Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 27. (1.7.1880)
- Date
- 1880-07-01
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
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OG die Juden, aber noch vielmehr die von den Juden exploitirte niclitjüdisclie Bevölkerung leidet? Auf de in Wege soll das eine Endziel erreicht werden, dass die Juden zu vollen russischen Staatsbürgern werden, und dabei doch die Besonderheiten ihres Glaubens sich bewahren? Man ist gewöhnlich der Meinung, dass eine unverzüglich ins Leben tretende volle Gleichberechtigung der Juden auf allen Gebieten das Mittel sein würde, das ausgesprochene Ziel zu erreichen. Wir glauben auch, dass allendlich das Ziel erreicht würde, allein nur unter Begleitung trauriger Folgen. Stark durch Geldmittel, kräftig durch ihre Solidarität, würden die Juden in den westliehen Provinzen die eingeborene Bevölkerung schliesslich erdrücken. Die Masse des Bodenbesitzes würde sofort in die Hände der Juden übergehen. Die Juden würden sich in dem Lande, in welchem sie sich einlebten, für immer festsetzen, und die schädliche Erscheinung, welche das Judenthum an sich in der Masse der ״Factoren“ repräsentirt, würde auf immer sanktionirt. Es unterliegt aber keinem Zweifel, dass, je geringer die Menge der Juden in einem bestimmten Gebiete ist, sie um so leichter in bürgerlicher Beziehung mit den übrigen Bewohnern verschmelzen. Mit Berücksichtigung dieses einen Umstandes dürften die zu Gunsten der Juden getroffenen Massregeln nur allmälig in einer bestimmten Stufenfolge zur Anwendung gelangen In der Judenfrage wird selten ohne Erregung geurtheilt. Jüdische Publicisten, gereizt dadurch, dass auf die hässlichen Seiten des Lebens und der Thätigkeit der Juden offen hingewiesen und Misstrauen gegen die Juden rege gemacht wird, lassen sich hinreissen, ignoriren oder leugnen sogar jene schlimmen Ersehe!־ nungen durchaus und erklären, dass letztere mit Anerkennung der vollen Gleichberechtigung der Juden schwinden werden. Hervorragende jüdische Publicisten, indem sie an die Judenverfolgungen erinnern, schreiben diesen alle schlechten Eigenschaften der Juden zu. Die Autoren haben gewiss Recht, allein sie vergessen, dass durch die Verachtung, die Verfolgung und die Beschränkung der Rechte eine Demoralisation der jüdischen Race erzeugt worden ist, und dass diese Demoralisation schwerlieh verschwinden wird sofort beim Eintritt der Gleichberechtigung. Es muss erst eine allmälig verbessernde Erziehung vorangehen, und diese ist nur möglich bei einer spärlichen jüdischen Bevölkerung und möglich, sobald der Fanatismus und die Unwissenheit der Menge nicht so schwer auf der jüdischen Persönlichkeit ruhen. Einige russische Publicisten berufen sich darauf, dass in anderen Staaten die Juden in Folge der Gleichberechtigung zu vollen Staatsbürgern geworden sind und ihr abgeschlossenes Wesen verloren haben; sie weisen darauf hin, dass auch in Russland eine vollständige Gleichberechtigung der Juden unumgänglich eintreten müsse. Wir sahen in Galizien genug .Juden, hier sind sie im Genuss der vollen Gleichberechtigung, allein wir finden nicht, dass sie sich besonders von den russischen Juden unterscheiden. In Dalizien leben die Juden ebenso dicht beisammen, wie in Russland, und deshalb wird noch viel Zeit verfliessen, ehe sie ihre Exclusivität verlieren werden. — Wir wiederholen es noch einmal, es muss eine volle Gleichberechtigung der Juden an ge strebt werden, aber nur ganz allmälig. Man darf nicht die Interessen der arbeitenden christlichen Bevölkerung aus dem Auge verlieren. Man darf nicht die feindseligen Gefühle vergessen, welche die übrige Bevölkerung den Juden gegenüber hegt. Man darf