Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 31. (28.7.1880)
- Date
- 1880-07-28
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 123 — Durch diese Anordnungen ist die israelitische Religionsschule innerhalb des preussischen Staates in ein neues, in ihr gegenwärtiges Stadium getreten. Und wie seltsam : Aus einem ursprünglich für die Aneignung blos hebräischen Wissens berechneten ״Lehrzimmer“ hervorgegangen, dann nach einem langen und mühevollen Entwickelungsprocesse zu einer Schule erhoben, die alle Disciplinen des religiösen Wissens umfassen sollte, ist sie, durch das Ueberlassen der Lehrgegenstände der Religion und der biblischen Geschichte an die neben ihr vorhandenen öffentlichen Lehranstalten, nun wieder eine ausschliesslich ״hebräische Unterrichtsa n s t a 1 tu geworden. Der Wunsch nach Einfügung auch des hebi’äischen Unterrichts in den genau begrenzten, ohnehin umfangreichen Leetionsplan der Gymnasien und Realschulen, konnte nicht erfüllt werden. Dieser Unterricht musste daher der Religionsschule und diese ein Intern um der Synagogen-Gemeinde verbleiben. An den Gemeinden der Gegenwart ist es, nicht nur durch Anstellung tüchtiger Lehrkräfte, sondern auch durch Kräftigung der Autorität ihrer Schulmänner zur Erhaltung und Pflege des ״Erbtheils der Gemeinde Jacob’s“ beizutragen, damit sich erfülle das jesajanische Wort: ״Die Kommenden lasse Jakob Wurzel fassen, dann wird Israel blühen und grünen.“ Literaturbericht. Recensioneu. Gttdeinann, Dr. M., Geschichte des Erziehungswesens u. s. w. der Juden. Wien 1880. Alfred Holder. (Schluss.) Im II Capitel behandelt der Verf. das 13. Jahrhundert. Er schildert das Sinken der jüdischen Wissenschaft in Frankreich und begründet dasselbe theils mit der Verfolgung der Juden, welche unter Philipp August und Papst Innocenz III. heftig wurde, theils mit der Uneinigkeit im eigenen Lager, welche durch den Streit über die philosophischen Schriften des Maimonides entstand. Aber auch hier, auf diesen von gelehrten Forschern so oft betretenen Gebiete, schöpft der Verf. aus primären Quellen und zwar sowohl aus altbekannten als aus jüngstentdeckten, und in seiner frischen und lebendigen Darstellung bietet er auch hier manche neue Gesichtspunkte. Doch das Bedeutendste und Lehrreichste bietet uns der Verf. hier gleichsam als Abschluss dieses 1. Theiles seiner Abhandlung über Nordfrankreich, und zwar in einer merkwürdigen Schulverfassung jener Zeit. Dieselbe findet sich in deutscher Uebersetzung nebst lehrreichen Noten in Capitel III, 92—106, und im hebräischen Original unter dem Titel חוקי התורה (aus einem Manuscripte der Oxforder Bibliothek) am Ende des Buches in Note II. Das anonyme Schriftstück befindet sich neben andern in einem im Jahre 5069 (1309) abgefassten Manuscript des ס׳מ״ק, dein Umstand, der die Annahme begünstigt, dass auch die Schul Verfassung von dem Verfasser des Smak R. Isaak b. Josef aus Corbeil herrühre. Jedenfalls lebte deren Verfasser um dieselbe Zeit. Diese enthält enthält einen vollständig ausgearbeiteten Lehrplan, für den niedern und für den höheren Unterricht. Es wird mit Recht bemerkt, dass dieser nach dem Vorbilde der kath. Diocesan-Schulen und Seminarien entworfen wurde. Die Uebersetzung des Wortes פרושים mit: ״die Abgesonderten“ entspricht nicht der von der Handschrift selbst gegebenen Erklärung p. 268: פרושים הם תלמידים המקדישים לת׳ת׳ ונקראין בלשון משנה פרושים ובלשון מקרא- נזורים.... י. Richtiger wäre: die Geweihten, mit Rücksicht darauf, dass diese Jünger nach der vorhergehenden Bestimmung schon im Mutterleibe der Lehre geweiht sein sollten: aber