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Das jüdische Literaturblatt · 1880-08-18 · No. 35. (18.8.1880) · p. Seite 139

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 35. (18.8.1880)
Date
1880-08-18
Page
Seite 139 (sequence 3)
Language
German
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— 139 — Literaturbericht. Recensionen. Rosin, D. R. Samuel b. Meir (רשב״ם) als Schrifterklärer. Jahresbericht des jüdisch-theologischen Seminars (FraenkePscher Stiftung). Breslau 1880. Die Schriftauslegung kann mit Recht als ein Spiegel der Zeitbildung betrachtet werden. Mit dieser die Exegese der heiligen Schrift unter einen neuen Gesichtspunkt bringenden Bemerkung beginnt der auf dem Gebiete der Bibelwissenschaft rühmlichst bekannte Docent des Breslauer Seminars, Dr. D. Rosin, seine dem diesjährigen Jahresbericht der Anstalt vorangeschickte wissenschaftl. Abhandlung über R. Samuel ben Meir als Schrifterklärer. Es darf auffallend erscheinen, dass erst jetzt, sechs Mo* nate nach Veröffentlichung der Arbeit eine Anzeige davon in diesen Blättern erfolgt,*) allein es dürfte manchen der Berufenen die Wahrnehmung abgeschreckt haben, dass Verfasser die ganze einschlägige Fachliteratur in einem Grade beherrscht, dass ihm kaum ein Recensent darin zu folgen vermag. Auch Schreiber dieser Zeilen muss von vornherein darauf verzichten, eine eigentliche Kritik an vorliegender Abhandlung zu üben — dazu besitzt er am kleinen Orte nicht einmal den nöthigen Apparat an Büchern —, und wenn er sich dennoch entschlossen, eine .Anzeige in diesem Bl. zu liefern, so ist er eben der Meinung, dass auch ein kurzer Hinweis genügen wird, den Leserkreis d Bl. zu eigenem eingehendem Studium dieser Abhandlung einzuladen. Ist ja der Gegenstand an sich schon geeignet, die Auf* merksamkeit zu wecken, R. Samuel ben Meir ist uns ein wohlbekannter Name; mit einer gewissen Spannung greifen wir nach dem Buche, das sich mit ihm und seiner Exegese beschäftigt, und man sagt nicht zu viel, wenn man dem aufmerksamen Leser dieses Buches auch Befriedigung in Aussicht stellt Wie die älteren Arbeiten Rosin’s über das Sefer ha- Chinnuch, über die Ethik des Maimonides, so zeichnet sich auch diese durch klare, lichtvolle Anordnung und Darstellung in der Form, wie durch gründliche, erschöpfende Behandlung des einschlägigen Materials dem Inhalt nach aus. Es ist damit eine Lücke der Wissenschaft ausgefüllt, denn wenn auch nach des Verf. eigenen Worten die Eigentümlichkeiten der nordfranzösischen Exegetenschule, deren vornehmster Vertreter RSBM. ist, im Allgemeinen wie 1m Besonderen bereits Gegenstand eingehender Prüfung und Darlegung geworden, so ist es doch, soweit dem Schreiber dieses bekannt, vorwiegend Raschi und seine Exegese gewesen, die die Aufmerksam keit der Literarhistoriker, wie S. D. Luzzatto, L. Zunz, A. Geiger, R. Kirchheim, Berliner u A. beschäftigt hat, an einer dasselbe für Raschbam leistenden, das einzelne zum Theil Werthvolle, das hier und da in gelehrten Abhandlungen sich findet, nochmals prüfenden und sammelnden, das Urtheil über seine Exegese auf Grund selbständiger sorgfältiger Detailforschung abschliessenden Monographie hat es trotz mancherlei Veröffentlichungen aus und über Raschbam bisher gefehlt. Hier zum ersten Mal tritt uns ein vollständiges, wohlabgerundetes Bild von Zeit und Persönlichkeit, der äusseren und inneren Lebensgeschichte R. Samuel’s, von *) Herr Prof, Dr. D. Kaufmann in Budapest war so freundlieh, uns seinein den ״Göttingischen gelehrten Anzeigen“ (Stück 13) veröffentlichte glänzende Recension der R.’schen Schrift zum Abdruck in dies. Bl. zu Gebote zu stellen. Wir konnten jedoch von dieser Erlaubniss zu unserem Bedauern bislang keinen Gebrauch machen, weil — ganz abgesehen davon, dass wir nur Originalrecensionen in uns. Bl. bringen — der Abdruck jener umfassenden Recens. mehr Raum erfordert hätte, als uns bei der Menge