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Das jüdische Literaturblatt · 1880-05-05 · No. 19. (5.5.1880) · p. Seite 75

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 19. (5.5.1880)
Date
1880-05-05
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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— 75 — Lebens aus Liebe zur ״Lehre“ entsagte, die aber gleichwohl nicht einer herzlichen Heiterkeit nicht entbehrte. Denn jede selbstständige Entdeckung oder Lösung eines talmudischen Problems beglückte, als hätte man ״reiche Beute“ gemacht. Auch die spärlichen Unterhaltungen waren meist belehrender Art. Man sprach einen Bibelvers aus und es musste sofort ein anderer gesagt werden, der mit demselben Buchstaben anfing, womit jener endigte, *) Andere Spiele, wie Springen und Wettlaufen oder Brett-, Ball- und Nussspiel, sowie ״Rücken oder Schneid“ kamen vor,5) wurden aber zumeist nur von Knaben und Frauen getrieben. Auf Stelzen gehen galt für Sache der ״Ausgelassenen“ (3.(לצנים) Dagegen war es Sitte, dass bei Einholung eines Bräutigams die befreundeten Scholaren ihm entgegenritten und zum Schein Kampfspiele aufführten.4) Dergleichen bot dann einmal eine Abwechselung in dem einförmigen Leben der Scholaren, das sonst ganz dem Studium gewidmet war. Ausgeartete Schüler, die ihre Collegen beschimpften, durch vorwitzige Fragen den Lehrer in Verlegenheit .zu bringen suchten und mehr aus Eitelkeit, als der Wissenschaft zu Liebe lernten, wurden nicht geduldet.5) Aber die Klagen über solche Ausschreitungen sind in dieser Zeit selten. . . . Der Bildungsgang, den wir skizzirt haben, war ל לה ס רז keineswegs etwa blos für die Ausbildung eigentlicher Gelehrten bestimmt, sondern es schlug ihn ein Jeder ein, wenn ihn auch nur die begabteren jungen Männer vollendeten. Minder Begabte begnügten sich, auf dem vorgezeichneten Bildungswege diejenigen Stationen mitzumachen und das Mass von Kenntnissen sich anzueignen, wofür ihre Fähigkeit hinreichte. In der Regel zog man aus der erlangten Wissenschaft keinen Gewinn; die Meisten, mit Ausnahme etwa Derjenigen, welche für Geld den niederen Unterricht ertheilten, hatten einen geschäftlichen Reruf, der sie nährte. Dieser bestand vornehmlich in Handels- und Geldgeschäften, aber man betrieb auch Land- und Weinbau. Viele verdienten sich ihren Lebensunterhalt als Schreiber, Manche als Handwerker, obwohl der Handwerksbetrieb sehr erschwert und deshalb nicht gesucht war.s) Literaturbericht. Recensioneu. Molchow, Dr. Jesus, ein Reformator des Judenthums. Zürich, Verlags-Magazin. 1880. Was sie mit ihrem Namen in ihrer Zeitung nicht zu sagen wagen, das formen sie zu Broschüren — und Zürich verlegt’s — denn es ist freisinnig. Leider ist aber auch unsinnig. Im vorliegenden Büchlein wird auch von Jesus gesprochen —daneben aber von allen nur erdenklichen Dingen. Jesus kämpft gegen die Pharisäer — nebenher gegen die Bibel. Darin wollen’s ihm die Herren nachthun—die Vernunftreligion bringt Alles unter einen Hut. Es ist derselbe Käse in anderer Form und ״getretener Quark wird breit, nicht stark“ — sagt Götlie. Interessant ist allein der tiefe historische Blick — mit dem die Pietätlosigkeit ausgerüstet ist: — ״und daraus mag sich allmählich die Sage entwickelt haben, dass Israel einst in Egypten weilte und von dort heraufgekommen ist.“ (S. 25 Anmer- B. d Fr, Nr. 644. — *) Zunz, z. Gesch. S. 173 f. Berliner, Aus dem inneren Leben der deutschen Juden im Mittelalter S. 12. Löw, die Lebensalter ün den letzten Capp.) s) Toss. Sabb. 66b: אשלןצש escasses, echasses. Or. Sar. II, •s. 42 מה שאנו קורין שטול״צי (d. i. Stelzen). 