Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 29. (14.7.1880)
- Date
- 1880-07-14
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Da ward im Jahre 1778 auf dem von Mendelssohn und seinen Freunden mit rührigem Fleisse bebauten Boden des Unterrichtswesens der erste Schössling sichtbar — es entstand die jüdische Freischule zu Berlin, deren Begründung und weiteren Bestand edle Wohl* thäter, Männer von ächt jüdischem Gemeinsinn, förderten. Zumeist von Kindern aus ganz mittellosen Familien besucht, hatte diese Lehranstalt bereits gute Früchte getragen, als man der Segnungen der allgemeinen Jugendbildung auch in denjenigen jüdischen Gemeinden theilhaft zu werden wünschte, wohin der Samen Men* delssohn’schen Wissens geführt worden war. Zunächst war es Mendelssohn’s Geburtsort, dieselbe Stadt, in welcher die philanthropischen Ideen der Zeit im Basedow’schen Philanthropin sich verkörpert hatten, zunächst war es Dessau, wo im Jahre 1786 trotz einer nicht unbedeutenden Opposition mehrere Jünglinge zu einem Vereine zusammentraten, der unter dem Namen חנוך הנערים nach bedeutenden Opfern und vieler Anstrengung eine jüdische Schule in’s Leben rief, deren Ruf sich bald bis über die Grenzen Deutschlands hinaus verbreitete Geleitet von einem der Vereins-Vorsteher, dem nachmaligen weltlichen Mitglied des israelitischen Consistoriums zu Cassel, Dr. David Fränkel, hatte diese Lehranstalt, die nach Zustimmung der Dessauer Gemeindeältesten den Namen ״JüdischeHaupt- und Freischule“ angenommen hatte, im Jahre 1813, bald nach der Rückkehr des Dr. Fränkel aus Dessau, von dem freigebigen Landesfürsten den Namen ״Herzogliche Franzschule״ und die Zusicherung eines jährlichen Zuschusses aus Staatsmitteln erlangte, während ihr bisheriger Leiter den Titel eines ״Herzoglichen Directors״ erhielt. Und wie tüchtige Lehrkräfte wirkten an dieser Schule! Um nur einige zu nennen: der Prediger und Lehrer J. Wolf, der gelehrte Moses Philipppson, der Talmudist und Sprachlehrer Salomon L a x, Gotthold Salomon, der nachmalige Prediger am Hamburger Tempel, Dr. N e u m a n n, der spätere Inspector an der Königlichen Wilhelmsschule. (Forts, f.) Die Juden in den südwestlichen Provinzen Russlands, in. W ohnungen Der grösste Theil der Juden wohnt ärmlich und sehr eng. Die Zahl der Kinder einer Familie ist gross, die Mittel zur Erhaltung sind gering — die Noth ist gross. In drei bis vier Zimmern leben acht bis zehn Familien. Das Aeussere der Häuser ist schrecklich, im Innern Schmutz und Gestank. InBerditshew, der sogenannten Hauptstadt der Juden, leben gegen 5000 Familien ohne eine bestimmte Beschäftigung zu haben. Ihre Wohnungsräume sind so eng, dass des Nachts kaum etwas freier Raum zwischen den schlafenden Familien übrig bleibt. Obgleich es nach jüdischem Gesetze verboten ist, dass Fremde mit einem Ehepaar in einem und demselben Zimmer schlafen, so quartieren sich doch mehrere Familien in einem und demselben Wohnraum ein. Einer Mittheilung von Schurakerski entnehmen wir, dass in den vierziger Jahren in 100 christlichen Häusern 410 bis 500 Leute lebten, wogegen bei den Juden auf 100 Häuser 1299 Bewohner kamen; und seit jener Zeit hat sich die Lage der Juden entschieden verschlimmert. Die Wohnungen oder Häuser der Juden unterscheiden sich durch ihre innere wie äussere Architektur von den Häusern der Christen; es sind diese Unterschiede durch die Lebensweise und Beschäftigung hervorgerufen. Der Haupteingang des Hauses pflegt unmittelbar auf die Strasse zu gehen. Fenster und Thüren pflegen gross zu sein. In den kleinen Ortschaften haben die meisten Häuser in der Mitte