Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 23. (2.6.1880)
- Date
- 1880-06-02
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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ISo. 33. Das Jahrg* IX* Jüdische Literaturblatt. Znr Beleuchtnng aller Judenthnm und Juden betreffenden literarisch. Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie, Orientalin, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, 8. Juni 1880. Bücher der einschlägigen Literatnr, welche der ßedaction zngesandt werden, Anden in diesemBlatte eingeh.Besprechung. BeiEinsendang von zwei Recensionsexemplaren erfolgt auch Erwähn, i. d.Wochenschr. ץי Das ״Jüdlaelie Iiiteraturblatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen-, Preis bei allen Buchhandlungen (in L ei p z i g bei Robert F r ie 8 e) pro J a h r g an g: 8 Mk. Abonnenten der ״IsraelitisehenWochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten nnd Buchhandlungen $ Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit 20 Pf. wr die üreigespaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegengenommen durch die Central-Annoncen-Expedition von Or. 1^. & Co., Frankfurt a. M, Magdeburg“, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Z ürich, Wien, Paris. __________ Inhalt: Wissenschaftlich e Aufsätze: Das Judenthum und seine Weltmission. — Die Juden in Marocco. Literaturbericht: Recensionen: Wünsche, Dr. Aug. Bibliotheca Rabbinica. 2. Lief.: Der Midrasch Bereschit Rabba. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Das Judenthum und seine Weltmission.*) Der Prediger der freireligiösen Gemeinde in Mannheim, Herr Carl Scholl, hat schon einmal in seinem Vortrage zum 33. Stiftungsfest jener Gemeinde ״das Judenthum und die Religion der Humanität“ besprochen. Er vertheidigte schon damals das Judenthum gegen die vielfacheo Angriffe seiner modernisirten Gegner aus alter Zeit, zeigte seine Bedeutung für das Christenthum and über demselben, wies aber auch darauf hin, wie auch das Judenthum von seinen Ceremonien entledigt, nunmehr Ernst machen müsse mit der Idee der religiösen Verbrüderung und—der freien Gemeinde sich anschliessen solle. Auch in diesem Aufsatze über das Judenthum und seine Weltmission tritt der freireligiöse Prediger mannhaft, muthig und gewandt für das Judentlium ein. ״Eine himmelschreiende Ungereehtigkeit wäre es“ nach ihm, die freilich auf einzelne Juden passenden Anklagen ״auf alle ohne Unterschied auszudehnentt. Denn die Juden haben so viele brave Leute als die Nichtjuden, ja sie übertreffen dieselben besonders — in stiller Wohlthätigkeit. Andererseits haben sich verhältnissmässig mehr Nichtjuden gerade die Dinge zu Schulden kommen lassen, die man den Juden vorwirft, sogar Fürsten, Bischöfe, Päpste. — Dass die Juden der Diaspora vorwiegend dem Handel sich zuneigen, ist die Folge des christlichen Fanatismus. Der ״semitische Realismus“ habe Nichts gemein mit dem brutalen Materialismus und sei zur Wohlfahrt der Menschheit geworden. Er habe den Welthandel und Weltverkehr geschaffen und eine ״nüchterne“ Erforschung der Wissenschaften zur Folge gehabt. Das höhste Verdienst des jüdischen idealen Realismus liege aber in seinem Sinn für Kunst und Poesie in seiner Religion, und da *) Separat-Abdruck aus ״Es werde Licht!“ Monatsblätter zur Förderung der Humanität, von Carl Scholl. Jahrg. XI. (1880) Februarheft. Leipzig, Robert Friese. Jadenthum müsse uach seiner religiösen Missio11 gewürdigt werden. Das jüdische Volk habe nach dem Exil den Monotheismus allein unter allen Völkern gepflegt, es habe sich zu dem Gedanken eines einzigen, sittlichen, heiligen Gottes emporgeschwungen; das war seine erste grosse That. Seine zweite weitgeschichtliche That war das Hervorbringen der Töchterreligionen, des Christenthums und des Islam. Und wenn auch, sagt der Verf., das Christenthum, wie selbst Herr Prof. Dr. Cohen (Marburg) zugesteht, durch die ״Humauisirung Gottes“ über das Judenthum hinausgegangen sei, so sei doch niemals zu vergessen, dass der jüdische Geist im Christenthum seit achtzehn Jahrhunderten 2He Menschheit beeinflusse. Denn das Christenthum verdanke dem Judenthum den Glauben an den einen Gott, den liebevollen Vater, den Glauben an den Messias und an das Friedensreich, die Gedanken, dass die Menschen als Brüder sich zu lieben und zu Gott sich zu erheben haben. Ja das Judenthum sei in Beziehung auf die Fein des liebe noch christlicher, als das Christenthum selbst. Auch der Talmud sei in demselben Geiste geschrieben, und die Verwirrung mit der biblischen Wucher bestimmung habe nur Luther durch seine falsche Uebersetzung verschuldet. Nun sei zwar in unserer Zeit, meint der Verfasser, die jüdische Gottesidee durch eine höhere Idee von dem Universum im Weichen begriffen. Dennoch behalte das Judenthm mit seiner Idee einen erzieherischen Werth. Aber selbst die neuere Anschauung, dass Gott und Natur gleich sind, dass die Natur ein unendlich getheilter Gott ist, dass Gott eine Alles erfüllende, Alles beseelende, gleicherweise als Geist im Denken, wie als Natur in der Ausdehnung sich offenbarende Wesen sei, sie sei die Idee des Juden Spinoza, in dessen Fusstapfen Schiller, Göthe, Lichtenberg, Schelling, Schleiermacher, Ludwig Feuerbach gingen Die Idee der Humanitäts-Religion sei spinozistisch und ebenso alt j ü d i s c h. So seien Moses, der Nazarener und Spinoza die drei jüdischen Welterzieher.. Da nun aber die Humanitätsreligion die vollkommenste Form sei, so sei es Pflicht aller, von dem tödtenden Banne der starren Gesetzesformeln befreiten Juden, zu den freien Gemeinden hinzuzutreten und — für sie• Propaganda zu machen. (S. 25.)