Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 33. (11.8.1880)
- Date
- 1880-08-11
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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\o. 3S. dm .lalirsr IX. Jüdische Literaturblatt Zur Beleuchtung aller Joden• tham and Juden betreffenden literarisch. Erscheinungen anf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,The• ologle.Orientalia, Exegese, Homiletik, Litnrgik, Pädagogik. He1־ausge״eben Bwbbiner Dr. Moritz Knhiner. Magdeburg:, 11. August lsiSO. Bücher der einschlägigen Li• teratar, welche der Redaction zagesandt werden, finden in diesemBlatte eingeh.Besprech• ang. BeiEinsendang von zwei Recensionsexemplaren erfolgt auch Erwähn. L d.Wocheaschr. Das ״Jüdische Iilteraturblatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Lei pzig bei Robert Friese) pro Jahrgang :8 Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (di e vierteljährlich bei allen Postanstalten and Buchhandlungen $ Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegengenommen durch die Central-Annoncen-Expedition von Gr. JL.. Daube Jfe Co., Frankfurt a. M., Magdeburg, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Geschichte des hebräischen Buchstabens Thaw (ת)- Ein Beitrag zur Urgeschichte Jdes christlichen Kreuz-Symboles. Von H. K. — Ueber semitische Philologie. — Zur Deutung der Partikel אה• Literaturbericht: Recensionen: Wuensche, Dr. August. Der Jerusalemische Talmud in seinen hagadischen Bestandteilen. — Joel, Dr. M. Blicke in die Religionsgeschichte zu Anfang des zweiten christlichen Jahrhunderts. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Geschichte des hehr. Buchstaben Thaw (/ף)• Ein Beitrag cur Urgeschichte des christliches Krew-Sjmboles. Von H K. (Schluss.) Dass eine solche Einrichtung in der ersten Gesellschaft bestand, ersieht man aus I. Mos. Kap. 4 V. 15 ff., wenn man logiseh folgert, dass die heilige Schrift nur bildlich auf Gott Züge überträgt, wie sie aus den Zuständen der Gesellschaft entnommen sind (ähnlich Hiob 1,6). Diese primitive Einrichtung, einmal zur Sitte gestempelt, erhielt sich in einzelnen Fällen sehr lange, selbst dann, als die Schrift bereits erfunden und die ganze Basis der Gesellschaft eine andere geworden war. Dieses ersieht man aus der Stelle •lech. 9, 4, wo das Zeichen ת noch immer als ein lebenerhaltendes und für diesmal mit guter Beziehung in Anwendung gebracht wird. Diese Doppelseite im Charakter des Thaw, seine heiligende und entehrende, seine erhaltende und vernichtende Kraft, ist schon den Talmudisten aufgefallen, und sie nehmen an, dass dieser Buchstabe zu verschiedenem Zwecke bald mit Dinte, bald mit Blut geschrieben wurde (Talmud Sabbat 55.) Ein anderer Lehrer wirft ebenfalls dieselbe Frage auf mit dem Hinzufügen: ,,Warum gerade ein Thaw?* Raw giebt ihm zur Antwort: ״es giebt ein Thaw des Lebens, תיו של תחיה? und ein Thaw des Todes, 5 תיו של תמותה* da diese beiden Wörter im Hebräischen mit Thaw anfangen. Wir werden den Sinn dieser Erklärung näher begreifen, wenn wir, im Anschluss an das Gesagte, die Verwendüng des Thaw oder Kreuzeszeichens in der ältesten Geschichte etwas weiter noch verfolgen. Als die Gesellschalt fortschritt und schon die Schrift erfunden hatte, blieb doch noch dieses formlose Zeichen -jin seiner vollen Bedeutung. Die Schrift, und besonders in der alten Form der Hieroglyphen, konnte für die ersten Zeiten nur das Vorrecht sein einer gelehrten Zunft (.חרטומים מכשפים ׳כשדים), während für andere Berufsklassen die Kenntniss der Schrift ein verschlossenes Gebiet blieb. Und selbst die alten Könige und Helden hatten nicht Zeit noch Müsse, sich mit dem Schreiben zu befassen. Dafür hielten sich die Könige einen Schreiber, dem sie ihren Willen dietirten (II. Chr. 2, 10). Auch waren die Könige entweder selber Richter, oder in peinlichen Fällen hing die letzte Entscheidunvon ihrer Bestätigung ab. Wurde nun ein Urtheil vom Gerichtshof ausgefertigt, so war das nur ein leeres Blatt, bis es von dem Fürsten selbst sanctionirt wurde. Dieser setzte nun, aus Mangel an Schreibkenntniss, ein -fdarunter, wodurch das Dokument erst seine volle Bedeutung erhielt. (Vergl. Hiob 31,35: ״Der Ausdruck: תוי, Unterschrift, sagt Gesenius, schliesst ordentliche Schriftzüge aus und bedeutet das blosse Handzeichen eines des Schreibens Unkundigen, also Kreuze etc.) Je nachdem nun dieses -{- unter ein verdammendes oder freisprechendes Urtheil gesetzt wurde, bekam es die Bedeutung des Todes oder des Lebens (Bis auf den heutigen Tag hat sieh auch dieses -ferhalten, und wird überall an Stelle einer fehlenden Unterschrift gesetzt) Bedeutender noch als im juridischen Leben ist die Rolle, die das -fin der Religionsgeschichte gespielt hat. Schon in den ältesten Zeiten kam die Menschheit auf die Idee, aus Dankbarkeit für die empfangenen Gaben einen Theil derselben in das Haus des Ewigen als Opfer abzutragen. Mit der Idee des Dankesopfers verknüpfte sich bald die Lehre der Versöhnung und des stellvertretenden Opfertodes Der Mensch wurde mit seinem Besitze identificirt und durch Hingabe eines Theiles seines Besitzes gab man quasi einen Theil seines Lebens hin Auf diese Weise wollte man die Schuld des Lebens im Allgemeinen und die Sühne für die Sünden irn Besonderen ausgleichen. Zu diesem stell vertretenden Opfer wurde nun neben anderen Thieren hauptsächlich das Schaf gewählt — dieses Bild der Unschuld und des geduldigen Leidens. Das Opferwesen wurde dann von religionswegen regelmässig geordnet und festgesetzt, dass je das zehnte Schaf (oder Rind) einer Heerde für den Tempel abgesondert werden sollte. Die Auswähl der Thiere geschah aber nicht nach eigenem Willen, sondern man überliess es gleichsam dem Schicksal, die Opferthiere zu bestimmen. Man liess die Heerde aus dem Stalle einzeln hinaus und immer das Zehnte bekam mit einer in Farbe getauchten Ruthe ein Zeichen auf den Rücken und wurde so zum Opfer abgesondert (Levit. 27,32 und Talmud Bechoroth 58). Dieses Zeichen war wohl wieder kein anderes als das ursprüngliehe Thaw: -j-, dessen man sich damals in allen Fällen bediente und welches noch heute die Landwirthe zur Bezeichnung von determinirten Schafen in Anwendung bringen. Dieses Lamm mit dem gebrochenen Zeichen des Todes ant dem Rücken, sollte als Opfer die Sünden tragen und die Sühne übernehmen. Es bekam nun den Charakter eines geheiligten Lammes (י(צא| קדשים und