Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 22. (26.5.1880)
- Date
- 1880-05-26
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5367336-6488238-9584436--1559-9584438- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 86 — war ja das einzige, das den Juden offen stand) nahmen sich Mendelssohns unterrichtend an, wobei der Letztere ihm sogar Unterricht im Englischen und Französischen gab. Auch das war bekannt und bot doch nichts Auffälliges, bereitete auch dem lernenden Jünglinge nicht die geringste Unannehmlichkeit, weil man wusste, dass er seine Bildung zum Schaden seiner Glaubensgenossen nicht missbrauchen würde. Und spricht es nicht mehr als alles Andere für den in der Gemeinde herrschenden j Bildungsdrang, dass der Seidenwaarenfabrikant Bernhar dt den damals noch unbekannten 22jäh1־igen Mendelssohn als Hauslehrer seiner Kinder aufnahm, damit bekundend, dass sie humanistischer Bildung theilhaftig werden sollten. Und dieser Fall stand sicherlich nicht vereinzelt da, denn wie Bernhard dachten und handelten auch Andere, nur dass sie keinen Mendelssohn finden konnten und ihre bei ihnen sich von selbst verstehende Handlungsweise somit nicht bekannt wurde. Dieser Bildungstrieb war also, was festzustellen war, schon vor Mendelssohn vorhanden, und hätte den Juden der Geist Friadrich’s (welcher König ihnen sonst in der That nicht wohlwollte) früher zur Stütze gedient, sie hätten sicherlich gezeigt, dass Bildung und Gesittung ihnen lieb und werth waren. Ein anderer und starker Beweis für die Zustände vor Mendelssohn liegen auch in der Thatsache, dass der genannte Dr. Gumpertz ein Bekannter Lessings war und diesem 1754 den trefflichen Autodidakten Moses als guten Schachspieler empfohlen hatte. V on da ab datirt das Freundschaftsverhältnis Lessings und Mendelssohns und es gereicht Letzterem zu hohem Ruhme, dass Ersterer schon nach achtmonatlicher Bekanntschaft seinen neuen Freund als tüchtigen Gelehrten empfiehlt und ihn 15 Jahre später (Schreiben vom 3. November 1769) seinen ״ältesten und besten Freund“ nennt, bei welcher Gelegenheit er Ebert mittheilt, dass Mendelssohn- ״ganz gegen seine Neigung“ in Berlin bleibt, wie er das bestimmt wisse. Moses Mendelssohii’s Geburtsjahr. Der vor 4 Jahren verstorbene Felix Lebrecht hat in einer nach seinem Tode veröffentlichten Schrift (Berlin 1878, bei Mayer & Müller) aus M.’s altem Leichenstein nachgewiesen, dass Mos. Mendelssohn’s Geburtstag am 12. Ellul 5488, d. i. 17. August 1728 (nicht 1729) sei. Auch Isaak Euchel berichtet, dass M., der am 4. Jan, 1786 gestorben, 57 Jahre und 5 Monate altgewordeu sei. In der ״Voss.Zeit.“ setzt Hr. Schiffer in Berlin dem auf dem Leichensteine Mendelssohn’s angegebenen Datum verschiedene Mittheilungen entgegen, wonach 1) dieser, Spiess gegenüber, sein Geburtsjahr 1729 angegeben, eine Angabe, die Hr. Schiffer aber selbst als von zweifelhaftem Werthe erklärt hat, weil 2) Mendelssohn in einem Briefe ohne Datum Lessing geschrieben, er sei älter als dieser, was die Schwierigkeit nur noch vergrössere, weil derselbe Brief noch eine dritte Jahreszahl für M.’s Geburt nothwendig ergebe und diese danach zwischen 1730 und 31 fallen würde. Dazu komme, dass 3) Mendelssohn dem Datum eines Briefes an Reimarus vom 15. November 1783 die Worte: ״auch im ersten Viertel meines 54. Jahres“ hinzufügt, was wieder mit dem Datum des 6. September 1729 nicht übereinstimmen kann. 4) Mendelssohn in seinem Schreiben an Homberg vom 6. September 1785 diesen Tag als seinen 56. Geburtstag bezeichne. Aus allem diesen erhelle nun. dass Mendelssohn selbst über sein Geburtsjahr nicht unterrichtet war und die Lösung der Verwirrung nur an der Hand der Geburts-Register der D e s s a u e r jüdischen Gemeinde aus