Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1880-07-07 · No. 28. (7.7.1880) · p. Seite 112

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 28. (7.7.1880)
Date
1880-07-07
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5367336-6488238-9584466--1591-9584470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

— 112 an dem geistigen Leben der Nationen, besonders aber des deutschen Volkes, Theil zu nehmen. Ohne jemals eine Schule besucht, ja ohne jemals auch nur eine Anleitung gehabt zu haben, ist er im Gebiete der deutschen Gedankenweit heimisch, trotz seiner streng orthodoxen Richtung weiss er die kritische Forschung wohl zu würdigen. Die Hauptstärke seines Geistes jedoch ist das Erbtheil seiner Ahnen (der Familie der קרא), die geistreiche Exegese, und auch in dem vorliegenden Werke bildet diese einen Hauptbestandteil. Von einer nüchternen und nach unseren modernen Begriffen streng kritisch-historischen Auffassung der Sprüche der Väter ist er freilich ebenso entfernt, als von pilpulistiseher und rabulistischer Behandlung des Stoffes; aber gerade dieser Mittelweg sinniger Deutung macht den im elegantesten Hebräisch geschriebenen Commentar סולת למנחה und den in stilistischer Beziehung oft den Autodidakten verrathenden deutschen Commentar לבונה זכה zu einer ebenso anregenden als durch geistreiche Wendungen und Pointen überraschenden Lectüre. Das ganze Buch ist von einem durch und durch toleranten und rührend gläubigen Geiste durchweht. Die Uebers des ״ הוה קל לראשmache keine Schwierigkeit, wenn man Dich zum Haupt erwählt“, ist mehr witzig als wahr; die Erklärung der Mischna 7 Perek 3 aber gehört sicherlich zu den treffendsten und sinnreichsten aller hierüber existirenden. Ueberhaupt enthält der 3. Perek nicht wenige solcher Perlen sinniger Deutung. Die eingestreuten homiletischen Be* trachtungen und Predigten machen das Buch für Fachgenossen zu einer Fundgrube einschlägigen Materials — Ausstattung u Preis (3 M. zu beziehen von J. S. Caro-Thorn und Dr. J. Caro, Rabbiner in Erfurt) sind angemessen umgebenden Lebens, um auch von da all die Züge und Striche zu entnehmen, welche zur Vervollständigung seines Bildes nöthig sind Es ist eine grosse Fülle wis* senschaftlichen Materials, welche der Verf. aus gedruck* tem und handschriftlichen Quellen mit kritischem Sinn hervorgeholt hat zu seinem planmässig und stylvoll ausgeführten Bau, den er uns in den ersten 6 Capiteln seines Buches vorführt. Diesem schliesst sich auch Cap. 8 organisch an; dagegen ist Cpt. 7 mehr als wichtiger und lehrreicher Excurs anzusehen, und Cpt 9 bietet für das Erziehungswesen kaum Wesentliches. Die ersten drei Capitel (S. 9—105) sind der Cultur und dem Erziehungswesen der Juden in Nordfrankreich gewidmet, und zwar in der Zeit der Begründung der jüdischen Wissenschaft daselbst durch Raschi bis zur Vertreibung der Juden durch Philipp IV. Den Abschluss dieses Theiles bildet die bochinteressanteSchulverfassung, wahrscheinlich aus dem 13. Jahrh. stammend, welche der Verf. aus einer Handschrift in Cpt. 3 mittheiit. Nachdem der Verf. in wenigen aber klaren Zügen die ersten Anfänge des geistigen Lebens der Juden in Frankreich gezeichnet und ganz besonders die hohe Bedeutung des R Gerschom, Meor hagolah, für die Cultur und Wissenschaft der Juden, sowie die Sammlerthätigkeit des R Mose hadarschan, R. Josef Tob-Elein und R Simon hadarschan hervorgehoben hat, geht er zu dem eigentliehen Begründer der jüdischen Wissenschaft daselbst, zu Raschi, über. Dieser hatte für Frankreich dieselbe Bedeutung, wie Maimonides für Spanien. Beide fassen in sich die Leistungen ihrer Vorgänger zusammen und bestimmen die Geistesrichtung der Folgezeit; beide aber in ganz verschiedener Weise. Diese Verschiedenheit hängt mit der Verschiedenheit beider Länder zusammen. In Spanien der mächtige Einfluss des