anderweitigen Stoffes zur Verfügung stand. Hrn. Dr. K. in jedem Falle unsern Dank. (Red ) seinen literarischen Leistungen überhaupt, wie seinen exegetischen Schriften ins Besondere, von der Gestalt, in der sie auf uns gekommen, mit grösster Lebendigkeit entgegen. Durchgängig findet sorgfältige Berüeksich* tigung älterer Forschungen über RSBM., wie der eben gedachten, statt, hier ein älteres Ergebniss bestätigend, dort es berichtigend, hier einschränkend, dort erweiternd und ergänzend. Erst jetzt, nach so sorgfältiger Detailforschung, in der auch die innersten Winkel des bei RSBM. am meisten interessirenden Pentateuch-Commentars vom Lichte der Forschung erhellt erscheinen, wird es dem künftigen Literarhistoriker möglich sein, RSBM. Stellung in der Geschichte der Exegese, sein Verhältniss zu Vorgängern und Nachfolgern auf diesem wie den verwandten Gebieten von hebräischer Grammatik und Lexicographie genau abzugrenzen. Bibelforschung und Schrifterklärung aber dürften damit von Neuem die Anregung empfangen haben, die Arbeiten dieses hervorragendsten Meisters der nordfranzösischen Exegetenschule in noch grösserer Ausdehnung als bisher za wissenschaftlicher Schriftauslegung zu verwenden. Es ist eine öfter gemachte Wahrnehmung, dass von. Neueren die Forschungen der nicht mit, Unrecht so genannten klassischen Exegetenschulen, wie der spanischen und nordfranzösischen, zwar vielfach benutzt, aber noch lange nicht ausgenutzt worden. Und dass auch bei RSBM. noch ungehobene Schätze exacter, auf den einfachen Schriftsinn gerichteter Bibelexegese sind, dürfte eben durch Rosin’s Abhandlung für manchen der Leser auf das Ueberraschendste dargethan sein Einen vollständigen Auszug aus dieser so reichhaltigen Schrift zu liefern, dürfte weder thunlich noch ihrer würdig sein. Text und Anmerkungen wollen ganz gelesen sein, will man nicht nur die zum Theil neuen Ergebniss e wie eine leichtgepflückte Frucht vom Baume gelehrter Forschung einheimsen, sondern auch die zahlreich angeführten Gründe prüfen, auf denen diese Ergebnisse beruhen. Nur Einzelnes sei hier angeführt, um dem Leser d. Bl. eine kleine Probe von der Fülie des Dargebotenen zu geben. In dem Kapitel ״Literarische Beziehungen“ von S. 74 ab bespricht Verf. des Näheren das Verhältniss unseres RSBM. zu seinem Zeitgenossen, dem gleichfalls so gefeierten A braham ibnEsra. Mit mancherlei neuen, in den Anmerkungen niedergelegten Belegen erhärtet Vf. die immer wieder interessant erscheinende, wenn auch nicht mehr unbekannte Thatsaehe, dass keine Spur auf persönlichen Verkehr zwischen diesen beiden zeitgenössischen Bibelerklärern deute und nur das gleiche Bestreben, den einfachen Schriftsinn zu ermitteln, an vielen Stellen Beide selbständig dieselbe Schrifterklärung finden liess. Das Mass weltlicher Bildung muss als ein bescheidenes bei RSBM. bezeichnet werden. Die Stärke des Mannes lag im talmudischen Wissen, in Kenntniss der heiligen Schrift und der hebräischen Sprache. Doch scheint er des Lateinischen so weit mächtig gewesen zu sein, dass er die in der christlichen Kirche massgebende Vulgata zu lesen und zu kritisiren verstand. Verf. unterlässt nicht, für diese interessante Erscheinung die nöthigen Belege aus RSBM. wie eine handschriftliche Bemerkung zu I. Mos. 49,10 und eine auch in den Ausgg. cursirende zu II Mos. 20,13 anzuführen. Der wissenschaftliche Stundpunkt R. Saniuel’s ist in der Theologie der eines naiv gläubigen, von Aberglauben nicht ganz freien Mannes. Von vornherein ist man wohl bei einem so nüchternen Manne nicht geneigt anzunehmen, dass er an Geheimkräfte, wie an die der Götzenbilder, geglaubt habe. Und doch ist dem so, wie Rosin S. 119 auseinandersetzt. So glaubt R. Samuel alles Ernstes, dass dem goldenen Kalb der Wüste, vermöge eines in ihm waltenden ״Geistes der | Unreinheit“ (רוח הטומאה) eine weissagende Kraft inne-

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