Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 25. (16.6.1880)
- Date
- 1880-06-16
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5367336-6488238-9584451--1574-9584453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
98 — Begegnen auf Reisen schon von weitem absteigen, falls sie zu Esel sind, um zu Fusse beim Muselmann vorbei• kommen. Sie dürfen keinen rothen, sondern müssen einen schwarzen Fes tragen; sie dürfen keine gelben und rothen Pantoffeln, sondern nur schwarze tragen. Den Burnus müssen sie so umwerfen, dass die Oeffnung auf der rechten Seite sich befindet, mithin der linke Arm gar nicht benutzt werden kann. Um einigermassen diese vielen Verbote zu compensiren, haben sie auch eine Menge Erlaubnisse oder Gebote. So sind sie gehalten, bei jeder Geburt eines Prinzen eine gewisse Summe zu zahlen. Und dieses Ereigniss kommt in Marocco oft genug vor, oder es wird fingirt, um ihnen Gelegenheit zu geben, dem Sultan ein Geldgeschenk darbringen zu dürfen. Sie haben auch die Obliegenheit, die Cadaver von Verbrechern einzugraben, oder diese selbst zu köpfen und zu hängen, und sie sind damit betraut, die wilden Thiere des Sultans zu füttern. Glücklich der Jude, auf dessen hübsche Tochter ein Prinz oder der Sultan ein Auge geworfen hat. Sie muss dann zwar Mislemata (Mohammedanerin) werden, aber ihre Familie ist nun in der Regel vor Vexationen und Verfolgungen sicher. Wir haben uns hier hemüht, so viel als möglich die gesetzlichen Vorschriften und Verbote betreffs der Juden zusammenzustellen, wenn überhaupt von Gesetz in Marocco die Rede sein kann; aber viel zahlreicher sind noch die einzelnen Gebräuche eines jeden Stammes, eines jeden Ortes, eines jeden Gläubigen gegenüber diesem unglücklichen Volke, und diese hinwiederum werden nur noch übertroffen von den ״zufälligen“ Handlungen, die sich jeder Mohammedaner gegen einen Juden erlauben kann. Jetzt soll Abhülfe geschafft werden. Für die Hafenstädte können wir es uns vorstellen, für das Innere des Landes nicht. Wer will in Fes die Controle ausüben, und es wäre doch mehr als naiv, daran glauben zu wollen, dass so fanatische Mohammedaner, wie die Maroccaner es sind, aus freien Stücken ״ungläubigen Hunden“ Gleichberechtigung einräumen werden. Ebers über die Juden. Georg Ebers, der bekannte Aegyptologe und Verfasser vielgelesener Romane über das ägyptische Alterthum, äussert sich auch in seinem neuesten Roman ״Die Schwestern“ (Stuttgart, Hallherger. 1880) in einer Weise über die Juden, die allgemein interessiren dürfte. Der Roman behandelt die Zeit der beiden Könige Ptolomäus Philometor und Euergetes. Kleopatra, Gemahlin des ersteren (nicht zu verwechseln mit ihrer berühmten Namensschwester, der Geliebten des Marcus Antonius), war eine Freundin der griechischen und hebräischen Literatur, in der sie sehr bewandert war und unterhielt sich oft mit dem jüdischen General Onias darüber. Euergetes sucht seinen Bruder Philometor zu entthronen, um das ganze Nilland unter seine Herrschaft zu bringen und hat dabei mit zwei Faktoren zu rechnen, mit den Priestern und den Juden. Ueber letztere äussert sich sein Rathgeber (S. 184 ff.): ״Die Juden hängen ihm (Ptolomäus) an, weil er sie fast mehr als die Griechen begünstigt, sich mitsammt seiner Gattin, Deiner erhabenen Schwester, um ihre eitlen Glaubenszänkereien kümmert; mit ihnen über die in ihrem Buch enthaltenen Lehren disputirt und sich bei Tisch mit Niemand lieber unterhält als mit ihnen.“ ״Ich werde ihnen den Wein und den Braten versalzen, mit denen sie sich hier mästen!