Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 23. (2.6.1880)
- Date
- 1880-06-02
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5367336-6488238-9584441--1564-9584443- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 90 Man sieht, dass der Prediger nicht nur ein Vertheidiger der Angegriffenen, sondern auch ein religiöser Apostel für dieselben werden und zum freien Religionswesen sie bekehren, resp. die dem praktischen Bekennt' nissleben entfremdeten zu humanisirten Christen machen will. Gewiss praktisch! Es ist keine Frage, dass es erfreulich ist, in so klarer und ernster Weise aus der Mitte der denkenden Deutschen eine Anerkennung des Judenthums ausgesprochen zu lesen. Doch müssen wir es bedauern, dass der Prediger in der Weise pro domo spricht. Woher kommt Herr Scholl zu der ernsten Behauptung (S. 9), dass Mose dem ״Tiube“ und ״Nissi“ Altäre gebaut, dass das spätere (jüd.) Priesterthum die Darstellung der hebräischen Urkunden verfälscht habe, dass (S. 10) Gott von den nachexilischen Juden als ein ״im fernen Jenseits thronendes“, das heisst ausser der Natur stehendes Wesen betrachtet wurde, woher hat dann wiederum derVerf. die Idee, dass dieser jüdische Gott ein pantheistisches Wesen ist? Möge nur Herr Scholl glauben, dass, so wenig jemals der jüdische Gottesgedanke Gott ausserhalb der Natur setzte, sondern als einen in derselben wirkenden, aber von ihr unabhängigen und sie schaffenden und leitenden betrachtet, so wenig ist jemals das sogenannte Ceremonienwesen von dem Geiste der Religion zu trennen. Wenn die Ceremonien geistlos werden, so liegt das entweder an ihnen oder an denen, die sie üben, aber die geist- und gemüthvoll geübten Ceremonien werden die reale Form bleiben, in der der ideale Gehalt von Geschlecht zu Geschlecht getragen wird. Die Formen sind kein Bann, sondern eine Wohlthat. Das Universum in seiner Realität ist dem jüdischen Auge nie mit Gott identisch gewesen, sondern stets als sein Werk angesehen worden, in dem er lebt wie die Seele im Körper. Auch in dem Tropfen Wasser offenbart sich Gott, der Tropfen ist aber nicht ein T h e i 1 Gottes. Hier ist Herr Scholl mit der freien Religion in Gefahr, die Religion, das heisst eine Beziehung des Menschen zu dem über ihm stehenden Gott zu verlieren, weil er in dem Menschen einen Theil Gottes selbst sieht. Vom Pantheismus bis zur Menschenvergötternng ist nur ein kleiner Schritt, den das Judenthum zum Segen der Menschheit nie mitmachen kann noch wird. Ist aber Herrn Scholl der Theil Gottes identisch mit Werk Gottes, dann wollen wir lieber den für Menschen klarem Ausdruck beibehalten und als Werke Gottes in diesem unsern Vater sehen. Lengsfeld. Landrabbiner Dr. Krön er. Die Juden in Marocco. Sir Joseph D. Hooker’s Reise in Marocco bringt auch einige Bemerkungen über die Juden dieses Landes, die unter den obwaltenden Verhältnissen an Interesse gewinnen. Beim Landen auf der Rhede von Tanger drängte sich eine Menge von Boten um das Schiff, um die Passagiere und ihre Effekten aufzunehmen. (S.16) ״Bei etwas hochgehender See ist ein Anlegen an dem flachen, sandigen Strande auch für diese kleinen Boote eine schwierige, oft unmögliche Sache, und wird die Landung meistens in sehr primitiver Art auf den Rücken von ärmeren jüdischen Einwohnern Tangers ausgeführt: denn kein Moslem würde zu einer solchen Dienstleistung gegen einen Christen sich erniedrigen. Die Feier des Passahfestes hielt am 7. April alle Juden in die Stadt zurück, kein Träger hatte sich eingefunden“ . . . . (S. 267) ״es ist schwer, sich ein richtiges Bild von der gleichgültigen, weltabgestorbenen Ruhe zu machen, wie sie der Araber in seinen Gesichtszügen, in seinem ganzen Wesen zur Schau trägt und der er im Verkehr mit Christen oder Juden unfehlbar den Charakter unsäglicher Verachtung aufzudrücken pflegt.