Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 29. (14.7.1880)
- Date
- 1880-07-14
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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115 — Sonntags und Feiertags benutzen. Alte Leute und Zadiks (Vorsteher der Chasidim) tragen an Feiertagen, mitunter auch an Werktagen, weissseidene Röcke, deren Kragen mit Silber gestickt sind. Das Gesetz Mosis verbietet den Juden, Gewänder zu tragen, in denen wollene und leinene Fäden mit einander gemischt sind; die Rabbiner aber haben auch verboten, wollene Kleider zu tragen, die mit leinenen Fäden genäht sind, und deshalb tragen sehr fromme Juden gar keine wollene Kleider. Ueber die Ursachen dieses sonderbaren Verbotes werden sehr verschiedene Geschichten erzählt. Früher setzten die Juden beim Lesen des Gebetes eine Art Käppchen (Calottchen) aufs Haupt, weil die Entblössung des Hauptes, wie noch jetzt vielfach im Orient, als eine Unhöllichkeit, ja sogar als Sünde gilt. Jetzt hat diese Sitte sich nur bei alten Leuten und den Chasidim erhalten. Unter der Regierung Nikolaus’ I. mussten diejenigen, welche solche ,,Calottchen“ trugen, eine besondere Abgabe entrichten und das hat auch bewirkt, dass sie jetzt nicht mehr soviel in Gebrauch sind. Früher trugen a 1 le Juden Bärte und lange Haarlocken (od. Peies) an den Schläfen; jetzt sieht man nur selten solche Peies (oder auch Peissaken genannt); die jüngere Generation pflegt sich den Bart abzurasiren. Zeitweilig war es von Seiten der Regierung den Juden verboten, ״Peiessen“ zu tragen. In Folge einer Bestimmung im Talmud schneiden oder rasiren ver heira the te Frauen ihr Haupthaar, jüngere Frauen tragen dann einePerrücke; die zur Sekte der Chasidim gehörigen aber bedecken den Kopf mit einem Tuch oder benutzen seidene Perrücken. (Fortsetzung folgt.) Literarische Notizen von Ben Seeb in P. 1) Prof. Lazarus in seinem Vortrage: ״Was heisst national?“ S. 51 sagt: ״Minz, der aus Deutschland stammend, nach Italien gehen musste, war 47 Jahre lang Rabbiner in Padua, zu gleicher Zeit Professor der Philosophie ander LT niversität daselbs t.“ Es beruht dies letztere auf den Worten Gherondi’s, der in seinem תולדות גדולי ישראל s. V. und Kerem Chemed in, 89 sagt: הרב הגדול ה״נל היה לו יד ושם גם בחקירה פילוסופית ולכה ללמד בפומבי למודי המחקר במדרש החכמות ורוב אצילי הארץ תלמידיו וכד, indessen scheint die Angabe dennoch nicht richtig zu sein, da fast die* selben Worte im Mazref des Josef del Medigo von Elia del Medigo gebraucht sind, von dem sie auch als Wahrheit gelten können. Es scheint bei Gherondi eine Verwechselung vorzuliegen, obgleich er angiebt, dass er selbst auch ein Bild Juda Menz’ in der Universität habe aufgestellt gesehen 2) Im April-Hefte der Grätz’schen Monatsschrift behauptet Herr .1. Derenbourg, ״dass fast alle Misch na- Traktate agadisch endigen“, und gründet hierauf die Behauptung, dass der letzten Mischna im Traktat Gittin keine gesetzliche Bedeutung beizumessen sei. Es sei dies nur ein Spass, der nun gar der sanften Schule Hillel’s zugeschrieben ward. Es ist aber gleich die erste Behauptung des Hrn. D. unrichtig. Höchstens 12—15 der sämmtlichen Mischna -Traktate schliessen agadisch und auch bei einigen dieser steht der agadische Schluss mit dem Vorhergehenden in einem gewissen Zusammenhange. Ausserdem ist auch zu bemerken, dass solch’ agadische Schlüsse ni e בפלוגתא gelehrt wurden. Zur Rechtfertigung der Mischnah selbst verweise ich auf die treffliche Abhandlung von Loewy in בקורת התלמוד S. 105 ff. Besonders ist dort zur Erklärung von הקדיחה תבשילו der Hinweis auf Bereschith Rabba Cp. 17 treffend. 