4) Sinruon b. Abraham bei Or sar. das. S. 137. — s) Nach dem B. d. Fr. —• *) Vgl. Zunz, z. Gesch, S. 173. kung.) Also das urkundlich und durch die Baudenk־ male, wie durch Hiroglyphen als historisch belegte Weilen Israels in Egypten — wird zur ״Sage“, damit die hl. Schrift ein Machwerk werde, mit dem diese — Herren beliebig umspringen können. Fürwahr Hr M. ist ein würdiger Cumpan des Bearbeiters der Cohn- Dinkelspiel’schen Bibi. Gesch. Das mag’s erklären, dass wir ein weiteres Eingehen auf den Inhalt (?) für Papierverschwendung halten. Nachdem auf die Pharisäer gehörig geschimpft und dem neuen Testamente im Urtheile über sie beigepflichtet worden, verherrlicht ein ״N ach wort״ die pharisäische Moral. Diese Menschen stehen nicht mehr im .Judenthume. Hielten sie nicht Zweckmässigkeitsursachen — das ״Nachwort“ wäre ungeschrieben geblieben. Nachschrift. Bei dieser Gelegenheit kommen wir auf die Erwiderung, welche unsere Besprechung der ״Rauchmann’schen Mischehe“ in dem Schreibersehen Blatte erfahren hat, mit einigen Worten zurück. Wir würden die betr. uns direct zugesandte Nr. nicht beachtet haben — schimpfen können die Fanatiker des Nihilismus, wie eben alle Fanatiker — wenn wir nicht ein Pröbchen der Ehrlichkeit jener Mischehen-Gesellschaft der Oeffentlichkeit vorzulegen uns gedrungen fühlten. Es heisst dort S. 93: Unser Referent schrieb (Litera- Ich will nur noch kurz anfühturblatt 5, S 19): ״Es ist freilich ren, dass er (unser Re!erent) ״sich ein seltsamer Beleg filr die Mogewaltig darüber ärgert, dass es ral der neuen Vernunftreligion Rabbiner giebt, welche ihre Auf- und ihrer Stifter, dass man sich gäbe darin sehen, ihre Gemeinden als Lehrer der Religion gerirt, zur Tugend, Rechtschaffenheit, die man bekämpft, und sich als Nächstenliebe und Selbstvered- Erhalter und Vertheidiger von lung anzuspornen. Diese, meint Grundsätzen und Lehren b e s o 1er, verdienen nicht, besoldet den lässt, die man verwirft und zu werden.“ verspottet. Das ist ihre ״Rechtschaffenheit, Tugend und Selbst- Veredelung“! Ihre Gesinnungs- und Charakterlosigkeit documentiren diese Herren auch durch das beständige Wechseln und Verleugnen ihres Namens; bald heisst das Chamäleon Rubens, bald Wiener, bald Rauchmann, bald Molchow und bald — gar nicht (wie auf der anonymen Broschüre: Judenthum und Wucher); ebenso ist der Mitarbeiter Maurice N a d y n resp Moses A. Nadyr wohl identisch mit Adolf Radyn, Religionslehr in Kempen. Sollte vielleicht doch noch etwas wie Schamgefühl über die Herren gekommen sein, was sie abhält, ihre eigentlichen Familiennamen auf solch elenden Machwerken zu nennen? Schreiber, Dr E. Moses Mendelssohn’s Verdienste um die deutsche Nation. Zürich 1880. Verlags-Magazin. רז ס Das vorliegende Schriftchen hat nicht den mindesten Anspruch auf gelehrten Werth, oder auch nur irgendwelche selbstständige Geistesarbeit; es ist ein elendes Plagiat! (Vgl. den Leitartikel R.) Das winzige Theilchen eigener Zuthat — Vorwort, Widmung, Einleitung — sei hier einer Beleuehtuug unterzogen. Erstens ist die Vorrede ebenso unklar wie unwahr. Wenn erst behauptet wird, dass, als im vorigen Jahre die Hochflut der judenfeindlichen Literatur in bedenklichster Weise angeschwollen war, unser deutscher Kronprinz es gewesen sei, welcher durch seine denkwürdigen Worte an den Präses der Berliner jiidisehen Gemeinde, Stadtrath Magnus, ״wie mit einem Zauberstabe die Geister des Hasses und des Fanatismus gebannt“ und bewirkt, ״dass die Unkenrufe seitdem mehr und mehr zu verstummen angefangen“, und es in dem gleich darauf folgenden Satze heisst: ״Üm so lauter ertönten aber seit dieser Zeit diejenigen. Stimmen, welche durchaus eine s. g. akademische Judenfrage aufs Tapet bringen wollen, durchaus die Juden als Träger einer besonderen Nationalität hersteilen möchten,“ so scheint mir diese Behauptung weder logisch noch rieh-

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