Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 17. (21.4.1880)
- Date
- 1880-04-21
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 — wurde er dem Lehrer zugeführt; sowohl auf diesem Wege, wie auf den in’s Gotteshaus war das Kind in ein Tuch oder einen Mantel eingehüllt, was Bezug haben sollte auf den Vers (das. 17): Sie (die Israeliten) standen unter dem Berge (gleichsam verhüllt). Der Lehrer nahm den Knaben auf den Arm und setzte ihn dann zum Unterrichte nieder. Dies geschah nach IV. B. M. 11,12: Wie der Wärter den Säugling trägt, und Hos. 11,3: Ich gängelte Ephraim, ihn in den Armen haltend. Alsdann nahm der Lehrer eine Tafel, auf welcher die vier ersten und die vier letzten Buchstaben des Alphabets verzeichnet waren, ferner der Satz V. B. M. 33, 4: Eine Lehre hat uns Moses geboten zum Erbtheil für die Gemeinde Jakobs, sowie die Worte: Die Lehre sei mein Beruf, und der erste Vers aus III. B. M., welches Buch schon dem) Säugling bei der Namengebung zu Häupten in die Wiege gelegt wurde *) und womit von Alters her der Unterricht begann; denn mit diesem Buche, das vom Reinen — vom Opfer — handelte, sollten die Reinen — die Kinder — sich zuerst beschäftigen ג) Der Lehrer machte nun dem Knaben jeden Buchstaben namhaft und dieser sprach ihn nach. Die vier letzten Buchstaben wurden in einem Worte, und zwar sowohl in der üblichen Reihenfolge (קרשת), wie in der umgekehrten (תשרק), ausgesprochen, weil diese Buchsteben den Zahlenwerth von Tausend angeben und das zweimalige Aussprechen dieses Zahlenwerthes an die 2000 Jahre erinnern sollte, um welche — nach dem Midrasch*) — die Thora älter ist, als die Schöpfung. Die Tafel aber war mit Honig bestrichen und der Knabe musste diesen von der Schritt ablecken, um gleichsam die Süssigkeit der Lehre zu kosten. Es war auch ein Honigkuchen, den eine Jungfrau zu backen pflegte, für diese Feierlichkeit vorbereitet, auf welchem folgende Bibelverse standen: Und er sprach zu mir: dein Leib esse und deinem Eingeweide führe zu diese Rolle, welche ich dir gebe. Und ich ass sie und sie war in meinem Munde wie Honig so süss (Jechesk. 3, 3). Gott der Herr hat mir eine gelehrige Zunge gegeben, zu erkennen, dem Müden ein Wort zur Zeit zu sagen, am Morgen erwekt, er erweckt am Morgen mein Ohr, der Belehrung zu lauschen. Gott der Herr hat mein Ohr geöffnet und ich habe nicht gemurrt, zurück bin ich nicht gewichen (Jes, 50,4, 5). Womit kann ein Knabe rein erhalten seinen Weg? Wenn er sich hält nach deinem Worte (Ps. 119,9). In meinem Herzen barg ich dein Wort, damit ich nicht sündige gegen dich (das. 11). Gelobt seiest du, Ewiger, lehre mir dein Gesetz (das. 12). Oeflfne meine Augen, auf dass ich Wunderbares in deiner Lehre erblicke (das. 18). Mache mich verständig, dass ich deine Lehre bewahre und sie beobachte mit ganzem Herzen (das. 34). "Wie liebe ich deine Lehre, den ganzen Tag ist sie meine Unterhaltung (das. 97). Der Anfang deiner Worte erleuchtet, macht Thoren verständig (das. 130). Geläutert ist dein Wort durchaus und dein Diener liebt es (das. 140). — Der Kuchen war aus drei Sorten feinen Mehls bereitet, zur Erinnerung an die Gaben Gottes in der Wüste, das Manna, den Brunnen (IV. B. M. 21,16) und die Wachteln (II. B. M. 16,13), und Oel, Milch und Honig waren darein gemischt entspreehend den Bibelworten: Er liess das Volk Honig aus dem Felsen und Oel aus dem Kiesel saugen (V. B. M. 32,13) und: Honig und Milch sind unter deiner Zunge Emendation wird durch Rokeach §. 296 begünstigt. Aber hier fehlt auch ילספר und der Bericht ist auch in anderen Punkten verschieden. Nach der Darstellung ist hinter לס hinzuzudenten כשקוראץ• *) B. d. F1\ 31. 