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Das jüdische Literaturblatt · 1880-09-08 · No. 37. (8.9.1880) · p. Seite 146

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 37. (8.9.1880)
Date
1880-09-08
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 — Menschen von mir in im Leben begegnet (אעביר), ist nur Liebe (כל טובי)u Der Mensch erkennt die Geschicke nicht vorher, von vornherein (a priori) als göttliche Waltung und Fügungen von Gottes Hand, sondern erst hinterher (a posteriori): + * * והיה בעבר כבדי ושכתי כפי עליך עד עברי: והסירתי את כפי וראית את אחרי ופני ״ לע יראוWährend der Vorbereitung und Entwickelung meiner Fügungen und Waltung, befindet sich der Mensch gleichsam in einer dunklen Höhle und bedeckt meine Hand seine Augen; erst wenn die Entwickelung vorüber ist, nach vollendeter That, erkennt mich (mein Handeln) der Mensch, aber nicht vorher.“ Die kritisehen Worte האדם וחי werden meist falsch übersetzt und wie folgt gedeutet: ״Der Mensch kann mich (Gott) nicht sehen und leben bleiben, er müsste sterben; oder ״so lange er lebt‘1־, nämlich hier auf Erden, sondern erst nach dem Tode, im jenseitigen Leben wird er mich (Gott) sehen und mein Thun begreifen und erkennen.“ Es heisst vielmehr: ״Der Mensch, und zwar der lebende, prägnant ausgedrückt der so kurz lebende d. h. der sterbliche Mensch in seinem kurzen Erdenleben.״ Von vornherein reicht nämlich der Geist des endlichen Men* sehen nicht aus, Gott und sein Thun zu erkennen und zu begreifen. Wir wissen weder von Gott noch vom Jenseits, nur ihre Existenz ist uns bekannt, dass sie sind, nicht wie sie sind. Ob uns darüber im Jenseits Aufschluss gegeben wird, wissen wir nicht, wenn wir es auch hoffen. Zu behaupten, wir erfahren es, wäre schon ein unbegründetes Wissen von Gott und dem Jenseits. Was wir von Gott und dem Jenseits wissen, Gottes Einheit, Ewigkeit und sonstige Eigenschaften, wie des Menschen Unsterblichkeit, ist durch das Wesen des Geistes an sich, wie des göttlichen insbesondere, ist durch die Gottesebenbildlichkeit des Menschen einerseits und seine Gottesgegensätzlichkeit andererseits be* gründet und durch die heilige Schrift bestätigt. Selbst die göttliche Eigenschaft der Gnade und Versöhnung liegt in der Liebe, und diese wiederum in dem Wesen Gottes und seiner Waltung begründet. Wir begreifen daher Gett und sein Walten nicht im Voraus, Gott handelt darin nach freiem Willen und für des Menschen Kurzsichtigkeit scheinbar nach Willkür (וחנתי). Sein kurzes Leben reicht auch nicht immer aus, um die Vollendung der göttlichen Waltung zu begreifen, welche zum Reifen der Frucht oft eine lange Zeit erfordert. Erst wenn die vollendete That nach vollständiger Ent* Wickelung vor ihm liegt, erkennt der Mensch die Hand der göttlichen Waltung (אחרי). Er erkennt sie also doch. Die Bibel öffnet uns nämlich zwei Bücher für die Erkenntniss Gottes, das Buch der Natur und das der Geschichte. Das eine eröffnet sie mit der Erzählung von der Schöpfung, das zweite mit der Geschichte der Menschen, speciell IsraeVs. Raschi fragt daher beim Beginne seines Bibelcommentars nicht mit Recht,*) warum nicht die Thora mit der Erlösung aus Aegypten und der sich daran knüpfenden Gesetzgebung anhebe. Es handelt sich aber dabei nicht blos um Gesetze; Natur und Geschichte sind nämlich ebenfalls Bücher, deren Blätter mit den Offenbarungen Gottes vollgeschrieben sind; man muss sie nur zu lesen verstehen. Das erste Wort des Dekalogs (אנכי) beginnt darum mit Gottes Waltung in der Geschichte, wie das erste Wort der Schrift (בראשית) mit der Schöpfung (Natur). Die Thaten Gottes in der Natur wie im Leben der Menschen sind auch laute Reden Gottes, welche heute noch vernehm- *) Es war Raschi (resp. R. Jizchak) nicht um die Frage, sondem um die Antwort zu thun, und diese stimmt ja mit der obigen Auffassung überein: Gott