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Das jüdische Literaturblatt · 1880-07-07 · No. 28. (7.7.1880) · p. Seite 111

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 28. (7.7.1880)
Date
1880-07-07
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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— 111 ist das nur für denjenigen verständlich, welcher Rasj sisch kennt. Bemerkenswerth ist nur, dass die Juden nicht im Stande sind, den scharfen i-laut des Rassisehen (der Laut erinnert etwa an ui) wiederzugeben, dass sie die vielen Zischlaute (sch, tsch und schtsch) einfach durch s ersetzen, dass sie das geschärfte ss von dem weichen s nicht unterscheiden können Zu Hause in seiner Familie redet der Jude meist den ihm speciell eigenthümlichen Jargon, ein entsetzlich verstümmeltes Deutsch mit einer Beimischung von Worten aus anderen Sprachen (hier vorzüglich mit Russisch gemengt). In diesem Jargon existiren die Doppelkonsonanten bb, ff und pf nicht; statt derselben wird einfach f und p gebraucht, z. B. Ferd statt Pferd, Fefer statt Pfeffer, Kop statt Kopf, K upe r statt Kupfer. Den Vokal o sprechen die littauischen Juden wie u aus, z. B Sumer statt Sommer, besonders statt besonders, während die anderen Juden wieder Sä me r oder besünders sagen. Auch der Vokal a wird verändert und gewöhnlich statt dessen 0 gebraucht. Das u ist meist erhalten, jedoch nur bei den littauischen Juden; bei den anderen wird ein i gehört, z. B. git statt gut, Win der statt Wunder u s. w. Die Diphthongen ai und ei werden meist wie a gedehnt gesprochen, z. B. daan, maan statt dein, mein; au klingt wie o oder oi, z. B. gloiben statt glauben, rolien statt rauben u. s. w. Bei der Beugung der Haupt- und Eigenschaftswörter wird sehr einfach verfahren: gegenüber dem Nominativ wird für die übrigen drei Casus dieselbe Endung angewandt. Bei der Konjugation der Verba werden drei Zeiten unterschieden, aber nur ein Modus, der Indikativ. Der Konjunktiv wird mit Hülfe des Wortes ״wolt“ gebildet; auch das Hülfszeitwort werden wird durch ein ähnliches Wort ״w e lu ersetzt, z. B ich wel sain statt ich werde sein. Von einer Kenntniss der grammat. Formen ist keine Rede. Es existiren für diesen Jargon besondere Schrift- Zeichen, ״W eiberdeutsch oder Weiberschrift“ genannt, und es werden in ihm auch Bücher gedruckt, um unter der grossen Masse der nicht gebildeten Juden einige Aufklärung zu verbreiten. Viele der religiösen Bücher der Juden sind in diesen Jargon übersetzt und dadurch der grossen Masse und namentlich den Frauen zugänglich geworden Es werden diese Schriftzeichen aber in jüngster Zeit wenig benutzt, man giebt den alten hebräischen Buchstaben den Vorzug Das eigentliche (alte) Hebräisch wird heute nur von den gebildeten Juden verstanden und auch nur praktisch; eine Kenntniss der Grammatik fehlt vollständig. Ein Theil der Juden, in Littauen und in VVeissrussland etwa 20 bis 25 Proc., in den südwestlichen Provinzen 15 bis 20 Proc. und im Süden nur 5 bis 8 Proc., brauchen bei ihrer Privatcorrespondenz die sogenannte Rabbinersprache, das ist ein Gemisch aus Hebräisch und Chaldäisch ohne genaue Beobachtung der Regeln der Orthographie und Grammatik. Ein anderer Theil der Juden (in Littauen und im Südwesten 35 bis 40 Proc., im Süden 20 bis 25 Proc) hat nur geringe Kenntniss vom alten Hebräischen, allenfalls werden die Gebete und der Pentateuch verstanden. Das sind eben Leute, welche die Schule früh verlassen haben und seit jener Zeit sich gar nicht mehr mit dem Studium der Sprache beschäftigt haben. Bei ihrer Correspondenz gebrauchen sie den jüdisch-deutschen Jargon. Der übrige Theil der Juden, die Handwerker, kleinen Händler, Arbeiter, welche