3) Der geistreiche Bibel-Exeget Joseph Bechor Schor hat die merkwürdige Kühnheit, die beiden Erzählungen Exodus c. 17, 1—8 und Numeri 20, 7—12 als auf ein und demselben Factum beruhend zu bezeichnen. Tossafoth zu IV. Mose S. 16b der ed. Warschau heisst es: אמר הרב בכור שור ולהכות בסלע קאמר לו שיקחהמטה וזהו המעשה של בשלח דכתיבשם והכית בצור ...... ותרוייהו חד מעשה הוא. Es ist also dies nicht erst ein ״Einfall der neologischen Kritik“, wie Keil im Bibelcommentar zu Numeri S. 275 A. 1 meint, in den Worten ibn Esra’s (20,S) טעו רבים ואמרו כי הסלע הוא הצור ואלה עורי לב כי הצור הוא בחורב וכו׳ liegt nicht gerade eine Polemik gegen die Identificirung dieser beiden Ereignisse (die also auch ihm schon bekannt gewesen sein sollte) sondern nur dagegen, dass die Wiederholung des Wunders an demselben Felsen geschehen sei. 4) Aboth II, 13 fällt es allen Commentatoren auf, dass R. Schimeon sage שלשה כתרים הם, während er in Wahrheit 4 aufzähle. Die Lösungen sind allesammt gesucht. Die Sache verhält sich aber einfach so. Die Worte ג' כתרים הם bis מלכות sind ein Citat und nur der Zusatz: 'ובתר שם טוב וכו . gehört r. Schimeon an. Man ersieht dies leicht aus Sifre Chukkath Piska 119. (Wird fortgesetzt.) Literaturbericht. Recensioneii. Güdenianii, Dr. M., Rabbiner und Prediger in Wien. Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden in Frankreich und Deutschland von der Begründung der jüdischen Wissenschaft in diesen Ländern bis zur Vertreibung der Juden aus Frankreich (X—XIV. Jahrhundert). Nebst handschriftlichen Beilagen. Wien 1880. Alfred Holder. (Fortsetzung.) Der Verf. erklärt תוספות mit: Zusätze zum Talm u d, im Gegensatz zu Grätz, der die Tossafoth für Zu- Sätze zu Raschi hält. Genau genommen haben Beide Recht. Die Tossafoth sind zum Theil Zusätze zum Talmud, wo die Discussion selbsständig an den Talmud anknüpft, und zum Theil Zusätze zu Raschi, wo die Discussion an dessen Erklärung anknüpft, um sie zu widerlegen oder auch zu vertheidigen. ״Tossafoth“• bedeutet dem Wortsinn nach, wie ja aus den Citaten des Verf. erhellt, ganz dasselbe, wie die von den discussiven Commentaren in Spanien, wie ich glaube, zuerst gebrauchte Bezeichnung חידושים. Wo die Tossafisten eine fortlaufende Erklärung, wie der ר" ש משאנץ zu Seraim und Toharoth, geben und neben den eingestreuten Discussionen auch auf das nichts Neues bietende schlichte Verständniss Rücksicht nehmen, da nennen sie den Commentar פירוש; wo sie hingegen das schlichte Verständniss voraussetzend, nur Neues (חידוש) oder eine Vermehrung der Erkenntniss bieten, da nennen sie ihn ToSsafoth, Zusätze. Nachdem der Verf. nun die Vertrautheit dieser Gelehrten mit den Sitten und Gebräuchen der sie umgebenden Welt aus zahlreichen Citaten, sowie die günstige oder doch ungestört ruhige Lage der Juden um diese Zeit klar gelegt und andererseits die Originalität dieser jüdisch-wissenschaftlichen Richtung durch den Vergleich mit dem gleichzeitigen Stand der christlichen Wissenschaff in Frankreich zu jener Zeit nachgewiesen hat, geht er zur Darstellung des damaligen Unterrichtswesens über. Das Material dazu hat derselbe zumeist dem handschriftlichen Sammelwerke ספר האסופות (im Be-A.