wollte sich, ehe er als Lenker der Geschichte (speciell Israers) auftrat, als Herr der Schöpfung documentiren; man muss כר! מעשיו in dem allegirten Bibel* vers'mit -seine Schöpferkraft“ ühersetzen. (Red.) bar an uns gerichtet werden; man muss sie nur zu deuten verstehen Nur insoweit sich Hott hier dem Menschen zu erkennen giebt, begreifen wir ihn, sein Wesen, seine Eigenschaften sein Thun und Walten. Mehr erfahren wir auch aus der biblischen Offenbarung nicht. Dieselbe betont und bestätigt vielmehr ausdrücklich in der oben besprochenen Weise die beschränkte Erkenntniss des Menschen von Gott. In so beschränkter Weise gibt auch die Schrift die Erkenntniss des Menschen von seiner Unsterblichheit zu. Es ist demnach zu beweisen, dass auch Moses von der Unsterblichkeit der Seele spricht. Er stellt nur diese Lehre nicht als Dogma auf, sondern gibt sie als Axiom, ebenso wie die Erkenntniss vom Dasein Gottes Die Begründung folgt nach. In dem ersten Satze der Schrift: ״Am Anfänge schuf Gott“ ist das Dasein Gottes ein freiwilliges und ausgemachtes Zugeständniss. Dass Moses die Lehre von der Unsterblichkeit kannte, ist unbestreitbar, denn alle Völker der antiken Bildung, auch die Aegypter kannten sie, und geleugnet wird sie nicht bei Moses, wir finden vielmehr ausdrückliche Zugeständnissse über dieselbe. Denn die von der Thier- Schöpfung unterschiedene Schöpfung der Menschen lässt aus der dabei betonten geistigen Bevorzugung und Gottähnlichkeit nach dem Wesen derselben einen unleugbaren Schluss auf die geistige Fortdauer und physische Unsterblichkeit zu. In gleicher Weise lässt das mosaische Gesetz über die Verunreinigung durch einen Todten den Glauben an die Unsterblichkeit voraussetzen. Moses tritt nämlich damit dem heidnischen (ägyptischen) Todten- Cultus und dem damit verbundenen Glauben an die Auferstehung des Leibes entgegen. Leiblich ist ja der Mensch dem Thiere gleich, vom verunreinigenden Staube der Erde gemacht, der dem Naturgesetze verfällt, wie der Leib des Thieres. Der Mensch ist nur Mensch durch die ihn belebende, gottähnliche Seele, durch welche er auch ihrem Wesen nach geistig fortlebt In der späteren Zeit wurde in Israel zwar umgekehrt gerade der Glaube an die leibliche Anferstehung betont, aber dies war fremder, exilianischer Einfluss. Um der leichteren Fassbarkeit und grösseren Popularität willen wurde dieser Glaube festgehalten, der auch in’s Ohristenthuin überging Schon um dieser jüdischen Färbung willen hat das Christenthum kein Recht, den Unsterblichkeitglauben als dem Judenthuin fremd für sich in Anspruch zu nehmen. Auch ist die Annahme wohl irrig, dass die Sadducäer den Unsterblichkeitsglauben geleugnet haben. Sie lehnten nur den heidnisch gefärbten Auferstehungsglauben ab und hielten, der biblisch-mosaischen Auffassung und Ueberlieferung treu, den physischen Unsterblichkeitsglaubeu fest. Das liturgische מחיה המתים hat auch keine dogmatische Bedeutung, sondern eine nationale. Das Gebet ist im Exil entstanden und drückt nach Ezech 37, aus politischer Klugheit unter diesem Bilde versteckt, die Hoffnung auf die nationale Wiederauferstehung aus. Aber es geht daraus hervor, dass der Unsterblichkeitsbeziehungsweise Auferstehungsglaube im Volke lebte. Was uns die Bibel demnach über Gott und Un- Sterblichkeit mittheilt, beruht ganz auf Offenbarungen aus den Büchern der Natur und Geschichte, wofür uns nach Anleitung der Bibel der Blick geöffnet wird. Durch Forschung ist diese Kenntniss bis jetzt nicht erweitert worden; aber Dasjenige, was die Bibel lehrt, wird bis auf den heutigen Tag durch die Erfahrung in Natur und Geschichte bestätigt. Der religiöse Glaube stimmt vollständig mit der Wissenschaft überein. Das Judenthum leugnet nicht alles Wissen von Gott und Seele, aber es beschränkt dasselbe.

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