hilfsbuchstaben derselben Kategorie, z. B. איתן und — eigenthümlicherweise — zwischen je zwei Buchstaben, die im Alfabetli unmittelbar auf einander folgen, wie ויקימה =־ וירימה (Gen. 31, 45), •בזוגו בזזנו (Deut. 2,35), bei welch letzterer Form dieser äusserliclie Nothbehelf ganz überflüssig ist. Selbst vor förmlichen Umstellungen der Consonanten eines Wortes schrickt er nicht zurück. Dass die Wurzel des Verbum auch zweiconsonantig sein könne, ist ihm wohl bekannt, wobei ihm I der Machberet dss Menachem b. Saruk zur Riehtschnür gedient haben mag. Zu der biblischen Wort- ן erklärung zieht er den Sprachgebrauch von Misch na j und Talmud mit Nutzen heran, nicht minder das Aramäische nach dem Targurn. Eine mit der erbaulichen Tendenz des Buches j zusammenhängende Eigentümlichkeit ist die Folgerung von allgemeinen moralischen Lehrsätzen und Maximen aus der Erzählung der Schritt, sowie die jedem Wochenabschnitte vorausgeschickte kurze Einleitung über dessen Inhalt, die er zur Erinnerung an seinen Namen jedesmal an einen Vers knüpft, in dem das Wort טוב vorkommt. Die anthropopathischen Ausdrücke in der Bibel erklärt er für bildliche Redeweise zur Vermittlung des Verständnisses und rechtfertigt daher die Ilechalot des R. Ismael, das Alfabeth des R. Akiba, die für den Einsichtigen nichts Vernunftswidriges hätten. Mit grosser Schärfe zieht er bei jedem passenden Anlasse gegen die Irrlehren der Karäer los, denen er den Widerspruch gegen die traditionelle Lehre als die unerhörteste und strafwidrigste Anmassung anrechnet. Was es für Bewandniss mit dem Vorwurfe habe אשר העמיקו שיחתן (שחתו) מלימוד הישמעאלים ist nicht ganz klar.'“') Zum Schlüsse des Kap. führt Hr. B die griechischen Vocabeln an, die R. Tobia zur Erklärung seltener Worte bei bringt, und versucht sie zu erklären. אינטיישרון könnte £'•ף־ ׳; «h-pdpr, ^i!n Sattel“ heis6en, wenn R. Tobias כר nicht mit Gefäss erklärte; אשטיבושי scheint Ifj-{.,er warf mit Steinen“ zu sein; wenn es von fj-sj'/dZw;.'. käme, so wäre damit das Zielen bezeichnet (nicht verfehlen, wie Hr. B. meint). Statt i7»0ןן.{£(» ist s-fpaoi (verbürgen) zur Erklärung von איניאומין heranzuziehen. Dass R. Tobia seine eigenen Aeusserungen von den Anführungen der Alten durch Vorsetzung seines Namens kenntlich macht, wurde schon erwähnt, ebenso wie seine Art, aus dem Gedächtnisse zu citiren, wodurch seine Bibelcitate oft von dem richtigen Texte ab weichen. Mit grossem Fleisse sind die Kap. 10 und 11 gearbeitet, enthaltend die Namen und Autoren, die von R Tobia benutzt wurden, wie anderseits Jener, die sein Buch kannten, oder benutzten, wobei Hr. B. mit Hilfe seiner reichen Kenntniss der einschlägigen Literatur auch jene Autoren eruirte, von denen R. T. ohne ausdrückliche Namensnennung Gebrauch machte und wieder umgekehrt Derjenigen, die ihn stillschweigend heranzogen. Aus diesem bedeutende Namen zählenden Register ergibt sich das hohe Ansehen, dessen sich unser Commentar in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten zu erfreuen hatte. Das 15. Kap. behandelt die wenigen poetischen, richtiger versificatorisehen Erzeugnisse unseres Autors (wobei auch eine סליחה zum ersten Male veröffentlicht wird), die nur zeigen, dass er ganz in der Weise des Kalir geschrieben, was für Hrn. B. ein innerer Beweis mehr ist gegen die Identification unseres R. T. mit dem gleichnamigen Sohne des R. Elieser b. Jizchak, der seinerseits als Dichter einer ganz anderen Richtung angehörte. Wir schliessen dieses Referat mit dem Ausdrucke der wärmsten Anerkennung für diese jüngste Leistung des Herrn B., mit der er eine Lücke in der jüd. Literatur in der befriedigendsten Weise ausgefüllt hat. Möge es ihm gelingen, seine echt wissenschaftliche und fruchtbare Thätigkeit als Herausgeber noch ungedruckter *) Ueber Auan’s Stelung zu Mohammed und dem Islam s. Grätz, V, 204, Fürst, Kariierthum I, 58. Vielleicht ist auf die dogmatische Spaltung innerhalb des Islam (Sunniten und Schiiten oder 1 Mutazila und Mutalcallim) angespielt; s. Jost, Gesell, d. Judentli. I II, 296 und 300, Anm.