Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 32. (4.8.1880)
- Date
- 1880-08-04
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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konnte man bald eine Anzahl lebender nnd todter Inventarien erblicken, welche aus irgend einem Grunde mit dem Zeichen eines Kreuzes versehen waren. Die verschiedensten Berufskreise bedienten sich nun fortan dieses Zeichens zum Hülfsbedarf. Der Baumeister, der ein leichtes zerlegbares Bretterzelt aufstellte, bezeichnete die einzelnen Bretter mit Kreuzen, um sich deren Ordnung zu merken. Auch bei lebendem Inventar wurde das x häufig verwendet, und Thiere, die von der Heerde, sei es zum Verkauf oder irgend einem anderen Zwecke abgesondert wurden, wurden mit einem solchen Kreuze bezeichnet. Durch diese Determination wurde ein Gegenstand aus der Menge ausgeschieder!, und bekam einen partikularistischen, ausgezeichneten Charakter, in malam oder in bonam parten. In dritter Reihe wurde das Kreuzeszeichen auch für Menschen in Anwendung gebracht Zunächst in juridischer Beziehung, bei peinlichem Gerichtsverfahren. Wir müssen hierbei die Zeit im Auge behalten, wo die Schrift noch nicht existirte und wo die Gesellschaft auf primitiven, verabredeten Gesetzen sich basirte. Wurde nun einer eines peinlichen Verbrechens, eines Mordes, angeklagt, aber mit Annahme mildernder Umstände vom Tode freigesprochen, so wurde ihm, da es Gefängnisse noch nicht gab, das -jauf der Stirne vielleicht mit Feuer eingebrannt, um ihn so zu kennzeichnen. Dieses •Verfahren mit Verbrechern erhielt sich in einigen europaischen Staaten bis vor wenigen Dezennien. Dieses Zeichen hatte die Aufgabe, ihn von der Gesellschaft, an der er gefrevelt hatte, auszuschliessen und Jedermann vor ihm zu warnen Gleichzeitig sollte es aber verhüten, dass nicht die blutsverwandten Rächer ihm nachstellten, ״dass nicht Jeder, der ihn fände, ihn tödte.“ Dadurch wurde ein so Verurtheilter in eine Art Bann (הרם) gethan, und das Zeichen bekam immerhin einen heiligen gesetzlichen Charakter und bedeutete ebensogut bürgerlichen Tod als physische Lebensunterhaltung. (Schluss folgt.) Die Juden im südwestlichen Russland. VI Hochzeitsgebräuche. Am Vorabend des der Hochzeitswoche vorausgehenden Sabbaths ziehen zwei junge Weiber, Anverwandte des Bräutigams, bei allen Bekannten von Haus zu Haus und laden die Frauen ein, am anderen Morgen die Mutter des Bräutigams in die Synagoge zu geleiten Am Sabbathmorgen erscheint ein Theil der Geladenen und mit ihnen geht die Mutter zur Synagoge oder Schule, wohin der Bräutigam in Begleitung seiner nächsten Bekannten und Nachbaren auch kommt (Die an der Hochzeitsfeier Theil nehmenden männlichen Verwandten heissen ״Mechuten“, die welbliehen ״Mechutenisten“; die Hochzeitsfeier selbst heisst Chasuna.) In der Synagoge giebt man dem Bräutigam, auch wenn er arm ist, den Ehrenplatz an der östlichen Wand. Sobald nach Vollziehung der vorgeschriebenen religiösen Ceremonie die Gäste die Synagoge verlassen haben, werden sie mit Branntwein und Kuchen bewirthet. An einigen Orten holen die Altersgenossen den Bräutigam aus der gynagoge ab; sie besuchen ihn nach dem Mittagessen, bringen Branntwein odor Wein mit und bleiben bis zum Abend bei* sammen. Ebenso werden die Eltern des Bräutigams von ihren nächsten Bekannten und Verwandten besucht und die Zeit wird fröhlich unter Essen, Trinken und Singen verbracht. Im Hause der Braut wird an demselben Sabbathabend ein nur der Braut geltendes Fest gefeiert, welches das ״Vorspiel“ heisst. Das Fest besteht darin, dass alle bekannten Mädchen und Frauen eingeladen werden und von zwei Uhr Nachmittags bis zum