Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 31. (28.7.1880)
- Date
- 1880-07-28
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 124 — Dem gediegenen Kern entspricht auch die schöne Schale, eine edle Darstellung und eine feinsinnige Gruppirung des reichen Stoffes. Diesen wohlthuenden Eindruck wird Jeder bei einer genauen Lectüre dieses trefflichen Buches erhalten. Beuthen. Rabb. Dr. Rosenthal. Henne־A111 Rhyn, Otto. Culturgeschichte des Ju* denthums von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Jena, Costenoble. 1880. An einem Tage erhielt ich von meinem Buchhändler Schreiber’s ״Selbstkritik des Judenthums“ und obengenannte ״Culturgeschichte“ .letzt steht bei mir fest: in Bonn wie in Zürich werden Bücher nach folgendem Recept geschrieben: Schreibe eine Vorrede so pomphaft wie nur möglich, sodann excerpire alle Schriftsteller, die über diesen Gegenstand geschrieben, nach jedem längeren Excerpte schwatze 2—3 Zeilen Unsinn, verunglimpfe Diejenigen am meisten, denen du das Beste nachgeschrieben, mache zum Schluss die erstaunte Welt auf dein ungeheures Genie aufmerksam — probatum est! Einer traurigeren Erscheinung aber, wie dem Rhyn’ sehen Machwerke aber sind wir schon lange nicht begegnet. Aus dem Bemühen, die giftigsten Pfeile gegen das Judenthum abzuschiessen, ist es hervorgegangen, der fadenscheinige wissenschaftliche Mantel verbirgt dieses heisse Bemühen nicht und doch ist der gute Mann selbst bis auf die Darstellung der Facta auf die glühend ihr Judenthum liebenden Grätz, Jost, Cassel etc. angewiesen. Wenn es nicht so unendlich traurig wäre, solche geistige Speise der deutschen Nation angeboten zu sehen, es wäre ergötzlich nachzuweisen, welche geistige Sprünge ein verbissener Judenfeind machen muss, der genölhigt ist, unparteiische oder wohlwollende Geschichtsforscher abzuschreiben. Wir können und wollen auf die Einzelheiten nicht eingehen. Der Verf. widerspricht sich mehr als 100 mal; bald sind die Juden ein unvergängliches Volk, bald geht es mit ihnen schnell zu Ende; bald sind sie die Lehrer der Menschheit, bald deren Abschaum. Der ganze Apparat gemeinen Judenhasses, bis auf die bekannten Stichwörter: Semitismus, Wucher, Arroganz, Bildungsfeindlichkeit, Christenhass etc. wird bis zum Ekel verbraucht, Mendelssohn als ״sogenannter“ Philosoph und Renommist tractirt, Lessing’s Nathan mit bittersüssem Lächeln als bestes deutsches Tendenzstück bemängelt, der deutschen nationalliberalen Partei überwiegender jüdischer Einfluss zugeschrieben, die ״Alliance isr “ als nach Weltherrschaft strebend denuncirt, kurz der ganze Marr’sche Schmutz wird durch etwas wissenschaftlich aussehendes Löschpapier filtrirt, aber um nichts wohlriechender gemacht AufGrätz, ohne dessen epochemachende Arbeiten Rhyn’s Culturgeschichte nur eine phrasenreiche Vorrede und eine judenhetzende Nachrede geblieben wäre, wird natürlich als Germanen- und Christenfresser losgezogen — siehe obiges Recept aus Bonn und Zürich — Kroner’s und Bloch’s Widerlegung Rohling’s aber nennt Herr Rhyn lendenlahm, obgleich er — man staune — Bloch nicht gelesen und weil er trotz aller Rohling nachgewiesenen Fälschungen des Talmud doch gehört haben will, der Talmud enthalte manch unsittliche Lehren Was den Autor aber vor Allem die Galle erregt, ist, dass die Entwickelung des Judenthums vor den 3״ Götzen: Koscher, Sabbath und Mohel“ Halt macht und nicht gewillt ist, mit dem nebel- und phrasenhaften Deismus des Verf. zu einem verschwommenen Chaos sich zu verschmelzen Der Verf. brüstet sich mit seiner Freigeisterei und mit seiner Abneigung gegen das positive Christenthum fast auf jeder Seite! Gott gebe, dass uns keine geistreicheren Feinde