Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 27. (1.7.1880)
- Date
- 1880-07-01
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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Xo. 270 Das «Palir^;• IX• Jüdische Literaturblatt Zar Beleuchtung aller Judenthnm und Juden betreffenden literarisch. Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben - von Rabbiner Dr. Moritz Hahmer. Magdeburg, 1. *Juli W80. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Redaction zugesandt werden, finden in diesemBlatte eingeh.Besprechnng. BeiEinsendung von zwei Recensionsexemplaren erfolgt auch Erwähn, i. d.Wochenschr. Das ״•Itiriiselte erscheint wöchentlich in einem halben Bogen•, Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro J ah r g an g: 8 Mk. Abonnenten der ״IsraelitischenWochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit 25 Pt. für die dreige spaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegengenommen durch die Central-Annoncen-Expedition von O־• Da11t>© Sc Co,, Frankfurt a. M, Magdeburg־, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Die Juden in den südwestliehen Provinzen Russlands. Literatur bericht: Recensionen: Grünwald, Dr. M. Das Unterrichtswesen zur Zeit Karls des Grossen. — Baethgen, Dr. Fr. Anmuth und Würde in der alttestamentlichen Poesie. —Moses, Adolf., Prof. Dr, Hermann Cohen in Marburg und sein Bekenntniss in der Judenfrage. — Anzeigen. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet_ Die Juden in den südwestlichen Provinzen Russlands. [Vorbemerkung der Redaction. Wie man in den massgebenden russischen Kreisen über die Lösung | der ״Judenfrageu in Russland denkt, dürfte ziemlich klar aus dem nachfolgenden, einem bedeutenden russ. ן Werke*) entnommenen Artikel ersichtlich sein, den wir, | obwohl wir weder dem grössten Theil seiner mit solch’ apodictischer Bestimmtheit ausgesprochene Sätze, noch den daraus gezogenen Schlussfolgerungen zustimmen können, dennoch in dies. Bl, Aufnahme gewähren, theils wegen der sich daran knüpfenden interessanten ethnographischen and statistischen Untersuchungen, meist aber, um unseren russ, Glaubensbrüdern die Punkte vorzuführen^die man als die eigentlichen Hindernisse ihrer f vollen Gleichberechtigung hinstellt; damit sie die ihnen zum Vorwurf gemachten Fehler, soweit sie unbegründet, widerlegen, und, insoweit sie begründet, ab legen,] i ״Ungefähr seit einem Jahrhundert ist die russische ■ Regierung eifrig bemüht, die Juden in ihrer Eigenschaft! 9׳ls Staatsbürger mit der übrigen Bevölkerung zu verschmelzen; allein alle bisherigen Versuche haben nicht den wiinschenswerthen Erfolg gehabt, haben sogar mitunter im entgegengesetzten Sinne gewirkt. Alle in früherer Zeit angewandten Zwangsnrass- 1 *) Aus den Arbeiten der westrussischen ethnographisch- ‘ 1 statistischen Expedition, Südwestliche Abtheilung. Materialien und h Untersuchungen, gesammelt von P P. Tschubi n sky, VII. Band. Petersburg 1872 bis 1S77, S. 1 bis 211.;Russisch.); Durch Anregung der Kaiserlich Russischen Geographischen Ge- Seilschaft in Petersburg kam eine ethnographisch-statistische Expe-! dition nach den westlichen Gouvernements des Russischen Reiches | zu Stande. Es sollteu programmmässig die Russen, Littauer, j Letten, Polen und Juden ethnographisch-statistisch untersucht {werden. Znr Erfüllung dieses Zweckes wurden verschiedene Kräfte gewonnen: in den südwestlichen Provinzen wurde Herr P. P. Tschubinski im Jahre 1869 entsendet. Die von ihm im Laufe zweier Jahre gesammelten Materialen 11. s. w. sind in sieben Bänden herausgegeben. Der siebente Band bringt Ethnographisches : über die Bewohner des gesamraten Gebietes, insbesondere über die ' Juden, Polen und Kleinrussen. Wir theilen zuerst einiges ■ : aus der Vorrede mit, welches der Verfasser dem von den Juden handelnden Abschnitt vorausgeschickt hat. regeln, die Juden mit Gewalt zum Ackerbau zu bewegen, die Verbote, in bestimmten Ortschaften zu leben, das Verfolgen einzelner äusserlicher Kennzeichen der Kleidüng und Tracht, die grösste Strenge bei den Rekrutenaushebungen — alles das hat nicht den geringsten Erfolg gehabt. — Aber auch die Bestrebungen durch gebildete Rabbiner, durch jüdische Schulen auf die Juden bildend einzuwirken, haben nichts genützt: — alles ist alseine Schöpfung der Regierung, als ״Krons-Einrichtung“, den Juden fremd geblieben. Kurz gesagt: alle Massregeln führten zu einem entgegengesetzten Resultat; überdies widersprachen sie den Principien der Glaubenstoleranz und der bürgerlichen Gleichstellung. Die jetzige Regierung hat in Betreff der Juden dieselbe humane Richtung befolgt, welche alle ihre grossen Reformen kennzeichnet: das Fortjagen der Jaden aus bestimmten Ortschaften hat aufgehört (?), Kleiderverfolgungen finden nicht mehr statt; in Bezug auf die Ableistung der Militärpflicht sind die Juden allen anderen russischen Staatsbürgern gleichgestellt Wohl 11abende Juden lassen ihre Kinder in russischer Sprache unterrichten; viele haben ihre Kleidereigenthiimlichkeiten von selbst aufgegeben, allein trotz alledem bleibt die grosse Masse der Juden in den westlichen Provinzen ein dem allgemeinbürgerlichen Leben fremdes Element. Die grosse Menge ist unwissend, fanatisch und d e m or a 1 isir t. Und wer ist daran schuld? Durch die steten Verfolgungen, welche die Juden zu erleiden hatten, sind sie fanatisch geworden; sie haben sich solidarisch unter einander verbunden, und mehr oder weniger von allen Anderen abgeschlossen. Die Einschränkung ihrer Rechte in Betreff der erwerblichen Thätigkeit und des Berufs, die Einschränknng in Betreff der Wohnorte hat nur Anlass dazu gegeben, durch Betrug oder andere Mittel doch das Verbotene zu erlangen. Die Trennung von ihrer ursprünglichen Heimath, das nomadisirende Leben hat sie der schweren, aber ehrlichen Arbeit entfremdet und die Neigung zu einem leieh'en Erwerb ihnen eingeflösst. Der Handel, weil er ihnen Geld, die einzige Waffe und die einzige Macht der Juden, einbringt, ist nicht allein zu einer unumgänglich nothwendigen, sondern zu einer beliebten Beschäftigung geworden. Die Abneigung gegen die Arbeit und die Neigung zum Betrug*), das sind zwei der schwersten krankhaften Erscheinungen bei den Juden; sie sind im Laufe der Zeit in Folge der Schicksalsschläge, welche die Juden betroffen haben, entstanden. Aufgeklärte Juden haben jene krankhaften Symptome längst erkannt und klagen darüber. Allein durch welche Heilungsmethode lassen jene Symptome sich beseitigen, unter welchen *) Den Weg zur ehrlichen Arbeit hatte ja zugestandenermassen die frühere Gesetzgebung ihnen versperrt.