nicht die beklagenswerthen Erscheinungen der Volksrache vergessen, welche die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts kennzeichnen. Man darf nicht vergessen, dass der ״gehetzte“ Jude den Bauern gegen־ über gemeinsame Sache mit dem ״Herrn“ machte. Man darf nicht vergessen, dass der Bauer erst kurze Zeit seiner Freiheit sich erfreut, und Jahrhunderte lang mehr Bedrückungen erduldet hat, als der Jude. Wir sind zur Ueberzeugung gelangt,dass im Interesse sowohl der Juden als auch der übrigen Bevölkerung jener Landstriche allein eine ruhige Beurtheilung der Judenfrage geboten ist. Mit Berücksichtigung der Wichtigkeit der Judenfrage haben wir es für unsere Pflicht gehalten, bei Untersuchung der südwestlichen Provinzen möglichst viel ethnographisches und statistisches Material über die Juden zu sammeln. Zum Schluss werden wir unsere eigenen Erwägungen über die Massregeln aussprechen, durch deren Anwendung günstige Resultate erzielt werden dürften. Eine genaue Kenntniss des Lebens, der Thätigkeit und die Bedeutung der Juden in jenem Gebiete giebt allein die Möglichkeit, die richtigen Mittel zur Lösung der .Judenfrage zu finden. (Forts, folgt.) Literaturbericli t. Recensionen. Grünwald, Dr. M. Das Unterichtswesen zur Zeit Karls des Grossen. (Separatabdruck aus der ״Deutschen Schule“. Breslau 1880.) Nach einer einleitenden Bemerkung über den Charakter des Mittelalters, die Schwierigkeit, die Bedeutung und den Reiz seiner Erforschung, eröffnet der Verfasser seine Untersuchung über das Unterrichtswesen zur Zeit Karls des Grossen mit einer Betrachtung über die Bedeutung und den Geist der Geistlichkeit zu jener Zeit, besonders über den Werth des Benediktinerordens, weist dann auf die centrale Stellung der Theologie, die aber vorzüglich in mystischem Grübeln, in Pflege des Aberglaubens, im Hängen am todten Buchstaben bestand und weniger dieThat als die Gewaltthat pflegte. Er skizzirt kurz die bis zu K d. G herrschenden Ansichten über das Christenthum, das in seiner Quelle jüdisch, auch vorzüglich von eines Juden Geiste, nämlich von philonischer Richtung beherrscht war, die eine Aussöhnung von Glauben und Speculation suchte und alle Wissenschaften schon in der Bibel vorweggenommen glaubte. Nach dieser Auseinandersetzung über den theologischen Geist der Zeit weist er auf den Zustand des Schulwesens in Italien und England vor K. d. Gr. hin, da derselbe seine Männer aus allen Weltgegenden herholte, und das deutsche Schulwesen erst durch Alcuin, der aus England stammte, geschaffen worden sei, Alcuin sei als Begründer des deutschen und französischen Schulwesens anzusehen. Bei den italienischen Schulwesen weist er auf Grund der Constitution von Valentinian I. auf die strenge Disciplin, und auf Grund der Constitution unter Theodosius I., auf den öffentlichen Unterricht im Kapitol und den republikanischen Geist desselben hin, das Christenthum sei zwar dem klassischen Unterricht feindlich entgegengetreten, doch das, was von klassischer Literatur erhalten ist, sei dennoch christlichem Fleisse, besonders dem Benediktinerorden zu verdanken, indem dieser das Lesen und Abschreiben heidnischer Schriftstellen nicht verbot, die Kenntniss derselben vielmehr christlichreligiöser Zwecke halber pflegte. — In England hatte das Schulwesen im 7. Jahrhundert schon starke Wurzeln gefasst und hatte einen grossen Aufschwung genommen, was Verfasser mit einem Beispiel aus Heeren’s Geschichte der klassischen Literatur erweist. Nach diesen vorbereitenden Betrachtungen wendet sich Verfasser zu Alcuin, zeigt seine religiöse Begeisterung, erklärt die sogenannte Akademie K. d. G. und bespricht die unterrichtliche Thätigkeit Alcuins. Er beaufsichtigte die