dem ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts (falls diese überhaupt beziehentlich noch vorhanden) herbeizuführen wäre. Dennoch, meint Herr S. G., müsste daran festgehalten werden, dass bis zu dem Beweise des Gegentheils das auf dem a 11 e n Leichensteine befindliche Datum des Geburtstages und Geburtsjahres (17. August 1728) Glauben verdient, weil — was auch dem verstorbenen Lebrecht nicht bekannt war — die Inschrift allerdings von Mendelssohn herrührt, der jedes Lob vermieden wissen wollte, der Zusatz ״der Weltweise“ aber von David Friedländer (1750—1834) gemacht wurde, dem die Grabschrift gar zu einfach erschiene! und der sich auf der von ihm verfassten eigenen Grabstein-Inschrift einen Schüler und treuen Freund ״des Weltweisen Moses Mendelssohn“ nennt. Ueberdies steht es fest, dass Mendelssohn im Sommer 1742 nach Berlin gekommen und damals im vierzehnten Jahre gewesen ist, die jüdischen Knaben damals erst nach vollendetem 13. Lebensjahre aus dem Vaterhause in die Fremde entlassen wurden und, von Anderm abgesehen, dort bei jüngeren Jahren auch schwerlich Aufnahme gefunden hätten. Auch danach würde 1728 als Geburtsjahr festzuhalten sein und es immer wahr bleiben, dass M. etwas über 5 Monate älter als Lessing gewesen. Die Errichtung eines Leichensteins erfolgte aber im vorigen Jahrhundert auf dem Berliner jüdischen Friedhofe unter so genauer Controle, dass zumal bei der Bekanntschaft der Vorsteher mit den Verhältnissen der Einzelnen, nicht leicht Irrthümer Vorkommen konnten, der Geburtstag nach dem jüd. Kalender auch nur Mendelssohn bekannt war. Literarische Kleinigkeiten. Yon Dr. S. Gronemann in Danzig. 1. In Bereschith Rabbah C. 64 findet sich die Bemerkung, dass nach Ansicht einiger Lehrer Abraham bereits im Alter von 48 Jahren, nach Anderen sogar schon im Alter von drei Jahren seinen Schöpfer erkannt habe. Die letztere Meinung, welche auch im Babli Nedarim 32a ausgesprochen wird, stützt sich auf den Zahlenwerth von עקב in den Worten עקב אשר שמע אברהם בקולי; dieser beträgt 172, und da Abraham 175 Jahre alt geworden sei, so habe er bereits mit 3 Jahren ״auf die Stimme Gottes gehört.“ Für die erstere Ansicht aber, welche in Ber. Rabbah C. 46 allein erwähnt wird, vermissen wir jede Begründung im Talmud und Midrasch und auch die Commentare gehen stillschweigend darüber hinweg. Nur der den Namen Rasehi’s tragende Commentar zum Midrasch versucht C. 64 zwei Erklärungen, von denen die erste ganz gesucht ist und deshalb unerwähnt bleiben mag, die zweite aber wenigstens beachtenswert!! erscheint. Diese weist nämlieh auf das chronologische Moment hin, dass Abraham zur Zeit der Sprachverwirrung 48 Jahre alt gewesen und,־ da er mit der übrigen Menschheit damals nicht gemeinsame Sache gemacht, mithin bereits damals von höherer Gotteserkenntniss durchdrungen gewesen sei. Es hat jedenfalls dieser Conunentator Gen. C. 11 nachgerechnet und dabei gefunden, dass Abraham zurZeit, als Peleg, ״in dessen Tagen die Erde sich getheilt hat"', (כי בימיו נפלגה הארץ, ibid. 10, 25) aus dem Leben geschieden, gerade das Alter von 48 Jahren erreicht hat. Allein so bestechlich auch im ersten Augenblicke diese Erklärung ist, so erweist doch auch sie sich nicht als haltbar. Denn wenn auch der Name פלג von dem Ereignisse der Sprachverwirrung (דור ההפלגה) hergeleitet ist, so hat er doch jedenfalls diesen Namen gleich nach der Geburt erhalten, und es muss deshalb schon damals und nicht erst in seinem Todesjahre, also mindestens schon 191 Jahre vor Abraham, dieses grosse Ereigniss eingetreten sein. Oder sollte vielleicht der alte Eber, de,r mit seinem Urgrossvater Sem noch viele Jahre in das Leben Jakobs (Eber 79, Sem 50 J-) hiueinragt und vom Midrasch zum Haupte eines Lehr-