Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 36. (1.9.1880)
- Date
- 1880-09-01
- Page
- Seite 143 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 143 — ßignora und sind daher erst mit dem Christentum in die deutsche Sprache eingeführt worden. Jemand segnen heisst demnach ursprünglich: Jemand, indem man mit der Hand ein Kreuz schlägt, Gutes anwünschen. Ebenso schlägt man da ein Kreuz beimSprechen des״Tischsegens.“ Es ist daher sehr erklärlich, dass der cultuelle Aus* druck, der ein so specifisch christliches Gepräge hatte, in jüdischen Kreisen keine Aufnahme finden konnte. Nur weil dieser specifisch christliche Ursprung verwischt und vergessen war — denkt ja heute Keiner an ein Bekreuzigen, wenn er die Ausdrücke Segen und seg* nen gebraucht — wurde das Wort von Mendelssohn an unbedenklich in die Schriftsprache der Juden aufgenommen In der Umgangsprache trifft man auch heute noch ganz häufig den altdeutschen Ausdruck bepschen, freilich nicht wegen des christlichen Ur- Sprungs des ״Segens“ sondern, weil ihm, als einem altherkömmliehen Ausdruck, eine gewisse Weihe beiwohnt. Wiesbaden. Rabbiner Dr. Süskind. Literaturbericht. Recensionen. Luzzatto, S. L. ספר יסודי התורה, מלאכת ר׳ שד״ל ז״ל יו״ל פעם ראשונה ע״י ש.א. ג ר ע ב ע ר. Grundprinzipien der Thora Przemysl 1880. Herr Gräber in Przemysl, von dem nächstens eine Sammelschrift, unter dem Titel קבוצת חכמים erscheint, erhielt auf seinen Wunsch an Dr. Jes. Luzzatto in Padua, ihm auch eine handschriftliche Abhandlung aus dem Nachlasse seines Vaters S. D Luzzatto ן״ל für seine Sammelschrift zu liefern, vorliegende ״Grundsätze der Thora“, welche L. bereits im Jahre 1853 in italienischer Uebersetzung im ״Educatore Israelita“ theilweise veröffentlichte und die nun im hebräischen Original separat erschienen sind. In einem vorgedruckten Widmungsschreiben an seinen gelehrten Schwiegervater B B. Sagri (,,von dem er Deutsch und Lateinisch lernte“), bezeichnet Luzzatto seine Abhandlung als eine Gelegenheitsschrift ״traurigen und freudigen“ Andenkens, zur Erinnerung an seine verstorbene erste und zur Hochzeitsfeier seiner zweiten Frau, einer Schwester jener. Die jüd. Religion basirt, nach L., hauptsächlich auf dem ethisch-religiösen Moment, dessen Tendenz die sittlich-humane Bildung Israels ist, um als Mustervolk göttlicher Providenz und Leitung seine Mission zu erfüllen. Das Prinzip der Moral ist nach L. weder die ״Mittelstrasse“ Aristoteles-Maimonidischer Anschauungsweise, noch eine individuelle oder allgemeine Vervollkommnung“, noch der ״kategorische Imperativ“, sondern ausschliesslich das den Menschen gemeinsam angeborene ״instinktive“ Gefühl des ״Mitleids“ (ä la Schopenhauer!), dessen Anregung, Pflege, durch die höhere pädagogische Erziehungs-Methode des ganzen Volkes in einer humanistisch-ethischen Gesetzgebung, der ״Geber der Thora“ (נותן התורה tendirte. Die טעמי המצות werden, grossen Theils entgegen* gesetzt den Erklärungen Maimonides in seinem More Nebochim, in eigenthümlicher Weise gedeutet, worin auch viel Neues und theilweise sehr geistreiche Apergus und polemische Streifzüge dem Leser geboten werden. Den zahlreichen Verehrern des sei. Verf’s und namentlich den Freunden seiner graziösen hebr. Schreib* weise, können wir angelegentlichst die Lektüre dieses interessanten Schriftchehs empfehlen, und verdient auch der Herr Herausgeber G. den Dank und die Anerken* nung für 9eine uneigennützige Mühe bei der Drucklegüng und Correktur desselben. F. M. Netter, Dr. A. Ueber die Intuition in den Entdeckungen und Erfindungen. Ihre