Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 36. (1.9.1880)
- Date
- 1880-09-01
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 142 — Recht zu den deutschen Dichtern gezählt wird. Es müssen eben neben der Geburt noch andere nothwendige Einflüsse und Umstände — Sitten des Elternhauses, Erziehung, Umgang, Umgebung Schule etc. etc. — hinzukommen, wenn Geburtsstätte und Nationalität zusammenfallen und sich völlig decken sollen. Da dieses nun fast durchweg der Fall ist, so hat man sich gewohnt, dieses auch ausnahmslos so anzunehmen. Nun steht aber in Betreff Heine’s zweifellos fest, dass seine Kenntniss des specifiisch jüdischen Lebens nicht allzu gross war, dass er vom Talmud, von jüdischer Religionsphilosophie, von jüdischer Denk und Anschauungsweise im tieferen Sinne kaum eine Ahnung hatte, dass das Hebräische, der Talmud, das jüdische Schriftthum überhaupt, das rituelle, synagogale Leben ihm völlig fremde Dinge waren, dass er seine Kenntniss der jüdisehen Bräuche, die er in ״Rabbi von Bacharach“, ״Prinzessin Sabbath“. ״Disputation‘1, ״Juda ben Flalevy“ etc. verwendet, dass er selbst dieses sich von Zunz, Gans etc. hat erklären und completiren lassen müssen .*) Hätte man Heine gezwungen, einmal jüdisches Leben und jüdische Stoffe etwa ä la Ludwig Kompert zu behandein, oder überhaupt eine Schilderung desselben zu entwerfen, er wäre gewiss unvermögend dazu gewesen, da ausser den Abstractionen, die er aus dem Aeusseren und den Bewegungen Gumpelino’s, wenn er ihm am Dreck wall in Hamburg begegnete, zog, und den Rück- Schlüssen und Folgerungen, die er aus den persiflirenden Urtheilen antijüdischer, jüdelnder Schriftsteller zog und sog, seine ganze Kenntniss des Judenthums sich auf piquante Anekdötchen beschränkte, die eben seiner JSTatur und der Absicht, den Gumpelino zu schreiben, besonders entsprachen. Kann man aber einen solchen Mann den Repräsentanten seines Stammes nennen? Kann da von einem ״Typus der jüdischen Race“ die Rede sein? Doch wohl nichts weniger als das. Selbst von Ludwig Börne, der wenigstens in jüdischer Anschauung, wenn auch unrichtig erzogen wurde, der, wenn ich mich so ausdrücken darf, in jüdischer Athmosphäre heranwuchs, kann man dies nur zum kleinen Theil behaupten, immei’hin aber mit weit mehr Recht, als von Heinrich Heine. Heine hat die Milch seiner Denkungsart an den Brüsten Voltaire’s, Hegel’s, der Encyclopädisten, aus der Athmosphäre des Rahel-Varnhagen’schen Kreises etc etc. gesogen und nach den Rechten und der Macht der eigenen starken Persönlichkeit umgeschaffen. Es lässt sich das freilich nicht in so präciser Begrenzung nachweisen und scheiden, wie in einer Retorte, man wird immerhin nur annähernd bestimmen können, was angestammt ist und was sich durch Berührung und Verbindung mit dem ganzen nichtjüdischen Geistesleben jener Zeit in ihm angesetzt, aber wer nur ein einigermassen ungetrübtes Glas führt, wird leicht herausfinden, wo er statt desjüdischen Geistes den Hegel’schen, Voltaire’schen, Pariser ,Byronsehen, den Geist des deutschen Universitätslebens etc. zu setzen hat. Gerade bei Heine sind wir berechtigt zu sagen, seine guten Eigenschaften sind jüdisch und sind die Trümmer, die er sich aus der Kinderstube mit ins Leben herüber genommen hat, unjüdisch aber ist fast alles Verächtliche, Frivole, Disharmonische an ihm. Der Byron-Heinesche Weltschmerz, der sich wie ein rother Faden durch Heine’s Schriften zieht, hat absolut nichts Jüdisches. Das Ungesellschaftsmässige, Unöconomische seiner Lebensweise, der Mangel an Familiensinn und Zusammengehörigkeitsgefühl, aus dem sich trümmerhaft nur das Stückchen Mutterliebe — letztere allerdings rein und schön — gerettet hat, steht im diame- *) Er wirft trotzdem Manches