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Das jüdische Literaturblatt · 1880-08-18 · No. 35. (18.8.1880) · p. [Seite 1]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 35. (18.8.1880)
Date
1880-08-18
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Xo. 35. Das .1 Sillrff. IX. Jüdische Literaturblatt. Zur Beleuchtung aller Judenthnin und JudeH betreffenden literarisch. Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie, Orientalin, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahnier. Magdeburg, 18. August 1880. r Bücher der einschlägigen Li• teratnr, welche der Bedaction zngesandt werden, finden in diesemBlatte eingeh. Besprechnng. BeiEinsendung von zwei Recensionsexemplaren erfolgt auch Erwähn, i. d.Wochenschr. Das ״•I «■«lisclte Ijiteraturblatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in L ei pz ig bei Robert Friese) pro Jahrgang:8 Mk. Abonnenten der ״IsraelitischenWochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״J üdische Literaturblatt״ gratis. — Inserat« werden mit 25 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegengenommen durch die Central-Annoncen-Expedition von Gr« L. Daulbe Co., Frankfurt a. M., Magdeburg, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Ueber Heinrich Heine als Typus des jüdischen Volkscharakters. Von Max Weinberg, — Die Juden im südwestlichen Russland. Literaturbericht: Recensionen: Rosin, D. R. Samuel b. Meir (רשב״ם) als Schrifterklärer, Jahresbericht des jüdischtheologischen Seminars. — Zur Recension über Wünsche’s Bibliotheca rabbinica. Notiz. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Ueber Heinrich Heine als Typus des jüdischen Volkscharakters. Von Max Weinberg. Ich weiss nicht, welcher Denker es ausspricht, jedes Volk bringe einmal einen Geist hervor, der alle Haupteigenschaften seiner Nation in stark hervortretender Weise in sich vereinige. Solche Männer seien Voltaire für Frankreich und L essing für die Deutschen. Wunderbarer Weise ist nun von jeher in der Kritik Heinrich Heine’s ein ähnlicher Massstab in Bezug seines Verliältnisses zum Judenthum angelegt und ein Ton eingeschlagen, als ob man es in Heine — namentlich wenn es sich um Erklärung seiner Fehler und Auswüchse handelt — mit einem solchen vorzugsweisen Repräsentanten der jüdischen Race zu thun hätte, der nur deshalb nicht reines Vollblut sei, weil er eine starke Beimischung germanischen Wesens in sich aufgenommen habe. Selbstredend verdankt man nur diesem letzten Umstande den besseren Theil Heine’seher Lyrik und Prosa, während alles Andere ״semitisch“, ״jüdisch“ ist. Aber noch weiter. Ein sehr bedeutender Schriftsteller, der weit weniger in’s Volk gedrungen ist, als er es verdient hätte, und von dem das jüngere Geschlecht kaum mehr weiss, als dass er dem sogen, jungen Deutschland den Namen gegeben, Ludolf Wienbarg, sagt in seinen ״dem jungen Deutschland gewidmeten“ ״Aesthetischen Feldzügen* über Heine: Schöpfen wir, wie wir es bei Göthe und Byron gethan, aus der Geschichte seines Lebens diejenigen Andeutungen, welche uns die besondere Art und Richtung seines Talents erklären halfen. Heine ward in Düsseldorf geboren, aber von einer christlichen Mutter. ״Stelle man sich ein poetisches Genie vor, das dem Byron’schen ähnlich, ja demselben an Penetration des Verstandes überlegen, verkörpert, wird nicht im Palaste eines Pairs von England, sondern im bescheidenen Wohnhause eines rheinischen Juden, ein Genie, das nicht in die Schule von Eaton, sondern in die Synagoge von Düsseldorf wandert etc. etc.“ Und ferner: ״Kein Franzose und überhaupt kein Ausländer kann die Narrheiten, Schwächen, den Ahnenstolz, die Pedanterie der Deutschen nackter und in aller ihrer Blässe wahrnehmen und bespötteln, als ein in Deutschland geborener Jude, der dem Herzen und der Geschichte des Vaterlandes eben so fremd .... Aber Heine besass nicht nur diesen Vortheil (des Witzes), dass er als geborener Jude, gleichsam als Ausländer und Feind auftrat . . . er hatte auch von seiner deutschen Mutter diejenigen Eigenschaften geerbt, welche den Witz erst glänzend machen, indem sie ihm zur Folie dienen, nämlich die Gabe der Phantasie, einen dunklen Anflug von Gemüth, die Ahnung oder das Verstehen des poetisch Wirksamen, die Behandlung des Geheimnissvollen, was im poetischen Grunde unserer (christlich-germanischen) Nation ruht, und leider nur zu sehr mit Alltäglichem und Gemeinem überschüttet ist Daher zeigte sich Heine schon in seinem ersten Werk nicht blos als witziger Kopf, als Voltaire, Swift, sondern als Humoristen, als einen Byron-Voltaire, der, wie er sich selbst ausdrückt, sein Schlachtopfer erst mit Blumen kränzt, ehe er ihm den letzten tödtlichen Streich versetzt . . . . Endlich scheint er für sein Leben das rechte Centrum gefunden zu haben, denn die Hauptstadt von Frankreich, wo er sich jetzt aufhält, entspricht mit ihren Bewegungen, Umtrieben, glänzenden Gesellschaften ganz dem Charakter eines Schriftstellers, der dem witzigsten Franzosen leicht die Spitze bietet, und ausserdem alles das vor ihm voraus hat, was ich vorher unserer (der deutschen) Nation vindicirt habe. Heine’s Einfluss auf die deutsche Jugend ist unberechenbar, und dennoch würde er noch grösser sein, wenn Heine von Grund aus deutsch etc. wäre.“ Genug, liest man diese mit vieler Tiefe und grossem literarischen Verständniss geschriebene Abhandlung Wienbargs von Anfang bis zu Ende durch, so haben sich alle Fragen und Zweifel in uns völlig gelöst, man bewundert in jeder Zeile den grossen Scharfsinn des Verfassers, dem es gelungen, die Gedankenwelt Heine’s bis in den letzten Winkel seines* Herzens zurückzu verfolgen und für seine Eigenart, Bizarrerien etc. den einzig und absolut richtigen Schlüssel zu finden. Man fühlt es dem Kritiker nach, d8ss, indem er bei diesem sonderbaren Geist, in dessen Schriften man auf die seltsamsten und oft unbegreiflichsten Widersprüche stösst, des Räthsels Lösung in die Mischun״ und Kreuzung seines Blutes verlegte, er damit erst das rechte Verständniss für den Heine’schen Charakter wahrhaft erschlossen. Wie aber, wenn es dem geistreichen Wienbarg mit Heine ergangen wäre, wie nach einer bekannten Anekdote jener Akademie der Wissenschaften, die die

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