die Schule nur bis zum 8., höchstens bis zum 13. Jahre besucht haben, kennt das Hebräische gar nicht, ist nicht einmal im Stande, die hebräischen Gebete zu begreifen. Im Allgemeinen sind alle Juden im Stande, au- 8ser in ihrem eigenen Jargon sich in der Sprache der Gegend, welche sie bewohnen, mündlich und schriftlieh auszudrücken, so in Kleinrussland auf Kleinrussisch, in Littauen auf S c h m u d is c h (Littauisch), in Kurland und in Berditschew auf Deutsch In Odessa sprechen und schreiben die Juden drei oder vier verschiedene Idiome. Die Kenntniss des R ussi sehen ist nur unter den gebildeten Juden verbreitet. (Forts, f.) Literaturbericht■ Recensioiien. Gädeiuann, Dr. M., Rabbiner und Prediger in Wien. Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden in Frankreich und Deutschland von der Begründung der jüdischen Wissenschaft in diesen Ländern bis zur Vertreibung der Juden aus Frankreich (X—XIV. Jahrhundert). Nebst handschriftlichen Beilagen. Wien 1880. Alfred Holder. Dieses durchaus vortreffliche Buch des durch seine frühem Arbeiten auf diesem Gebiete bekannten Verf.’s fordert eine eingehende Behandlung desselben, welche hiermit geliefert werden soll. Durch die in den NNrn. 17, 18 und 19 d. J. des Litbl. veröffentlichten Stücke hatten die Leser derselben schon Gelegenheit, die gründliche und in das Innere des Gegenstandes scharf eindringende Tiefe des Verfassers obiger Schrift kennen zu lernen. Von dieser Art ist aber das ganze 291 Seiten enthaltende Buch. Es ist die ernste und gediegen?. Arbeit eines harmonisch gebildeten Geistes, und die schöne und reife Frucht eines mit reinem Sinn nach Wahrheit strebenden Charakters. Licht und Schatten werden mit strenger Wahrheitsliebe auf jüdische und christliche Culturverhältnisse nur der Sache angemessen vertheilt, und das Bild der geschilderten Zeit tritt uns überall in seiner Wirklichkeit, ohne einen falschen Aufputz der Phrase und ohne prunkende und verwirrende Nebensächlichkeiten rein und ungeschminkt entgegen Das Erziehungswesen war das Hauptziel desVerf.; aber er hat sich mit Recht nicht auf das Pädagogische beschränkt, sondern auch das Culturgeschichtliche mit in die Darstellung einbezogen. ״Hängt doch das Erziehungswesen so eng mit der allgemeinen Cultur zusammen, dass sie getrennt von einander nicht gehörig erkannt werden können.“ In der Einleitung zeigt der Verf die Noth wendigkeit einer Vergleichung der gleichzeitigen Cultur bei Juden und Christen, indem die Förderer derselben von beiden Seiten trotz der Abschliessuag von einander, doch mächtig iu einander griffen, und sich in ihren Anschauungen und Gewohnheiten, ohne zu wollen und oft gegen ihren Willen, doch gegenseitig beeinflussten. Wie in der Gegenwart in christlichen Kreisen vielfach die Klagen über ״Verjudung“ und in jüdischen die über ״Verchristlichung“ vernommen werden, so war es nach Ansicht des Vert auch im Mittelalter. Schon im 9 Jahrhundert stösst Bischof Dagobert Klagen über den jüdischen Einfluss aus, und im 13 Jahrhundert macht er sich in einer Reihe judaisirender Ketzer thatsächlich bemerkbar. Den Einfluss der Christen auf die Sitten der Juden bezeugt ausser vielen anderen Beweisen schon der aus dem ״Buch der Frommen“ vom Verf. an die Spitze des Vorwortes gestellte Satz: כמו שמנהג הנכרים כך מנהג היהודים ברוב המקומות. So verweilt denn auch der Verf. nicht immer auf der schmalen Strasse die ihm bei mittelalterlichem Helldunkel durch dieJudengasse führt, ״um das innere Leben der Juden daselbst in einem Bilde aufzufangen und wiederzugeben“־ sondern er begibt sich mit klarer Umsicht und mit weitsehendem Blicke auch in di 3 Seitengänge des sie

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