Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1880-04-21 · No. 17. (21.4.1880) · p. Seite 67

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 17. (21.4.1880)
Date
1880-04-21
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/5367336-6488238-9584411--1535-9584414
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Unterhaltungen, bei denen man jedoch auch noch zu j lernen strebte, unterbrochen wurde. Denn es gab keine grössere Schmach, als ein Am-haarez (ungebil- <leter Mensch) zu heissen *) (Forts, f.) Jüdische Einflüsse auf einen kaukasisclien Volksstamm. (Schluss.) Wir müssen uns hier auf die Aufzählung der Eigenthiimlichkeiten beschränken, welche sich auf das Judenthum zurückführen lassen. Im Uebrigen aber wird man in dem Besprochenen Manches bemerkt haben, was auf Islam und Christenthum hindeutet, und es giebt in der That nur noch Weniges, worin sich ausserdem noch der Einfluss dieser beiden Religionen äussert. Als dem Islam entlehnt, bezeichnet Radde neben der Feier des Freitags das Rasiren des Kopfes, die leichte Lösbarkeit der Ehe, die Beilage von Brod zum Todten, die Verachlung des Schweines und des Hasen, was aber auch dem Judenthume zugeschrieben werden könnte. Auffallender Weise gemessen sie auch das Huhn nicht, was ihnen nur noch mit den Mongolen gemeinsam ist. Christliehen Ursprungs sind die fast bis zur Unkenntlichkeit entstellten Gebete ihrer Priester, die Verehrung des Kreuzes, die Erwähnung von Petrus und Paulus, die Anerkennung einiger Heiligen und die Feier des Sonntags. Im Ganzen aber können wir uns bei der Lektüre des Buches des Eindrucks nicht erwehren, dass neben dem Heidenthum es das Judenthum gewesen, welches am meisten auf das barbarische Bergvolk eingewirkt hat. Es drängt sich da alsbald die Frage auf, woher wohl diese Erscheinung stamme? Muss dieses nicht darauf führen, dass vielleicht einmal Juden in jenen Gegenden eine besonders einflussreiche Rolle gespielt haben? In der That braucht man nicht lange nach der Erklärung dieser eigenthümlichen Erscheinung zu suchen Der Boden, welchen die Chevsuren und die benachbarten Stämme bewohnen, gehörte zu einer Zeit einem grossen, weit ausgedehnten Reiche an, deren Könige sich zum Judenshume bekannten und den weitaus grösseren Theil ihrer Unterthanen demselben Bekenntnisse zuführten, — dem merkwürdigen Reiche der Chazaren, welches ein weites Ländergebiet vom Don bis an das östliche Gestade des Schwarzen Meer umfasste und lange der Schrecken seiner Nachbarn war. Die Aehnlichkeit der Namen würde uns sogar geneigt machen, die heutigen Chevsuren mit den alten Stamme der Chazaren zu identifiziren, wenn nicht die Chevsuren noch in rohem Urzustände wären, während die Chazaren bereits eine höhere Culturstufe erstiegen hätten und mit dem Judenthum innerlich verschmolzen wären. Auch ethymologisch brauchen die Namen nicht zusammenzuhängen; Radde leitet Chevs’uren ab vom Worte Chewi ״die Schlucht“, das sich in vielen Zusammensetzungen, wie Ocher-chewi, Akusclios-chewi, Gud-chewi wiederfindet. Aber immerhin ist wohl anzunehmen, dass die chazarischen Juden einen grossen Einfluss auf die Sitten aller unter jüdischem Scepter stehenden Völker geübt, das Volk der Chews’uren aber ihnen aus irgend welchen Ursachen eine besonders starke Empfänglichkeit entgegen gebracht habe. Auch der Name der obengenannten Königin Tamaru hängt vielleicht mit Togarrna zusammen, jenen! Abkömmlinge des Japheth (Gen. X, 3) von welchem die Chazaren nach dem bekannten interessanten Briefe des *) Ueber Am haarez bemerkt ם׳ האסופות s. 1t96: מה שהעולם אומר עם הארץ לאדם