der Hauptfagade ein Thor, durch welches man in einen vom Hausdach bedeckten Hof gelangt. In solch einem Hause wohnen drei, vier oder noch mehr Familien. Bei den C h as i d i in (d. i. die Frommen, eine besondere Sekte) wird darauf geachtet, dass in einem Zimmer eine ungerade Zahl von Balken zu finden sei. Umzäunungen der Häuser sowie Scheunen sind nur bei wohlhabenden Juden anzutreffen. Was die im Hause befindlichen Möbel betrifft, so legen die Juden einen gewissen Werth auf das äussere Ansehen derselben; sie vermeiden z. B. die in den Bauernhütten benutzten Bänke. An Geschirren besiten die Juden mehr als eigentlieh nöthig, weil ihr Gesetz ihnen vorschreibt, d 0 p p e 1 t e Geschirre sowohl für die Küche als für den Tisch zu haben; sie dürfen nämlich zu Fleisch und Milch nicht ein und dasselbe Gefäss benutzen, sondern müssen unbedingt zwei haben Mit gläsernen Gefässen allein wird eine Ausnahme gestattet; sie können sowohl zu Fleisch als auch zur Milch verwandt werden, allein zur Zeit des Passahfestes müssen auch die Glasgefässe erneuert werden. Heiligenbilder sind nach mosaischem Gesetz verboten. Nach Auslegung der Rabbiner bezieht sich dieses Verbot aber nur auf Statuen und Reliefdarstellungen; dagegen darf man gemalte Bilder, welche Scenen aus der biblischen Geschichte wiedergeben, geschriebene und eingerahmte Gebete, sowie Portraits von Rabbinern haben. Uebrigens findet man in den südlichen und südwestlichen Gouvernements durchaus keine Portraits von Rabbinen und in anderen Gegenden nur äusserst selten. Ueberhaupt halten die dem alten Gebrauche anhängenden Juden jener Gegenden das Portraitiren für eine — Profanation. Ein zur Sekte der Chasidim gehöriger Jude wird sich unter keiner Bedingung, selbst nicht für Geld, portraitiren lassen. An die östliche Wand ihrer Wohnungen hängen die Juden ein buntgefärbtes Stückchen Papier unter Rahmen und Glas auf. Auf jenem Papier sind Textesstellen aus der Bibel, die Embleme des Wappens David’s, Abbildungen von Löwen, Säulen und Kronen aufgezeichnet. (Es ist das sogen. Misrach, die Bezeichnung und Verherrlichung des Ostens.) Das Gebet muss mit zur Wand gewandtem Gesicht verrichtet werden An Bildern finden sich unter den Juden genähete oder gemalte Blumen und Früchte. Einige fromme Juden lassen zur Erinnerung der Zerstörung Jerusalems und des Tempels eine Arschingrosse Fläche im Hause ungeweisst. und ungestrichen. An den Thüren und Fenstern dagegen hängen sie Pergamentblättchen (Mesusa) auf, auf welchen einige Kapitel aus der Heiligen Schrift geschrieben sind. Im September, zur Feier des Laubhüttenfestes, bauen die Juden auf ihren Höfen Hütten aus Brettern und bedecken dieselben mit Fichten- oder Tannenreisern oder anderem Grünzeug Bei reichen Juden dient ein besonderes Gemach im Hause als ״L a u b e r h ü 11 e״; zum Fest wird das Dach abgenommen und durch Tannenzweige ersetzt. Kleidung und Tracht. Früher trugen alle Juden das altpolnische Kostüm; einen langen schwarzseidenen Rock, schwarzen Gürtel, eine sehr unschöne Pelzmütze, Strümpfe und Schuhe; die halbbäuerische Tracht der Weiber zeichnete sich von der Kleidung der übrigen Bewohner jener Gegenden durch einen besonderen turbanähnlichen Kopfputz aus, welcher namentlich die jungen Jüdinnen entstellte. Auch die Weiber trugen Strümpfe, aber Pantoffeln. Jetzt ist dieses Kostüm fast überall durch die gewöhnliche (französische) Tracht verdrängt worden, nur die alten Juden hängen mit grosser Zähigkeit an ihren schwarzseidenen Röcken; aber bei der unteren Klasse haben auch die jungen Männer alle ihre seidenen Röcke, welche sie freilich nur