Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 35. (18.8.1880)
- Date
- 1880-08-18
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 138 — eingehendsten Untersuchungen darüber anstellen liess, warum das Wasser mit dem Fisch nicht schwerer wiege, als das Wasser ohne denselben, ohne dass sie vorher festgestellt hatte, ob dem denn auch wirklich so sei? Thatsache ist, wie jetzt Jedermann weiss, dass Heine’s Mutter keine Deutsche (Christin) sondern eine Jüdin war und zwar ihrer Abstammung nach wahrschein־ licherweise nicht einmal eine deutsche Jüdin, sondern eine Holländerin, eine geb. van Geldern. Damit fällt also der ganze geistreiche Hypothesenbau Wienbargs wie ein Kartenhäuschen beim ersten Lufthauch elend zusammen, und mit der Vertiefung des Gemüthes durch die christliche Muttermilch ist es wieder einmal nichts. Solche Kleinigkeiten hindern den Durchschnittskritiker natürlich nicht, immer wieder in den Fehler Wienbargs zu verfallen, nur dass sie statt der christlich germanisehen Mutter den christlich germanischen Boden setzen, den undeutschen, jüdischen Vater aber unverändert beibehalten Das Aergste und Verdriesslichste aber ist, dass selbst jüdische Autoren anfangen, dieses gläubig nachzubeten und ihre Raisonnements auf dieselbe falsche Voraussetzung beruhen, als sei Heine ein solches Prototyp des jüd. Nationalcharakters. (Schluss folgt.) Die Juden im südwestlichen Russland. (Schluss.) VIII. Unter den Juden existiren besondere, bestimmten Zwecken bestimmte Genossenschaften oder BrüderSchaften. 1. Die Begr äbnissbrüderschaft (Chewra-kadischa, wörtlich die heilige Brüderschaft); es ist ihre Aufgabe, für die gehörige Bestattung der jüd. Gemeindemitglieder zu sorgen. 2. Die Brüderschaft, ״um denÄrmenBrod zu geben“, ״lechom le-ewionim“.* *) 3. Eine Brüderschaft, deren Pflicht es ist, die Kranken zu besuchen, existirt fast in jeder jüdischen Gemeinde, sie führt den Namen ״bikur-ch olim“. 4. In reichen Gemeinden existirt eine Genossenschaft (talmud-tora oder machsike jesornim, Erziehung der Waisen), deren Zweck die Erziehung der Waisen ist 5. Eine Gesellschaft, welche armen Glaubensgenossen Geld ohne Zinsen leiht, führt den Namen ״Gemilus-Chasodi ma 6. Eine Brüderschaft, welche arme Bräute aussteuert und deshalb allen Armen das Eingehen einer Ehe ermöglicht, heisst ״haschnosas-kala“. 7. Die Brüderschaft ״malbisch-arumim“, d. i. Bekleidung der Nackenden, ist bemüht, die armen Juden, insonderheit arme Frauen, zur Winterzeit mit wärmenden Kleidungs־ stücken zu versehen. 8. Die Brüderschaft ״Paz“ oder ״Poale-zedek“ (bedeutet rechtliche Arbeiter) hat an einzelnen Orten ein besonderes Bethaus; sie ist bemüht, einen gewissen Zusammenhang mit den einzelnen Gliedern eines und desselben Standes zu erhalten; sie stellt eine Art Zunftgemeinschaft dar und entscheidet geringfügige Streitigkeiten zwischen den Arbeitern und den Meistern. 9. Die Brüderschaft ״Chebra-mischnajoth“ oder ״Chebra-schass“ (Brüderschaft der Mischna oder des Talmuds) ist gewissermassen eine ge-, lehrte: sie verwaltet die Schulbibliothek, bereichert dieselbe; die Mitglieder verpflichten sich, den Talmud und die Mischna eifrig zu studiren. Alle die genannten Gesellschaften erhalten sich durch freiwillige Beiträge der Mitglieder. Die Zadikirn. Diese Sekte verdankt ihren Ur- Sprung einem in der Moldau geborenen Rabbiner I s r a e 1-B a 1-S c h e m־T o b, abgekürzt Besch t .**) Beseht trat 1720 in Podolien auf und nannte sich״Zadik“; er *) VergL Berlin’a ethnographische Skizze der jüdischen Be- Yölkerung Russlands. 