“ (S. 281) In T etuan nahmen die Reisenden ihr Quartier in dem Judenviertel, ״dem noch verhältnissmassig reinlichsten Stadttheile; ein Labyrinth von engen Gassen und Gässchen, wird dasselbe durch ein von einer Schildwache bewachtes und in der Nacht geschlossenes Thor von der übrigen Stadt getrennt. Was die so häufig besprochene äusserst beklagenswerthe Lage der maroccanischen Juden an betrifft, auf welche die Bemühungen des Sir Moses Montefiore eine Zeit lang die Augen der ganzen civilisirten Welt richteten, so scheint dieselbe, in den Küstenstädten wengstens, sich bedeutend gebessert zu haben. Es ist wahr, dass die Juden auch hier noch gewissen Beschränkungen unterworfen sind, dass sie einen eigenen Stadttheil bewohnen, in Gegenwart vornehmer Araber und bei dem Passiren einer Moschee die Schuhe von den Füssen streifen müssen u. s. w., aber Handel und Industrie liegen fast ausschliesslieh in ihren Händen, und sie nutzen dieses Gebiet aus. Ihrem Verlassen des Reiches und der Rückkehr in dasselbe werden heute keine Hindernisse mehr in den Weg gesetzt, wie dies noch vor einigen Jahren der Fall war.“ Nachdem bemerkt worden, dass viele spanische Juden mit den Mauren nach Nordamerika gekommen, fährt er fort: ״So war Tetuan lange Zeit hindurch eines der Hauptquartiere des gesammlen jüdischen Volkes (?) und steht heute wohl nicht mit Unrecht in dem Rufe, die Wiege von mehr reichen israelitischen Familien gewesen zu sein, als irgend eine Stadt in der Welt. — Wenngleich der Maroccaner sie verachtet, so ist er doch von der Unentbehrlichkeit der Juden als Handelsleute fest überzeugt, und sind auch in den südlichen Provinzen Beleidigungen und selbst Misshandlungen des gedrückten Volkes nichts Seltenes: von einer eigentlichen Judenverfolgung ist nie (?) die Rede gewesen, ebenso wie von einer Verhinderung der freien Religionsübung.*) Ferdinand Berg schreibt ״Aus Africa“: ״Der nächste Tag war der Besichtigung der Stadt Tanger gewidmet. Die Stadt selbst, die Eigenthüni' lichkeiten ihrer ßewohner sind so oft eingehend beschrieben worden, dass ich hier davon absehen müss; ich will nur erwähnen, dass die Stadt nicht ein völlig treues Bild des maroccanischen Lebens bietet, denn Tanger ist eine Handelsstadt*, Erzeugnisse der Landwirthschaft und der Industrie werden aus dem Innern des Landes hieher auf den Markt gebracht, um dort verhandelt zu werden, bei welchem Geschäft vorzüglich die jüdische Bevölkerung betheiligt ist Während man in den im Innern des Landes gelegenen Städten die fleissigen Mauren bei ihrer Arbeit beobachten und die Sauberkeit, die edle, vornehme Haltung der Besseren unter ihnen bewundern kann, sieht man mit wenigen Ausnahmen in Tanger fast nur elendes, schmutziges Gesindel in den Strassen, auf den Märkten, an den Brunnen mit ihren Waaren hocken, den Käufern dieselben an* *) Wir möchten dem Herrn Reisenden das Studium der neuesten Alliance-Berichte und die Acten der eben jetzt zu Madrid tagenden internationalen Conferenz zur Bessergestaltung der Stellung der Juden im maroccan. Staate angelegentlichst empfehlen. (Wir erhalten — nachdem Obiges bereits gedruckt — auch einen Artikel von Gerhard Rohlfs über die gegenwärtige höchst traurige Lage der den grössten Grausamkeiten ausgesetzten unglücklichen Juden in Marocco. Wir werden den Art. in nächster Nr. bringen.) Red.