Abend sich an Tänzen und Essen sich ergötzen. Dazu spielt die in jeder jüdischen Gemeinde vom Kahalsamt angestellte Musikbande, ein Geiger, ein Beckenschläger (Cymbalist), ein Bassist und ein Tamburinspieler. Mit diesem Orchester erscheint auch gewöhnlich der ״Badchan“, der Spassmacher und Taschenspieler, welcher unter Musikbegleitung seine eigenen Verse vorträgt und die Anwesenden durch allerlei Scherze unterhält. Da die Juden aber am Sabbathtage nicht arbeiten, also auch keine Musik machen dürfen, so miethen sie dazu christliche Musikanten, und erst am Sabbathabend kommt die jüdische Kapelle zur Thätigkeit. Diese ״Vorspiele“ sind im Allgemeinen sehr besucht; der Besuch gilt als ein Gott wohlgefälliges Werk. Am Tage vor der Verheirathung wird ein besonderes Fest begangen, das ״C h n sen - Mo I“ (soll heissen Chossen-Mahl, d i. das Mahl des Bräutigams), zu welchem der Bräutigam feierlich von den Verwandten und Bekannten der Braut empfangen wird Am Abend werden im Hause der Braut die Gäste mit Branntwein und Kuchen bewirthet-, dabei findet wieder Tanzvergnügen statt, woran meist nur die jungen Mädchen sich betheiligen Am Abend vor der Heirath führen einige Weiber die Braut in die Badestube, damit sie daselbst die Sitte des Waschens in der warmen Mikwa (Quelte) vollziehe. Die Mikwa ist ein mit gewärmtem Wasser gefülltes, zu ebener Erde befindliches Reservoir von etwa 212 Kubikfaden Rauminhalt. Jede Jüdin muss nun die Stufen hinab in das Wasser steigen und drei Mal untertauchen. Am Tage der Copulation finden folgende Cerernonien statt: 1 Basetzen der Kalle, 2. Basetzen desChossen, 3. Bedekens D;n ״Basetzen der Kaie“, d h. das Bei- oder Hinsetzen der Braut, geht im Hause vor sich, woselbst sich die ganze Verwandtschaft und Bekanntschaft versammelt. Die Braut wird in die Mitte des Zimmers oder des Zeltes auf einen Stuhl gesetzt und die bisher geflochtenen Haarzöpfe werden gelöst, während der ״Badchan“ (der Spassmacher) Verse hersagt und Reden hält übe! die Flüchtigkeit des Brdenlebens u. s w.; dazu spielt die Musik wehmüthige Motive und einige empfindsame Weiber sind bald bis zu Thränen gerührt. Jetzt erscheint der Bräutigam mit seinen Bekannten und Verwandten, welche bis auf zwei vor der Thür bleiben; der Bräutigam betritt mit zwei Begleitern das Zimmer, wo die Braut sitzt, und vollzieht das ״Bedecken der Braut“. Der Bräutigam bedeckt der Braut den Kopf und das Gesicht mit einem Tuch, welches die Brautan diesem Abend nicht mehr ablegt. ,Darauf wird der Bräutigam mit Hafer oder Hopfen bestreut. Zwei junge Ehepaare werden ausgewählt, um das Brautpaar zu begleiten (Brautführer) Dann beginnt die Bewiiähung. In der Wohnung des Bräutigams geht das ״Basetzen dem Chossen“ vor sich. Der Badchan überbringt in Begleitung der Musikanten dem Bräutigam die Hochzeitsgeschenke: eine wollene Decke mit blauen Streifen (Talis), wie sie die Juden beim Morgengebet benutzen, ferner ein Todtenhemd (Kittel), und versucht durch eindringliche Reden die hohe Bedeutung der Geschenke darzuthun; allein, das rührt die anwesenden Jünglinge und Männer nicht. Der Tag der Copulation gilt den Verlobten als ein Tag der Busse und Sündenvergebung, deshalb müssen sie fasten. Nachdem endlich alle Ceremonien beendigt sind — oft dauern dieselben bis 9 Uhr Abends — schreiten die Brautführer (Schaffer) dazu, dem Bräutigam den Kittel anzuziehen; dann geht alles zur ״Chupa“, d. h. zum Copuliren In Klein-Russland werden vorher dem Bräutigam alle Knoten an den Kleidern gelöst, in Littauen wird ihm Asche auf den Kopf gestreut, zur Erinnerung an die Zerstörung des Tempels von Jerusa-! lern; an anderen Orten segnen die alten Jüdinnen den