שאינו יודע ללמוד מפסוק זה ויאמר עם ד אלה ומארצו יצאו מתרגמיכן ומדאורייתא נפקו ומטעם איכה יועם זהב פיר׳ נהשך לשון חשך הארץ!! Vgl. Or. sarua p. 5 11r. 4. Chazarenkönigs an den Fürsten Chasdai, ihre Herkunft ableiten. Wer werden es nun auch begreifen, weshalb gerade die Chevs’uren es sind, welche im Gegensatz zu den übrigen Stämmen dieser Tamaru kein Fest feiern; denn da bei ihnen die Berührung mit den Juden eine innigere war, so musste für sie der Jude ein grösseres Interesse haben, der diese Königin mitgebracht haben soll, als die Tamaru selbst, welche auf das Heidenthum zurückführt. Zugleich erkennen wir auch, da9s dort das Karäerthum einen grösseren Boden gefunden, als die Rabbaniten, wie ja auch später die Chazaren, nach dem Untergange ihres Neiches sich bekanntlich mehr mit den Karäern verschmolzen haben. Radde spricht in seinem Buche nirgends von dem jüdischen Reiche, das sich einst in jenen Gegenden erhoben; vielleicht bestimmen ihn diese Zeilen, wenn sie ihm zu Gesichte kommen sollten, auch auf diesen Punkt sein Augenmerk zu richten, um dadurch möglicher Weise noch mehr Licht über die dortigen Stämme zu verbreiten. Danzio•. Dr. S. Gronemann. © Literaturbericht. ßeceiisionen. Brann, Dr. M. Geschichte derGesellschaft derßrüder in Breslau. Festschrift zur Säcularfeier. S. Schottländer, Breslau. 1880. Zu der am 21. März d J. in Breslau abgehaltenen Säcularfeier der Gesellschaft der Brüder ist im Aufträge des Vorstandes der Gesellschaft von Hrn.Dr. M. Brann die Geschichte derselben bearbeiset worden Die fünf Bogen umfassende Schrift bietet das interessanteste historische. Material für die Herausbildung der Breslauer israelitisehen Gemeinde aus den ungleichartigen Elementen, für die fortschreitende Verbesserung ihrer staatlichen Stellung, ihrer Wohlhabenheit und Bildung, sowie für die Veredelung ihres Gottesdienstes und dürfte darum auch in weiten Kreisen sich manchen Freund, erwerben. Herr Dr. Brann zeichnet in lapidarer Kürze die Geschichte einer der grössten Gemeinden Deutschlands, — denn die Geschichte der Gesellschaft während der ersten fünfzig Jahre ihres Bestehens ist zugleich die der Gemeinde — und erregt durch die trotzdem lichtvolle Darstellung den sehnlichen Wunsch in uns, die von ihm schon vor längerer Zeit in Angriff genommene ״Geschichte der Juden Schlesiens1־‘ bald zu Ende geführt zu sehen. Bis S. 13 entwirft uns der Verfasser ein Bild der Breslauer Judengemeinde vor 100 Jahren. Es waren 172 polnische, 90 Glogauer, 25 Zülzer, 100 schlesische und 102 fremde Juden, welche innerhalb der Mauern Breslau’s für Erlegung einer Steuer ihren Aufenthalt haben durften, und inmitten dieser ״fremden“ Glaubensgenossen verlor sich beinah die kleine Colonie, welche die ״Breslau’sche Judengemeinde“ ausmachte. Aus der Mitte dieser Colonie gingen hervor die Stifter der Ge- Seilschaft, deren Anfänge von S 13—23 erzählt werden. Es war am Sonntag, den 16. April 1780, als sich ״einige in der jüd. Religion mehr aufgeklärte junge Leute zusammen begaben und eine Brüderschaft formirten“, welche als Verein den Namen ״Liebe und Brüderschaft“ (אהבה ואהוה) führen sollte. Wie gross der Kreis dieser ״aufgeklärten jungen Leute“ sein konnte, erfahren wir aus der S. 18 mitgetheilten Notiz, dass Mendelssohns Pentateuch-Uebersetzung in Breslau nur sechs Subscribenten fand, unter denen noch dazu Graf Hoyrn mit zwei Exemplaren war. Das 3. Capitel (bis S. 44) macht uns mit der früheren Organisation des Vereins bekannt. Nach dem Vorgänge der Freimaurerlogen verordnen die Statuten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.