Aristoteles und der von diesem erfüllten und beherrschten reichen arabischen Cultur und Wissenschaft; in Frankreich hingegen der Mangel einer jeglichen bestimmenden allgemein wissenschaftlichen Richtung von aussen. In dieser Verschiedenheit liegen, nach der klaren Auseinandersetzung des Verf.’s, die Vortheile und Nachtheile beider wissenschaftlichen Bestrebungen. Dort eine schulmässige Systematik, welche in Maimonides ihren Gipfelpunkt hat, aber auch der Rationalismus und die Mystik, welche aus der unnatürlichen Verbindung des Aristoteles mit der Bibel entstanden; hier die Armuth an philosophisehen Ideen und an einer wissenschaftlichen Systematik, dafür aber ein Versenken in den einfachen Sinn der heiligen Schriften und die Fruchtbarkeit einer klaren, schlichten und nüchternen und aus der Sache allein geschöpften Exegese. Der bedeutendste Vertreter dieser Richtung, und zwar für Bibel und Talmud, war Raschi, dessen Commentar zur Bibel, nach der treffenden Meinung des Verf’s, ein besonders grosses und allgeineines Ansehen beim Volke auch aus dem Grunde erlangte, weil er durch die gleichzeitige Verwebung des Midrasch auch einen warmen und gemüthvollen Ton hat. Raschi’s unsterbliche Bedeutung besteht aber auch noch darin, dass er der Anstoss für die Schule der Tossafisten wurde. (.Fortsetzung folgt.) מנחת שבת oder Sprüche d e r V ä t er. Text und Uebersetzung, sowie hebräischer und deutscher Commentar von Joseph Heiman C a r 0, Rabbiner in Wloclawek 1879. Petrikau Selbstverlag. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Der Verfasser bildet unter den Rabbinern Polens eineeigenthümliche Erscheinung. Wegen seiner immensen Talmudgelehrsamkeit an die Spitze einer der stärksten poln. Gemeinden berufen, hat er doch nicht aufgehört, Verantwortlicher Keciacteur Dr. Ra hm er in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barl y. Verlag von Robert Friese in Leipzig. Notiz. Die gleichmässigen synagogalen Melodien, welche sich seit Jahrhund, erhalten haben, haben sicherlieh einen traditionellen Charakter, dessen musikalischer Werlh auch von neueren Componisten erkannt wird, indem sie die alten Gesangsweisen bei Bearbeitungen für den Chorgesang zu Grunde legen, wie z. B. die Melodie von כל נדרי hir das Lied 0״ Tag des Herrn“. Eine solche allgemein gebräuchliche Melodie nun hört man in allen(?) Synagogen beim Vorlesen der Thorastücke: 2. B. M. Cp. XIV, Vers 19—21 4 — ויסע B. M. X, 12—28 ועל צבא und das 33 ויפעו. Der Grund für die eigen( hümliche Vortragsweise dieser drei Stücke scheint mir der zu sein, dass man schon fräh in den drei Versen der ersten Part hie den erweiterten heiligen Gottesnamen שם של ע״י fand; s. Tracf. Succa Abschn. IV. M. 5, Raschi und Bartinora. Spätere Kabbalisten suchten dasselbe aus den beiden anderen angeführten Stücken zu deduciren. Im Tr. Kiddusch n Bl. 71 fol. 1 berichtet R. Tarfon, dass sein Onkel, welcher als כהן גדל beim Priestersegen den erweiterten Gottesnamen auszusprechen hatte, denselben, um ihn dem allgemeinen Bekanntwerden zu entziehen und vor Prolänisirung zu bewahren, unter einer eigenen Melodie (בנעימה) gleichsam verschlungen habe (הבליע), was Maimonides in הלכות יום 6 .11 הכפורים als Halacha recipirte So wäre es nicht unwahrscheinlich, den Ursprung der jetzt noch üblichen Sangesweise jener 3 Stücke im Tempel zu Jerusalem zu suchen, welche mit in die Diaspora wanderte und sich so bis auf den heutigen Tag erhalten hat. M. S.Rens Briefkasten der Redaetion. Hr. Rabbiner Dr. W. in T. Ueber die Frage: ,Wer darf religiös trauen?“ sind uns noch mehrere Artikel und Bemerkungen — u. A. vom Herrn Seminarrabbiner Dr. Joel — zugegangen; wir müssen deshalb nochmals darauf zurückkommen. Die Schlussartikel bezüglich der Ethrogim-Verzehntung (?) kommen auch demnächst. ו ■נ i il

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.