Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 32. (4.8.1880)
- Date
- 1880-08-04
- Page
- Seite 127 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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127 — Bräutigam Unter Begleitung der Musik, der Verwandten und Schaffer, welche Fackeln tragen, begiebt sich der Bräutigam zu der Chupa, oder dem Baldachin, einem in der Nähe der Synagoge unter freiem Himmel errichtefen Zelt. Hierher kommt auch die Braut, geht sieben Mal um den Bräutigam herum und stellt sich an seine rechte Seite Darauf verliest der ,,Schamesch“ die Trauungsformel in chaldäischer Sprache, und nun steckt der Bräutigam der Braut, einen Ring an den Zeigefinger mit den Worten: ,.durch diesen Ring bist Du mit mir nach den Gesetzen Mosis und Israels verbunden.1‘ Dabei muss der Bräutigam ein bereit gehaltenes Weinglas zertreten, um dadurch an den Fall Jerusalems zu erinnern. Braut und Bräutigam trinken gemeinsam aus einem Gefäss, nachdem ein kurzes Gebet darüber gesprochen ist; dann wird das junge Paar unter Musikbegleitung nach Hause gebracht. Hier stärkt es sich sofort durch eine Fleischbrühe, ״die goldene Suppe“, nachdem es den ganzen Tag gefastet hat, während die Gäste zu einem Mahl sich niederlassen, nach dessen Beendigung ein jeder der Anwesenden den Neuvermählten ein Geschenk darbringt. Zum Schluss stellt man die Braut mitten ins Zimmer, ein jeder der Anwesenden tritt an sie heran, fasst ein in ihrer Hand befindliches Tuch und beschreibt mit der Braut unter Musikbegleitung einen Kreis; dann naht sich der Bräutigam und die Brautfüfmerinnen. Letztere geleiten die junge Braut in das Hochzeitsgemach, während der Bräutigam noch zurückbleibt, bis jene zurückkehren, dann wird auch er zur Braut geleitet Selbstverständlich bleibt an diesem Abend ein Nachtessen unter Musikbegleitung nicht aus; dabei fehlt der Orts-Rabbiner und sein Vorsänger niemals; der letztere sammelt von den Anwesenden kleine Geldgeschenke ein. Auch für die Armen wird Geld gesammelt. Dem jungen Paar werden verschiedene Geschenke (Drösche- Geschank) oft baares Geld gespendet, wovon die Musikanten sowie namentlich die Armen einen bestimmten Antheil erhalten. Am Tage nach der Hochzeit wird der jungen Frau ein Kopfputz, wie die Frauen ihn tragen, aufs• Haupt gesetzt; darauf wird sie unter Musikbegleitung von ihren Freundinnen und Verwandten in die Wohnung der Schwiegereltern geführt, woselbst die Gäste einen Imbiss einnehmen und der Schwiegertochter ein Geschenk überreicht wird. An einigen Orten macht die junge Frau mit dem sie begleitenden Gefolge noch bei anderen Verwandten Besuche; man nennt das״Rümpeln mit der Kalle“. Am ersten Sabbath nach der Hochzeit wird die junge Frau am Morgen von ihren Freundinnen aus ihrer Wohnung abgeholt und feierlich in die Schule oder Synagoge geführt, Nach Beendigung des Morgengebetes geht alles, was geladen ist, wieder zurück in’s Haus derNeuvermahlten, wo abermalsein Imbiss der Gäste wartet (Leckich und Brantfen Dieses Fest wird mitunter von den Eltern des jungen Ehemannes veranstaltet; am häutigsten jedoch von den Ehern der jungen Frau, weil die Mutter sich noch eine Zeit lang sträubt, ihre Tochter aus dem Hause zu geben In diesem Falle lebt der junge Ehemann ohne jegliche Beschäftigung im schwiegerelterliehen Hause; nur bei den Chasidiin besucht, er noch eine Zeit lang die — Schule. Literaturbericht■ Hecensioueii. Wuensche, Dr. August. Der Jerusalemische Talmud in seinen hagadischen Bestandtheilen zum ersten Male in’s Deutsche übertragen. Zürich 1880. Verlags- Magazin. Gr 8°. VIII und 297 S. Ein rühmlicheres Zeugniss für den unermüdlichen Fleiss und die aller Schwierigkeit spottende Energie hätte der