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Das jüdische Literaturblatt · 1880-08-11 · No. 33. (11.8.1880) · p. Seite 130

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 33. (11.8.1880)
Date
1880-08-11
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 — konnte als solches eine Zeit lang frei umhergehen, da in Jerusalem immer ein bedeutender Vorrath solcher Lämmer sichbefand. (Jecli. 36, 38.) Diese symbolischen Eigenschaften und Zeichen, mit denen das Opferlamm versehen wurde, wurden auch durch eine besondere Ideenassociation auf den Priester, welcher das Opfer vollzog, übertragen. Auch er bekam den Charakter der Weihe und der Heiligkeit. Aber noch mehr; er wurde gleich dem Opfer!amrne gestrichen oder gesalbt, und bekam davon den Namen: der gesalbte Priester (הכהן המשיח) (III. Mos. 4,3). Hier zwar geschah das Streichen mit heiligem Oele, aber ebenfalls in der Form des Kreuzes. Dieses ersieht man aus dem Talmud (Kerisoth 5), wo gesagt wird: מושחין את המלכים ״ כמין נזר ואת הכהנים כמיץ כ׳ יוניתMan salbte die Könige mit die Könige mit dem Zeichen einer Krone und die Priester mit einem griechischen X (Der Aruch erklärt dieses Zeichen: אות יונית בתבנית ב' קוים עוברים זה על זה באלכסון. Wie weit man den Gebrauch hatte, das Opfer mit einem -Jzu streichen, ersieht man auch daraus, dass sogar die Brote (ל(חלות welche nur ate׳ Speiseopfer gebracht wurden, mit demselben Zeichen des Kreuzes gestrichen wurden. In Talmud Menachot 7,11 heisst es: כיצד מושחין את המנחות כמין כ׳ יונית. Wie dann im Babyl. Exil die Idee des stel!vertretenden und sühnenden Opferlammes mit dem charakteristischen Zeichen der Salbung (משיח) auf Israel übertragen wurde (Jes. 53,6—61,1; Jech. 36,38; Ps. 20, 7 u. a. m.), und welch eine Rolle diese Idee mit ihren Symbolen dann weiter in der christlichen Religionsgeschichte spielte, dieses zu erörtern, behalten wir uns für die Zukunft vor. Ueber semitische Philologie. Am 1. Juli hielt der Nachfolger Prof. v. Diestels auf dem alttestamentlichen Lehrstuhl in Tübingen, Prof. Dr. Kautzsch, seine akademische Antrittsrede in der Aula der Universität über das Thema״ .־Ursprung und Aufgaben der semitisehenPhilologie“ im Dienste der Bibelforschung. Die alttestamentliche Wissenschaft, führte der Redner aus, tlieilt mit den übrigen theologisehen Disciplinen das Schicksal, dass sie genöthigt ist, einen wichtigen Theil ihrer Kenntnisse aussertheologisehen, für sich selbstständigen Wissenschaften, ihren Hilfsdisciplinen, zu entnehmen. Sie ist wesentlich auf die semitische Sprachwissenschaft angewiesen. Die semitische Philologie selbst ist aber für sich eine nach Bedeutung und Umfang so hervorragende Wissenschaft, dass der alttestamentliche Theologe sich nicht selten vor das gefährliche Dilemma gestellt sieht: entweder seine Kraft vorwiegend der Theologie zuzuwenden und den sprachwissenschaftlichen Unterbau nur den Resultaten Anderer zu entnehmen, ohne selbst die Controle ihrer Richtigkeit ausüben zu können, oder über vorwiegend philologischen Studien seiner theologischen Aufgabe nicht vollkommen gerecht zu werden. Von hier aus ging Redner auf die Besprechung der ältesten Uebertragungen des Alten Testaments ein. In erster Linie steht hier die griechische, in Alexandrien entstandene Uebersetzung der Septuaginta. Sie ist nach der Sage unter der Herrschaft der Ptolemäer durch 70 oder 72 aus Judäa gerufene gelehrte Juden unter göttlicher Inspiration angefertigt. Uebrigens ist die Uebersetzung nur sehr allmählich entstanden und kann, da sie nicht eine wörtliche, sondern eine vielfach freie und willkürliche, mehr den praktisehen und religiösen als wissenschaftlichen Zwecken dienende Uebertragung ist, auch zur Herstellung des ursprünglichen hebräischen Textes nur wenig Dienste