“ rief Euergetes heftig. ״Heute habe ich mir schon ihre Anwesenheit bei Tische verbeten, denn sie besitzen helle Augen und Geister, die so scharf und spitz geschnitten sind, wie ihre — Nasen. «Am gefährlichsten sind sie da, wo sie zu fürchten oder auf Gewinn zu rechnen haben. Dabei kann man nicht leugnen, dass sie treu sind und zähe, und weil die meisten von ihnen etwas besitzen, so machen sie, namentlich in Alexandrien, selten mit der schreienden Menge gemeinsame Sache. ״Dass sie auch fleissig und unternehmend sind, kann ihnen nur der Neid zum Vorwurf machen, denn ihr und ihrer phönizischen Verwandten Beispiel hat die Rührigkeit der Hellenen gesteigert. ״In ruhigen Tagen geht es ihnen am besten, und weil es unter meinen Geschwistern stiller hergeht als unter mir, so hängen sie ihnen an, borgen meinem ßruder Geld und besorgen für meine Schwester geschnittene Steine, Saphire und Smaragden, schöne Stoff e und anderen Weiber kram gegen beschriebenen Papyrus, der bald nicht mehr werth sein wird, als die Feder, die dem grünen Schreihals dort auf der Stange aus dem Flügel gefallen. ״Unbegreiflich ist es mir, dass so kluge Leute nicht einzusehen vermögen, dass es nichts Beständiges gibt, als den Unbestand, nichts Gewisses, als dass nichts gewiss ist, und dass sie darum ihren Gott für den einzig wahren, ihre Lehren für absolut und ewig richtig halten und das, was andere Völker glauben, verachten. ״Dieser Dünkel macht sie zu Narren, aber vielleicht gerade wegen ihres geschraubten Selbstbewusstseins und ihrer festen Zuversicht auf ihren luftigen Gott auch zu guten Soldaten.“ — ״Ja, das sind sie“, fiel Ilierax bestätigend ein, ״aber sie lassen sich lieber und um geringeren Preis für Deinen Bruder anwerben, als für uns.“ — ״Ich werde ihnen zeigen“, rief der König, ״dass ich diese Geschmacksrichtung verkehrt und strafwürwürdig finde. Die Priester brauche ich, denn sie lehren das Volk, gehorsam zu sein und seine Noth geduldig zu tragen; die Juden aber“, und bei diesen Worten rollten seine Augen mit wildem Feuer, ״rotte ich aus, wenn die Zeit gekommen.“ — ״Das wird auch für unsere Schatzkammer gut sein“, lächelte Komanus. Die Anwendung dieses Dialogs auf unsere Verhältnisse überlassen wir dem Leser. —r. Curiose Wissenschaft. Im ״Ausland“ Nr. 17 und 18 veröffentlicht ein Herr Leopold Einstein ״prähistorische Entdeckungen auf dem Gebiete der hebr. Sprache“, die der Verf. mit Recht ״Originalstudien“ nennt; denn es sind so ״curiosoriginelle Einfälle“, dass sie schwerlich Einer vor ihm gehabt haben kann. Er spricht vom Einfluss der Feuerzeit auf die relig. Entwickelung im Judenthum — wie gelehrt das klingt! — und meint, Jah-Nissi (ה' נסי) wäre gleich Dio-Nysos, d. i. der Lichtgott des Morgenlandes, die Freiheitssonne, während Amalak Moloch die Wintersonne bezeichnet, das sei der besiegte Feind, von dem die Bibel (Exod. 17,13) spricht. Mose mit den beiden nach oben ausgestreckten Händen sei das Bild des Sonnengottes. Von diesem Jah-Nissi sei der Name ״Nissan“, der Frühlingsmonat, und ״Nessiim“ ((נשיאים ״Wolken“ abzuleiten. Or ״Licht“ und Ur ״Feuer“ stammen von a u r u m ״goldenes Sonnenlicht“, den Gegensatz bildet Barsei ״Sohn des Schattens“. Der V erf. scheint das Hebräische nicht nach den hebr. Buchstaben zu erklären, sondern darnach, wie es mit latein. Lettern geschrieben ist, daher so wunderliche Etymologien wie barse 1 בר צל (shdt ברזל); nach dieser Methode ist Pinchas — ״das sich Abraham Geiger nicht erklären könnte“, wie Herr Einstein mit sichtlicher Freude über seine Entdeckung hinzufügt — nichts Anderes als pinachasch ״Schlangenmund“ (פי נחש פנחס) In Nr. 18 sagt der Verf.: .So vernahmen unsere