Beziehung zu dem Positivismus und Darwinismus. Strassburg i. E. 1880. Das klargeschriebene inhaltsreiche Buch behandelt eine zeitgemässe Frage, die von der Entstehung jenes geistigen Prozesses, welcher zu den grossen Enfcdeckun* gen, jenen leuchtenden Punkten in der Entwickelungs* geschickte der Menschheit, geführt haben; unter Anführung dessen, was berühmte, selbst epochemachende Forscher, besonders Claude Bernard, darüber gedacht haben Der geniale Physiologe, der den Satz verficht und selbst bestätigt, — obschon seine kleinlichen Nachbeter diesem Theile seiner geistigen Arbeit nicht zu folgen vermögen —: dass die grösste Anzahl der Menschen nur die Ideen einer kleinen Anzahl Anderer entwickele und ihnen folge, — hat bei einigen seiner grössten Errungenschäften für die Wissenschaft ganz klar beschrieben, dass er dazu ihnen unwillkürlich durch eine Art Offenbarung gekommen ist. Verf. geht auch vom sprachliehen Standpunkte näher auf die Intuition ein. Sie wäre besser als Vision zu bezeichnen (״Seher“), wenn nicht alle Sinne zur intuitiven Ideenbildung Veranlassung geben könnten Wie Entdeckungen bekanntlich, wenn auch seltener, blos durch eine wissenschaftliche Anwendüng gefundener Gesetze auf zufällig zur Zeit bestehende Verhältnisse gemacht worden sind, so Lt doch der Schwerpunkt der Entwickelung der Menschheit auf solche mit dem Genie der Intuition begabte Menschen zurückzuführen. Und höchst bemerkenswerther Weise sind es Ignoranten, welche gerade die glücklichsten Entdeckungen zu finden bestimmt waren, wie Verf. bei einigen anführt. Ohne zu verhehlen, dass wir in diesem Punkte mit dem hochgeschätzten Herrn Verf. ebensowenig übereinstimmen, wie bezüglich einiger anderer Punkte, z. B. der Pocken, wollen wir schliesslich den Schluss der Arbeit, nämlich die Wiederlegung der Darwin’schen Abstammungstheorie, die Erklärung der Vorzüglichkeit der jüdischen und der Degeneration der Negerrace bezeichnen, um die Hoffnung auszusprechen, dass das Buch mit demselben Genüsse von allen gelesen werden wird, die sich für eine originelle und, wenn auch angreifbare so doch bestechende Lösung dieser Frage in anziehender Form interessiren. K—d. Ruelf, Dr. I. I. Der Einheitsgedanke — der Fundamentalbegriff aller Religion und Wissenschaft, die Verständigungsbasis unter den Gebildeten aller Confessionen und Nationen. Memel 1880. Robert Schmidt, ״Was ich biete, ist gewiss nichts Schlechtes. Es ist mehr als ein blosses literarisches Product, es ist ein Stück meiner Herzensüberzeugung, meiner Lebensarbeit, ein Weltbild im engsten Rahmen, erdacht und gemacht, um einer jeden religiösen und wissenschaftlichen Ueberzeugung zum Untergrund zu dienen, Gelehrten und Ungelehrten über manchen Zwiespalt hinwegzuhelfen — ein Werk der reinsten Humanität. Nur in diesem Sinne bitte ich die Schrift auffassen und sich aneignen zu wollen.“ Mit diesen Worten führt der Herr Verf. sein Buch ein und sie geben auch den richtigen Massstab ab zur gebührenden Würdigung dieser hoch interessanten Schrift. Freilich ist die Kritik, welche auf die obige Erklärung volle Rücksicht nimmt, a priori so ziemlich lahm gelegt. Wo der philosophisch geschulte Lehrer vielleicht die strenge Consequenz vermisst, wird an das Sehnen seines warm schlagenden Herzens appellirt und das kritische Bedenken zum Schweigen gebracht. Dpr denkende Kopf hat dieses treffliche Buch disponirtj aber di,e Hand, welche dieses Buch geschrieben, hat unverkennbar dem Dictate des tief fühlenden und vom Edlen übersprudelnden Herzens Folge geleistet. Das