leisten. Doch ist der Werth der einzelnen Bücher verschieden. Während der Pentateuch verhältnissmässig treuer übertragen ist, verfährt dagegen der Uebersetzer des Buches Hiob sehr frei und das Buch Daniel ist so schlecht übersetzt, dass an Stelle davon die Ueber- Setzung des Theodotion eingefügt werden musste. Aehnlieh verhält es sich mit den sogen. Targumim, der Uebertragung des Alten Testaments in die ”aramäische, zur Zeit Christi unter den Juden gebräuchliche Sprache. Sie sind im Verlaufe von fünf Jahrhunderten entstanden und wollen viel mehr schwierige Stellen für den Gebrauch der Synagoge erklären und umschreiben, als dass sie eine genaue Uebersetzung bieten. Eine andere Art der Bibel forschung zeigt nun die etwa im Jahre 500 nach Christus aufkommende Massora. Sie verdankt ihre Entstehung dem allmählichen Aussterben der miindliehen Ueberlieferung über das richtige Lesen des bisher nur mit Consonanten geschriebenen Textes. Die Aufgäbe der Massorathen, d. h. eben der jüdischen Gelehrten jener späteren Zeit (bis ca. 1000 n. Chr.), ist die schriftliehe Festhaltung der bisherigen mündlichen Tradition über die Aussprache und Betonung des hebräischen Textes. Ihr Werk ist das hebräische Vocal-und Accent- System (Punktation). Ihr Hauptsitz ist Tiberias, obwohl ein Streit darüber besteht, welcher der beiden Traditionsherde, der palästinensische oder der babylonische, welehern letzteren das sogen, babylonische Punktationssystem entstammt, das ursprüngliche sei. In der heutigen semitischen Philologie ist nach des Redners Urtheil noch manche Besserung zu wünschen. Sie hat zwar in der Kenntniss der Formen eine ziemliehe Vollkommenheit erreicht, in der Syntax dagegen hat sie noch mancherlei Schwierigkeiten und Vorurtheile zu bekämpfen. Hierher gehört besonders die immer noch nicht vollkommen ausgemerzfe Gewohnheit, indogermanische Sprachgebilde in die semitische Grammatik zu übertragen. Das Semitische kennt keine drei Zeiten (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft), sondern nur 2 (Perfekt und Imperfekt) und keine drei Genera, sondern 2 (Maskulinum und Femininum). Für die Theologie nun wird die semitische Philologie fruchtbar gemacht, hauptsächlich in einer geförderten Lexicographie. Sie hat, wie alle Begriffe einer Sprache, so auch die für die Religionsgeschichte bedeutsamen, nach ihrem wahren Gehalt herauszustellen. Dabei ist so viel wie möglich auf die sinnliche Grundbedeutung zurückzugehen. Das hebräische Wort ״Elohim“, Gott, wird weit besser, als durch lange theologische Erörterungen, durch die einfache Wahrnehmung erklärt, dass sein Wurzel wort im Arabischen das furchtsame Anschmiegen des Kameelsfüllens an seine Mutter bedeutet, also den Begriff des hilfesuchenden Schreckens enthält. Zur Deutung der Partikel ]אך. Nachum aus Gimso le״te bekanntlich allen in der Thora vorkommenden את eine erweiternde Bedeutung bei, desgleichen that auch Simon aus Emmaus. Als aber letzterer bei dem Verse את ה' אלהיך תירא anlangte, hielt er nicht nur inne, sondern zog alle früheren Interpretationen in dem Bewusstsein zurück, dass hier das Schweigen besser sei. Dem R Akiba blieb es Vorbehalten, unter diesem את die ״Männer der Wissenschaft‘־ zn involviren, und auch auf diese, nebst Gott, die schuldige Ehrfurcht zu erstrecken. (Chagiga 12a; Pessachim 22b). Hier herrscht nun ein Dunkel, das der Lüftung wartet, warum nicht auch Simon den Respekt auf den Geiehrtenstand bezog, wie ja auch R. Elieser ben Samuel die Ehrfurcht gegen den Lehrer der gegen den Himmel gleich stellte. (Aboth 4, 12.) Wir glauben, dass Simon, der in der Entstehungszeit der christl. Religion gelebt, sich scheute, die Gottesfurcht auf Menschen auszudehnen, denn wem *“׳o

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