gelehrte Uebersetzer sich kaum ausstellen können, als durch die rasche Aufeinanderfolge seiner verschiedenen Agada-Versionen. Gleichzeitig mit der Uebersetzung der Rabboth, deren Drucklegung eifrig gefördert wird, hat eben das uns vorliegende stattliche Buch d;e Presse verlassen. Wir bekennen mit aufrichtiger Freude, dass es qualitativ die Uebersetzung der Rabboth, soweit wir sie bisher gewürdigt, bei Weitem tibertriffc. Und doch thürmen sich hier zumal dem nichtjüdischen Gelehrten oft elementare Schwierigkeiten auf! Der Kundige weiss, wie viel der corrupte Text, wie viel trümmerhaf’te Fragmente und ganze Reihen linguistischer Räthsel hier zu denken geben. Dass es Herrn W. gelungen, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, gereicht ihm zu ganz besonderem Ruhme und darf für ihn den Sporn enthalten, unentwegt auszuharren bei der Lösung des grossen Problems, das er sich zur Aufgabe gestellt. Durch die treffliche Uebersetzung der Agadoth des Jeruschalmi hat er den Beweis geliefert, dass er seiner grossen Aufgabe nunmehr auch völlig gewachsen. Zugleich hat er den Schlüssel gewonnen für die Eröffnung des richtigen Sinnes, wo Zweifel bei einzelnen Piecen des Rabboth ihm entgegentreten sollten. Denn die Rabboth recurriren bekanntlich auf den Jeruschalmi. Es war darum ein glücklicher Griff, gleichsam als grundlegende Vorarbeit die Haupt- und Urquelle der Rabboth zu erschliessen. Dass Herr W. in seinem Buche nicht alle agadischen Partien des Jerasch, wiedergegeben, wird den Kundigen nicht überraschen Schon das Volumen des immerhin umfangreichen Buches wird ihm dies verrathen. Dass die Forscher der jüdischen Alterthiimer die Leistung des Herrn W. als eine höchst willkommene begrüssen werden, lässt sich mit Bestirntheit, annehmen. Für Aufschlüsse in historischer, ethnographischer, ethischer, psychologischer, eschatologischer und mythologischer Hinsicht werden sie hier eine wahre clavis linden Wenn Herr W. meint, der .Jeruschalmi sei gegen Andei'sgläubige intoleranter, als der Midrasch, wie er z. B. in den Rabboth zum Ausdrucke gelangt, so können wir diese Ansicht nicht unwidersprochen lassen. Es mut.het uns immer sonderbar an, wenn man organische Tendenzen allgemeiner Natur in literarischen Sammelwerken von der Art unseres Midrasch wittert. Wer da weiss, dass wir hier überhaupt kein organisches Gebinde vor uns haben, dass sich lose und harmlos an einander gereiht finden Gefühlsretlexe und Gedankensplitter bedeutsamer Träger vieler Generationen wechselnd nach der Eigenart temporärer Stimmungen und localer Verhältnisse— der wird sich nicht leicht zu einem allgemeinen Urtheile versteigen, das zu einem vielleicht ganz ungerechtfertigten Verdicte führt. Die Autoren, die in der Agada sich äussern, sind Kinder ihrer Zeit mit ihren Vorzügen und Fehlern. Sicherlich stehen sie, soweit sie Fühlung mit dem praktischen Leben haben, an Toleranz ihren anders glaubenden Zeitgenossen nicht nach Findet sich ein hartes Wort, dass uns die Agada treu überliefert, müssen wir fragen, welche Härte und Unduldsamkeit auf gegnerischer Seite dies wohl provocirt haben dürfte. Wir dürfen nicht im Allgemeinen vom Jeruschalmi, sondern nur vom einzelnen Autor reden, der oft in veränderter Stimmung und in anderer Gemüthsverfassung sich verhähnissmässig sehr tolerant äussert. Warum Herr W, abweichend vom Usus der Gelehrten, nicht nach der alten Krakauer Ausgabe, sondern nach der neuen Ed. Sitomir citirt, ist uns unerfindlich. Mit der Ed. Krotoschin hatten wir unsere liebe Noth, die vorliegende Uebersetzung zu controliren. Nicht nur in der Angabe der Halacha, sondern auch des Perek finden sich zuweilen weitgehende Differenzen. — In Auflösung der Initialen ist Hr. W.