1861. *#) Ausführliches über das Treiben dieses Mannes bringt das Feuilleton in der ״Isr. Wochenschrift“ a. c. Nr. 14 u. ff. hielt sich für ausgerüstet mit einer höheren wunderthäi tigen Kraft; seither ist diese Bezeichnung in einzelnen jüdischen Familien üblich geworden.' Beseht hinterliess \ ein Buch: ״Sefer Hamidot“, das Buch der Sit- ׳ ten, welches durch einen seiner Nachkommdn, Rabbi { Nachmann, später herausgegeben wurde. In dern Buche wird die moralische Seite des Lebens behandelt; ferner wird gelehrt, dass der Mensch fähig ist, eine höhere wunderthätige Kraft auszuüben — allein diese Kraft ist nicht bei Allen zu finden, sie kommt nur den! Auserwählten zu, d. h. denjenigen, welche durch Heiligkeit des Lebens sittliche Vollkommenheit und Reinheit erlangen; diese Eigenschaften besitzen vorzugsweise Beseht und seine Nachkommen und ersten Schüler: die Zadikim. Der Zadik ist der vollkommene Interpret des Talmud, er steht Gott am nächsten und bemüht sich vor dem Thron Gottes für das Wohl seiner Glaubens- > genossen. So steht der Zadik dem Volk gegenüber hoch da; er kann ohne Controle über Alles, was der ״Chasid“ besitzt, frei verfügen. Die Lehre Besch t's, welche das Sefer! Hamidot predigt, wurde mit Enthusiasmus von den Nach- 4 kommen und Schülern aufgenommen; sie gab Anlass zu! der Bildung der Sekte der Zadikim od Chassidim. Man verschmolz die Lehre von den Zadikim mit den alten Lehren von den Lame d-w o f, diesen sogenannten Idealen der Heiligkeit, deren es in einer Generation nur eine bestimmte Anzahl (y׳k, 36) geben soll; sobald Einer stirbt, 1 so wird ein Anderer geboren; man weiss, dass sie existiren, aber ihre Person kennt Niemand. Deshalb f wird angenommen, dass ein Zadik vielleicht einer; von den Lamed-wuf ist. Das Gouvernement Kiew ן ist das Centrum des Zadikismus: Berditschew heisst Neu-Jerusalem. Die Chasidim oder Frommen, die;!> eigentlich blinden Anhänger der Lehre Beseht's, sind über das ganze südwestliche Gebiet zerstreut; jeder Ort i hat seinen eigenen Zadik, dem das Volk leider blindlings ergeben, dem es Alles glaubt, von welchem es Alles 1 erhofft, dem es Alles opfert. ( In der Abhandlung Tschubinsky’s folgt nun eine * ausführliche Darlegung der juristischen Gebräuche auf Grundlage des mosaisch-talmudischen Rechts. Wir ״ lassen dieselbe als zum Auszug nicht geeignet bei & ׳ Seite, und führen zum Schluss nur einige statistische f: Angaben über die Juden in den südwestlichen Provin- ) zen Russlands an. Man zählt Juden ח männl. Gesclil. weibl. Geschl. im Ganzen im Gouv. Kiew 126,288 137,171 263,459 im Gouv. Wolhynien 102,228 108,918 211,146 i im Gouv. Podolien 120,888 125,847 246,735 in Summa 349,404 371,936 721,340 jj Die Zahl der Juden in den einzelnen K r e i s e n der || der Gouvernements schwankt zwischen 10,000 bis 60,000 1 (Kreis Berditschew, Gouv. Kiew). Das Verhältniss der Juden zu der übrigen Bevölkerung ist in einzelnen Kreisen schwankend; unter 8 Proc. Juden finden sich nur in zwei Kreisen des Gouv. Wolhynien, mehr als 25 Proc. hat der Kreis Berditschew (Gouv. Kiew). In allen drei Gouvernements dagegen ist das Verhältniss annähernd gleich; im Gouv. Kiew bilden die Juden 13,09 Proc., in Podolien 12,08 Proc., in Wolhynien 12,37 Proc. der Gesammtbevölkerung oder, anders ausgedrückt, die Juden bilden etwa den achten Theil der ganzen Bevölkerung: auf sieben Christen kommt ein Jude.! Die stärkste jüdische Bevölkerung hat Berditschew , mit 50,000, Kamenetz, Podolsk, Mohilew und Sytomir י mit je 15,000 Juden. Aus diesen einfachen Zahlen geht die grosse Bedeutung, welche das jüdische Element innerhalb der Bevölkerung der südwestlichen Gouvernements besitzt, ohne Weiteres hervor.