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Das jüdische Literaturblatt · 1880-05-26 · No. 22. (26.5.1880) · p. [Seite 1]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 22. (26.5.1880)
Date
1880-05-26
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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JXo. 22• Das •Jal1r$£. IX. Jüdische Literaturblati Znr Beleuchtung aller Judenthum nnd Juden betreffenden literarisch. Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Itahmer. Magdeburg, Ä6. AXtii 1880. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Redaction zugesandt werden, finden in diesemBlatte eingeb. Besprechung. BeiEinsendung von zwei Receusionsexemplaren erfolgt auch Erwähn, i. d.Wochenschr. Das ״«Vndisclie Iitteraturblaft“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Lei pzig bei Robert Friese) pro Jahrgang: 8 Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstaltea nnd Buchhandlungen 3 Mk. kostat) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit25Pf. für die dreigespaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegengenommen durch die Central-Annoncen-Expedition von Gr. L. Da.u.l>e &׳ Co., Frankfurt a. M, Magdeburg, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Inhalt: Wissenschaftlich e Auf sätze: Die Berliner jüdische Gemeinde in der Zeit vor Moses Mendelssohn. — Literarische Kleinigkeiten. Von Dr. S. Gronemann in Danzig. Literaturbericht: Recensionen: Friedländcr, Dr. M., Die Philantropie des mosaischen Gesetzes von Philon. Uebersetzt und erläutert. — Voelker, Dr. Ambrosius, Ist der menschliehe Wille frei? Mit besonderer Rücksicht auf die Frage der Zulässigkeit der Todesstrale. Notiz. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Die Berliner jüdische Gemeinde in der Zeit vor Moses Mendelssohn. (Schluss.) Trotz dieser Ausschreitungen bewahrte sich die Gemeinde im Grossen und Ganzen den Sinn für Duldüng und, wenn man den Ausdruck gebrauchen kann, für Aufklärung, allerdings nicht im Geiste der unter Friedrich dem Grossen ins Leben tretenden Philosophie. Für das Streben nach Aufklärung zeugte unter anderen die Berufung des Oberrabbiners David Fränkel aus Dessau (dem Mendelssohn hierher gefolgt), eines auch literarisch bekannt gewordenen Mannes, der einen as* ketisch frommen Rabbiner abgelöst hatte und ein neues geistiges Leben inaugurirte. Wohlthun und Mildthätigkeit zeichnete die Mitglieder der Gemeinde nicht nur gegen ihre Glaubensgenossen, sondern auch gegen Andersgläubige aus, und Buchholz erzählt in seiner Geschichte der Kurmark Brandenburg rührende Züge der Nächstenliebe, welche die Juden den auswandernden Salzburgern 1732 bethätigt haben. Aller Bedrückungen und Besteuerungen ungeachtet, musste der reisende Jude beim Eintritt in eine fremde Stadt — bis 1787 — Leibzoll zahlen, hatten die Jaden sich milden Zwecken, deren Erfüllung nicht einmal unmittelbar an sie herantrat, nie verschlösse^ obgleich sie ihre eigene Armen- Verwaltung und eine grössere Anzahl frommer Stiftungen unterhielten. Und dieser Wohlthätigkeitssinn sollte sich auch an dem armen verlassenen Moses (Mendelssohn) bei seinem Eintritt in die grosse fremde Stadt bewähren, in weleher der junge, missgestaltete, stotternde Knabe Niemanden als Rabbi Fränkel hatte, der sich seiner sofort annahm und ihm zunächst freie Wohnung bei einem orthodoxen Gelehrten, Rabbi Michael Bamberger, verschafft, der ihm eine Dachkammer in dem Hause Königstrasse 56—57 einräumte, dass dieser damals miethsweise inne hatte.*) Dem jungen Fremdling standen *) Dieses Haus, das bis 1872 seine alte Gestalt hatte, kaufte Bamberger 1750, und noch heut ist es im Besitze seines Urenkels, des Bankiers L. M. Bamberger. Rabbi Michael Bamberger führte 1774 auf einige Zeit die Geschäfte des Oberrabbiners. überdies mancherlei Hilfsquellen zu Gebote, sowohl an Freitischen als Geldstipendien, und wenn der junge Moses aus Dessau davon keinen Gebrauch macht, so war das seine Schuld und ein übel angebrachter Stolz, der ihm das Wort eingab, er hätte kein Recht, die Mildthätigkeit Anderer in Anspruch zu nehmen, da er ja für sich lerne und strebe. Wenn jeder Gymnasiast oder Studirende so dächte, brauchte es an den höheren Lehr- und den Hochschulen weder Freitische noch Stipendien zu geben. Hunger brauchte gewiss Niemand zu leiden, und die Erzählung, dass Mendelssohn sich das Brod gezeichnet hätte, am an einem Tage nicht zu viel davon zu essen, ist nach dem Vorangeführten auf den wirklichen Werth zarückzuführen. Vermuthlieh hat der Sohn Mendelssohns, als er diese Thatsac-he in der von ihm besorgten Lebensgeschichte des Vaters 'mitgetheilt, dieselbe falsch verstanden oder im Laufe der Zeit vergessen. Es war nämlich Brauch, dass die Armen Brodzeichen erhielten, gegen deren Vorlegung sie bei bestimmten Bäckern zwei bis drei Male in der Woche Brodrationen erhielten, mit welchen sie von einem Vertheilungstermin zum anderen hauslvalten mussten. So wird es auch Mendelssohn ergangen sein. Die einzelnen Hausväter beeiferten sich, armen fremden Knaben (denn die einheimischen bedurften der Unter- Stützung nicht) Mittagstisch zu gewähren und auch für das Abendessen zu sorgen, ja es war nicht ungewöhnlieh, dass jeder nur irgend bemittelte Hausvater an jedem Tage einen Armen bei Tische sah und Arme der Reihe nach dabei abwechselten. — Wer sich still und zurückgezogen hielt, wurde auch nicht belästigt, und so konnte auch Mendelssohn seinen Studien obliegen, ja der streng orthodoxe Michael Bamberger, der früh erkannte, dass der junge Moses dem positiven Judenthum dereinst Abbruch thun könnte, und dies ungescheut aussprach, legte ihm nicht das geringste Hindern iss in den Weg. Er wurde weder eingeschüchtert noch bedroht, was ohne den, von den Gemeindeleitern, wenn auch nicht geradezu gepflegten, doch auch nicht gehemmten Bildungssinn nicht möglich gewesen wäre. Und nun betrachten wir einmal die Personen und Zustände in der hiesigen Gemeinde, als der 14jährige Moses aus Dessau in sie zuerst als Fremder trat. Vor ihm hatten schon andere Bildungsbegierige hier Zuflucht gefunden, wie jener Israel aus Zamosc in Russland, der den jungen Mendelssohn in der Mathematik nach einer hebräischen Uebersetzung Euclid’s unterrichtet hatte und auch nicht verfolgt worden war, obgleich er seine Heimath wegen seines Bildungstriebs hatte verlassen müssen, was durchaus nicht unbekannt war. Wir sehen aber ausser den Schülern auch Lehrer, und zwei Aerzte, Dr.Kisch undDr.Gumperz(dasmedicinische Studium

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