am richtigsten wäre wohl, das Wort unübersetzt zu lassen, um damit die von der Schulverfassung gewollte Anlehnung an eine bekannte Bezeichnung der Mischna auszudrücken. Die Stelle S, 271 B. 7, welche lautet: ועוד תקנו ראשי ישיבה ב ל ת י ש ר י ם(?) פי׳ אם יהיה לפני ראש הישיבה ארבעים תלמידים יעמידו לפניו ארבעה מתורגמנין אתד לעשרה תלמידים übersetzt der Verf.: ״Sie haben verordnet: Da die Schulhäupter keine freien Männer sind, (so sollen sie keine zu grosse Schülerzahl aufnehmen, sondern) wenn sie 40 Schüler haben, so sollen sie vier Correpetitoren, einen für je zehn Schüler, anstellen,Ä Ich möchte folgende Uebersetzung vorschlagen: Sie haben ferner untergeordnete Schulhäupter angeordnet, d h wenn vor dem Oberhaupt der Schule 40 Schüler sind, so sollen ihm 4 Correpetitoren, einer für 10 Schüler, beigesellt oder untergestellt werden.*) Cap. 4—6 sind der Cultur und dem Erziehungswesen der deutschen Juden gewidmet. C.4 behandelt die bessern Zeiten bis zum Beginn des 1. Kreuzzuges (1096), wo dieselben wegen ihrer höheren Cultur auch als Aerzte gesucht und bei schwierigen Missionen häufig verwendet werden. Ihre Beschäftigung mit dem Grosshandel wirkte besonders günstig. Cap. 5 behandelt die Leidenszeit, die Kreuzzüge und ihre Folgen für die deutschen Juden, wie sie aus dem Handel hinaus- und zum Wucher hingedrängt werden. Diese beiden Capp. enthalten insbesondere einen reichen Schatz von Citaten aus Gedichten und Predigten jener Zeit und sind eine Fundgrube zur Gewinnung einer Charakteristik der Cultur bei Juden und Christen jener Zeit vor und nach den Kreuzzügen. Besonders interessant ist der Auszug aus dem Testamente des R. Elieser b Isaak aus Worms (1050) an seinen Sohn betitelt: ארחות חיים, welchem der Verf. in den Noten Citate aus dem Mahngedichte des ״Winsbeke“ (um 1210) zur Vergleichung an die Seite stellt (121 ff ) Ebenso ist die gleichzeitig auftretende Mystik bei Juden und Christen, ihre Aehnlichkeit und ihre Verschiedenheit klar und gründlich gezeichnet. Die originelle Persönlichkeit des R. Juda Chassid, von Zunz angedeutet, wird vom Verf. scharf beleuchtet und derselbe als Schöpfer einer neuen mystischen Richtung im Gegensätze zu den Talmudisten hingestellt. Für die Feststellung des ״oppositionellen Charakters der Geistesrichtung des R. Juda Chassid* scheinen mir diese Beweise des Verf.’s noch nicht ausreichend. Eine Stelle, welche den Pilpul abweist, ist noch kein Beweis für dessen ״Gleichgültigkeit gegen das Studium der Halacha.* Auch das von Zunz (Liteteraturg. S. 301) Angeführte ist kein Beweis einer prinzipiellen Differenz. Auch ist kein Gegner des R. Juda aus seinerzeit hekannt. R. Meir aus Rothenburg, nach dem Verf. der Vertreter des Gegensatzes, lebte später, M. Moses Taku, der ausgesprochene Gegner, viel später. Für die tiefeingehende kritische Behandlung des ״Buch der Frommen“ ם' הסידים ist die Wissenschaft dem Verf. zu besonderem Danke verpflichtet. Der Verf. hat in den wenigen Blättern der Note IV uns ein bedeutendes kritisches Product einer grossen und überaus schweren und mühsamen Arbeit geliefert. Der geschätzte Verf. gehört überhaupt nicht 2u denjenigen Autoren, die sich ihre Arbeit leicht machen. Er zieht den Pflug nicht leicht und oberflächlich über das Feld hin, das er bebaut; mit reinem Wahrheitsdrange senkt er ihn vielmehr tief in den Boden und zieht sorgsam und emsig die Furchen. Dafür trägt aber auch der von ihm angebaute Acker reiche und gute Früchte der Wissenschaft. *) Per les hält בלתי שרים ftr ein Wort baUistre balliseur, Unterlehrer, Correpitetor(cfr. Gr ä t z Monatsschrift 1880 p 831.