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Das jüdische Literaturblatt · 1880-07-07 · No. 28. (7.7.1880) · p. Seite 110

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 28. (7.7.1880)
Date
1880-07-07
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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Als um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, das von Geschichtschreibern und Literarhistorikern das Jahrhundert des Humanismus und der Aufklärung, der philantropischen und schulreformatorischen Bestrebungen genannt wird, als im Jahre 1755 Mendelssohn mit der Veröffentlichung seiner ״Philosophischen Gespräche‘1־ zum ersten Male als Schrittsteller in die Erscheinung trat, welche schwere, drückende Fesseln äusserer und innerer Unfreiheit lasteten damals auf seinen deutschen Glaubensbrüdern, dass sich ihre Geister nicht freier entfalten, ja dass sie, wie es den Aegyptern in ihrer Finsterniss ergangen war, von ihrer untern, niedrigen Stelle im Weltbürgerfhume sich nicht erheben konnten! ״Dumpfe Stille. — Nacht der Geister. — Wann war’ ans der Tag erwacht, Wenn uns nicht verstand ein Meister, Der Erlösung uns gebracht! Yor dem reiuen, milden Lichte Seines Geistes schwieg der Hohn; An dem Himmal der Geschichte Glänzt ein Steril uns: Mendelssohn.“ ״Deutscher Moses! Deine Seele Hat des Bruders Leid erkannt, Dass ihm nicht die Liebe fehle, Dass ihm fehlt das Vaterland. Dass mit ewig-scheuem Tritte Er — ein Fremdling — es durchirrt, Wenn ihm nicht d'e Sprach’ und Sitte Deutschlands zum Bewusstsein wird.“3) Sprache und Sitte waren es, die in jenen Tagen die Bekenner des Judenthums in unserem Vaterlande demselben als Fremde erscheinen liessen und nach der einen Seite hin , die Folge der ihnen aufgedrungenen Absonderung, nach der anderen Seite hin die Veranlassung zu immer fortgesetzter Ausschliessung waren. Bei dieser steten Wechselwirkung zwischen Ursache und Wirkung konnte es aber nicht ausbleiben, dass sich der Gegensatz zwischen jüdisch-religiösem und germanischnationalem Wesen aufs Aeusserste verschärfte — ein Gegeensatz, der übrigens noch vor nicht gar zu langer Zeit von vielen unserer Glaubensgenossen selbst als bestehend und berechtigt anerkannt ward, wenn sie den jüdischen oder hebräischen Unterrichtsanstalten die deutsehen gegenüberstellten und all’und jedes nicht jüdischwissenschaftliche Werk ein deutsches nannten (F.f.) Die Juden in den südwestlichen Provinzen Russlands. 11. Von der Krankheit der Juden. Der grösste Theil der russ. Juden zeichnet sich durch eine schwache Gesundheit aus; die Ursache davon ist in den frühzeitigen Heirathen, der Armuth, der unzureichenden Nahrung u. s. w. zu suchen. Der Jude heirathet früh und zwar meist ein sehr junges Mädchen, dessen Organismus nicht immer vollkommen entwickelt ist. Die junge Frau wird bald Mutter, hat dabei die ganze Last der häuslichen Arbeit zu tragen; die Folge davon ist, dass die Jugendfrische bald verwelkt und die geringen Körperkräfte früh erlahmen. Dabei gestattet die überaus dürftige Kost der Frau nicht einmal, die gesunkenen Körperkräfte zu beleben. Bei den Kindern ist man sehr früh bemühf, ihre geistigen Fähigkeiten zu entwickeln, bereits im fünften Lebensjahre müssen die Kleinen die Schule besuchen. Die Juden, theils weil sie physische Arbeit scheuen,*) theils weil ihre religiösen Vorschriften es for- 3) Le8sing-Mendelssohn-Gedenkbuch pag. 134 u. ff ״Dem Moses der deutschen Juden“ von L. Fürst. *) Dieser von Judenfeinden in neuerer Zeit vielfach erhobene, aber unerwiesene Vorwurf ist in der dieser Tage (bei Weiss in Alzey) erschienenen Schrift von Rost: ״Zur Berufsthätigkeit der Juden“ eine gründliche, historische und statistisch belegte Widerlegung gewidmet. — Eine religiöse Vorschrift, die den Juden befiehlt, wenig