erstehen mögen, sagte ich mir nach der unerquicklichen Lektüre dietes Sammelsuriums von Plagiaten und Leitartikeln aus den antisemitischen Heften. Ueber eins aber kann ich mich nicht genug wundern, dass eine so ehenwerthe Verlagshandlung, wie die von Costenoble in Jena es nicht unter ihrer Ehre hält, ein solches judenfeindliches Buch in jüdischen Zeit- Schriften als ein streng unparteiisches ankündigen zu lassen. Das heisst zum Schimpf noch den Hohn hinzufügen und das läuft wider den Anstand. — Car o-Erfurt. Hause, B Esther, Königin von Persien und Medien, Ein Drama in fünf Aufzügen. (Stoff: Der Inhalt des biblischen Buches Esther) Preis Vj2 Mark. Eisenach, im Selbstverläge des Verfassers. In Commission der J. Kaufifmann’schen Buchhandlung, Frankfurt a. M. 1880. Der geehrte Verf erfreut sich bereits eines guten Namens als jüdischer Schriftsteller, der in warmer Sprache, klarer Darstellung und anmuthiger Erzählung die Ideen und die Geschichte des Judenthums zum Gegenstande seiner Darstellungen macht. Er hat dabei deutliche Fortschritte in seiner Darstellungskunst gemacht und sich jetzt an die schwierige Art des Drama’s gewagt, wobei ihm sichtlich Shakespeare und Schiller als Muster vorschwebten, indem er sowohl der äussern Form nach, in der Anwendung des Reimes, als auch in der dramatischen Anordnung und Charakteristik, durch Einführung von Räubern und Narren, jenen nachzuahmen sucht Das vorliegende Drama entnimmt zwar seinen Stoff der Bibel und scheint nur eine dramatisirte Geschichte zu sein, aber die Gestalten desselben und die treibenden Ideen sind der lebendigen Gegenwart entlehn«. Ihr Kleid ist alt, ihr Herz ist neu. Es ist ein Stück aus unserer modernen Judengeschichte mit all den Glanzpunkten und den Schmerzen der Stellung der Juden; Anklage und Vertheidigung, Verfolgung und Errettung sind hier zur Darstellung gelangt. Trotz der modernen Tendenz ist das Drama aber eine Dichtung insofern mit vollem Recht zu nennen, als es eine Masse von Momenten und Motiven, die das biblische Buch nur leise andeutet, der Midrasch aber schon deutlicher hervorhebt, recht schön und passend verarbeitet. Mit dem Tiefblicke der dichterischen Phantasie ist die Lösung für mancherlei Schwierigkeiten gefunden, die den nüchlernen Kritiker beunruhigt. Der Mordeehai ist hier nicht nur der betrübte Jude, der fromme Faster, der strenge Erzieher, der nur an die Rettung der Juden denkt; er ist vielmehr der grosse Staatsbürger, der in dem grausamen Plane des Haman nur dessen Mittel sieht, die Volksgunst zu gewinnen und seine hoch verräterischen Pläne auszuführen. Mordeehai bekämpft den Haman, um seinem Vaterland zu dienen Zwei Motive hat somit der Dichter gefunden, die seinem Drama das allgemeinste Interesse sichern. Der masslose hochverrätherische Sinn auf der einen Seite, das treue Bürgerthum auf der anderen Seite Hierzu gesellen sich noch zwei dramaiische Motive, die den Haman zur tragischen Figur machen. Es ist der Hass des Agagiten und die Liebe Haman’s zur Esther, besonders glückliche Bereicherungen sind die Scenen, in denen Mordeehai die Esther bestimmt, zum König zu gehen, eine Deputation der Juden bei Haman erscheint, Esther betet und Mordechai das Programm des jüdischen Staatsbürgerthums entwickelt. Die jüdische Literatur, sowie die Apologetik des Judenthums insbesondere, aber auch die allgemeine Literatur ist diirch das Drama des Verf. um ein schönes Werk bereichert, welches die allgemeinste Aufmerksamkeit verdient, darumkaufe man das Buch und verbreite es. ,־ , Lengsfeld, Jali. Dr. Kroner. ׳ Verantwortlicher Kedacteur Dr. Ra hm er in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barty. Verlag von Robert Friese in Leipzig.