durcheinander; so lässt er im ״Rabbi von Bacharach“ am Pess ach feste die ״erbauliche Geschichte von der Versuchung Abrahams“ vorlesen, die bekanntlich am 2. Tage des Neujahrsfestes“ vorgelesn wird. (Red.) tralsten Gegensatz zudem, wasni an gemeinichlich über diese Punkte in Bntreff unserer zu behaupten pflegt. Seinen Leichtsinn im Punkt der Liebe und Ehe, er hat ihn nicht aus dem jüdischen Leben und Denken empfangen, wo sind hier denn die Analoga dazu? Wollte der Himmel, er hätte bei seinen eminenten Geistesgaben etwas mehr vom Judenthum, es wäre Manches anders geworden unter seiner Meisterhand und wir könnten stolzer auf ihn sein. Indess noch auf e i n Moment möchte ich hinweisen, welches das Gesagte bestätigen dürfte. Wenn die prononcirten Charaktereigenheiten Heine’s die seines Stammes wären, so müssten sie in mehr oder weniger starker Weise doch auch schon früher d. h. vor Heine hervorgetreten und bemerkbar geworden sein, man construirt doch auch den deutschen National-Charakter nicht aus dem Leben eines einzigen, einzelnen Helden, ja man pflegt da gern recht weit zurückzugehen und auf Tacitus zurückzugreifen und eben weil und soweit die von ihm erwähnten Eigenschaften der Deutschen eigenartig geblieben und sich im deutschen Volke erhalten haben, diese als specifisch deustche zu bezeichnen. Nun, wo sind denn da die jüdischen Heine’s früherer Zeiten? Hillel, Juda ben Halevy,*) Gabirol, Maimonides, Spinoza, Moses Mendelssohn etc. etc., und aus neuerer Zeit Riesser, Auerbach, Lasker, was haben sie denn Heine’sches an sich? Will man absolut Jemanden herausgreifen, bei dem der Eingangs citirte Ausspruch am meisten zutrifft, nun, so dürfte man wohl der Wahrheit am nächsten kommen, wenn man Moses Mendelssohn, den W eisen von Dessau, dazu auserwählt. In ihm kamen notorisch viele Haupteigenschaften des jüdischen Stammes zu harmonischem Ausdruck, wie sich das auch durch Vergleich mit anderen jüdischen Grössen bestätigt findet. Mit nichten war dies aber auch bei Heinrich Heine der Fall, und deshalb verwahren wir uns gegen die erwähnte Imputation, auch wenn es absichtslos und bona fide wie von Herrn Ludwig Bamberger geschieht. Das ״Benschen.“ Der Ausdruck ״Benschen“ ward und wird auch heute noch vielfach gebaucht; zuerst statt: segnen, d. h. Jemand unter Anrufung Gottes Gutes anwünschen, sodann statt: Segen sprechen, insbesondere den Tischsegen (das Tischgebet), und überhaupt als: Zizis, Tallis etc. benschen d. h. den Segen darüber sprechen. Der Ausdruck stammt, wenn auch nicht unmittelbar, aus dem lateinischen benedicere, das man mitteldeutsch mit benedien (unser heutiges benedeien) und benedigen, also ziemlich gleichlautend mit unserm Benschen (das demnach ״Bendschen“ zu schreiben wäre) wieder gab. Benison heisst im Englischen: Segen. Da nun aber schon im frühen Mittelalter die Ausdrücke Segen und Segnen in Gebrauch gekommen sind, so dürfte es auffallend sein, dass dieselben weder in die Schriftsprache, noch in die Umgangssprache der Juden Eingang gefunden haben. Erst durch die Mendelssohn’sche Pentateuchübersetzuug wurde diese altjüdische Ausdrucksweise aus der Schriftsprache vollständig verdrängt, und selbst die Hyperorthodoxesten, die doch jede, selbst geringfügigste Neuerung als Abfall von dem Judenthume zu verschreien pflegen, folgten dieser Mendelssohn’schen | Reform nach und schrieben immer nur segnen, niemals aber benschen Und doch waren unsere Altvorder n ganz im Rechte, dass sie den Ausdruck ״segnen“ nicht acceptirten. Denn die Worte Segen und segnen sind undeutsch und stammen (vgl. Grimm u. A.) von dem lateinischen signum sc. crucis d.h. Zeichen nämlich des Kreuzes und dem davon abgeleiteten *) Aber Ibn Esra, Alcharisi, Immanuel Romi! (Red.)