Nahrung zu sich zu nehmen, ist uns nicht bekannt. (Red.) ן dern, nehmen im Vergleich zu den anderen V0lksangehörigen wenig Nahrung zu sich. In gastronomischer Beziehung sind sie bei der Auslese ihrer Speisen nicht sehr wählerisch. Zu denjenigen Krankheiten, welche vorzüglich unter den Juden verbreitet sind, gehören : Hämorrhoidalleiden, Skropheln, L ungenschwindsucht und mannigfache Augenübel. Wie bemerkt, schicken die Juden ihre Kinder früh in die Schule; hier müssen die armen Kinder, deren schwacher Organismus Bewegung in frischer Luft erfordert, stundenlang hinter ihren Büchern sitzen. Besonders befähigte Knaben werden zeitig zu kaufmännischer Beschäftigung angehalten, und der Zeitraum, den sie im Bureau beim Schreiben und Rechnen verbringen müssen, wird noch grösser. Diese sitzende Lebensweise ist die Ursache, dass schon die jüdischen Kinder von früh ab an Hämorrhoiden leiden; selbstverständlich nehmen die Beschwerden mit den Jahren zu. Die sitzende Lebensweise, das Lesen der kleinen Schrift oft bei sehr ungenügender Beleuchtung bedingt mit die Augenübel. Besonders verbreitet unter allen Klassen der Juden ist die Skrop helsucht in ihren verschiedensten Formen. Vielleicht dass die besondere Entwickelung dieser Krankkeit mit der Unreinlichkeit im Zusammenhang steht, in welcher die Juden leben, an welche die Juden sich allmählich gewöhnt haben. Freilich schreibt ihr Religionsgesetz ihnen vor, Gesicht und Hände sich oft zu waschen, und verbietet ihnen, Flecken an der Kleidung zu haben, allein dies hat nur für eine bestimmte Klasse der Juden Geltung*) So verbietet die ״Agada“ (der allegorisch-ethische Theil des Talmud) nur dem Gelehrten (,,Talmid - Chacharn“) ein beflecktes Kleid zu haben, und die ״Halacha“ (der Gesetztheil des Talmud) verlangt das Waschen des Gesichts und der Hände früh Morgens nach dem Schlafe, dann vor und nach der Mahlzeit,**) ausserdem wird unter gewissen Bedingungen das Abwaschen des ganzen Körpers in einem ״Quellbrunnen“ (Mikwa) gewünscht. Weil aber der Talmud aus religiösen Gründen die Erfüllung der genannten Vorschriften fordert, so beobachten die Juden dieselbe nur als reine Formalität. (Für den Körper dürfte es doch wohl gleichgültig sein, ob er aus sanitärischen oder religiösen Gründen gewaschen wird. (Rd,) Auch die Lungenschwindsucht ist überall verbreitet unter den Juden; die ungünstigen hygienisehen Lebensbedingungen, das überaus frühe Heirathen im 13. bis 16. Lebensjahre, der absolute Mangel an körperlicher (physischer) Arbeit trägt gewiss viel zur Entwickelung jenes Leidens bei. Als Grund der vielen Krankheiten ist ferner anzuführen die unvollkommene Entwickelung der Mütter und die unsinnige Erziehung der Kinder. Die zärtliche Mutter füttert ihr Kind vom frühesten Alter an mit Süssigkeiten und allen irgendwie essbaren Dingen; aus allzugrosser Aengstlichkeit vor Erkältung bringt sie das Kind kaum an die frische Luft Im Allgemeinen kann man sagen, dass diejenigen Juden, welche sich mit körperlicher Arbeit beschäftigen, einer bei weitem bessern Gesundheit sich erfreuen und viel weniger kränkeln, als solche, welche eine sitzende Lebensweise führen. Sprache. Das, was der Verfasser in Betreff der Sprache der Juden, anführt, bezieht sich in erster Lini e auf ihre Fähigkeit, das Russische zu erlernen. Es *) Das Gebot der Reinlichkeit erstreckt sich unterschied* los auf alle Klassen der jiid. Bevölkerung; wenn an ein eragadischen Stelle es dem Gelehrten besonders zur Pflicht gemacht wird, stets in sauberer Kleidung zu erscheinen, so hatte das seinen guten Grund. So manche Gelehrte pflegten (und pflegen) es in diesem Punkte nicht sehr genau zu nehmen. (Red.) **) Auch nach jeder Nothdurftverrichtung und Leichenberührung. (Red.)

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