1146 ed. Bologn. u. Krak. 2) Midr. Vajikr. cap. 7. s) Midr. Ber. Cap. 8. (HL. 4,11), Ferner gab es bei dieser Feierlichkeit ein Ei.ף Darauf waren folgende Verse geschrieben: Von allen meinen Lehrern bin ich klug geworden, denn deine Zeugnisse sind mein Gespräch (Ps. 119, 99). Von Greisen nehme ich Erkenntniss an, denn deine Befehle bewahre ich (das. 100). Wie angenehm sind meinem Gaumen deine Reden, süsser als Honig meinem Munde (das 103), Eine Leuchte meinem Fusse ist dein Wort und ein Licht meinem Pfade (das. 105). Der Lehrer las mit dem Knaben Alles, was auf der Tafel, dem Kuchen und dem Ei geschrieben war, und nach Beendigung der Lection bekam er Kuchen und Ei, dieses, nachdem es gekocht und geschält worden war, sowie Aepfel und sonstiges Obst zu essen. Der Genuss dieser ersten ״Lehrmittel“ sollte, wie man annahm, das Fassungsvermögen stärken. Damit auch der Aberglaube sein Spiel dabei habe, liess man den Knaben zehn Mal die Worte * 1 2נגף׳סגף ׳אגף) und die Formel aussprechen: ״Ich beschwöre dich, פותה, Dämon der Vergesslichkeit, dass du das unkluge Herz aus mir, dem N., Sohne des N. (hier wurde der Name Betreffenden eingeschaltet), beseitigst und auf hohe Berge wirfst“. Die Beschwörung geschah unter Anrufung des ״Gottesnamens“ (3.(בשם) Zuletzt führte man den Knaben längs eines Flusses spazieren, weil die Thora dem Wasser verglichen wird, und gemäss dem Bibelworte: Es sollen strömen deine Quellen nach aussen hin, auf weiten Strecken Wasserbäche (Spr. 5,16). Dem Knaben sollte im Bilde des Wassers Gewalt und Bedeutung der Wissenschaft aufgehen, die gleich dem Wasser unaufhaltsam vordringt und überallhin ihre fruchtbare Wirksamkeit äussert. Mit dieser heiteren Feierlichkeit nahm der fünf- oder sechsjährige Knabe — denn in diesem Alter begann von Alters her und auch jetzt4) der Unterricht— von Spiel und Ungebundenheit Abschied und es ting die Zeit des Ernstes und und der geistigen Arbeit an, die von Ferien nie, höchstens von einzelnen Feiertagen und von ‘) Vgl. Wuttke, der deutsche Volksaberglaube S. 200: ״Jedem Säugling, der auf dem Arme seiner Mutter bei den Nachbarn und Gefreundeten den ersten Besuch macht, werden drei frische Eier geschenkt und ihm dreimal an den Mund gedrückt; dadurch wird das Kind beherzt und redefertig; oder man fährt ihm im gleichen Falle mit dem Erstligs-Ei einer Henne (Pappel-Ei) im Munde herum“ u. s. w. ף b. d. Er. Nr. 1160 לפי שאות הף׳ מצויה בשם של מלאכי חבלה כגון אף זעף שצף קצף נגף אנף רשף לפיכך לא תמצא ף׳ בשום תפלה לבד מתפילת מוסף ובו"• ist natürlich gemeint: am Ende des Wortes. Vgl. Rokeach 337 und 1 אפופותö7^: כל האותיות יש בברכת המזון חוק מף׳ להודיענו שאין מלאך אף אנף שצף קצף שולסין במקום שמברכץ ברכת המזון ♦ " יולכך נמי אין ף ביוצר אור ולא בשמנה עשךך). Im Texte dürfte für א^ף wohl א2ף zu lesen sein. Rokeach das. hat die Beschwörung nicht. Vgi. dagegen Rok. Nr.215 über den Buchstaben ף. 3) In der Handschrift ist hier eine leere Zeile und Luzzato das. S. 63 vermuthet, der Schreiber babe den □ש nicht schreiben wollen. Derselbe findet sich in Rasiel gegen Ende und im Siddur R. Amram S. 31b. Ob er hier, wie der Herausgeber in den Anmerkungen vermuthet, später eingeschoben, ist sehr fraglich, da bereits ס׳ אסופות S. 62a die Beschwörung in Siddur R. Amram in ihrer jetzigen Fassung vor sich gehabt zu haben scheint. Der Dämon des Vergessens heisst auch hier יפותה nicht ־פורה Ben שס lässt אסופות *roch hier weg. Siehe über diesen Perl es, Frankel-Grätz Monatsschr. 1870 S. 462. (Perles hält a. a. 0. die LA. פורה (nach Jes. 63, 3) für die richtigere; allerdings an der betr. Stelle im Siddur des R Amram — bei הבדלה — mag dieser an den ״Wein“ erinnernde Name gerechtfertigt erscheinen; wir würden jedoch im Hinhlick darauf, dass in der betr. Formel von dem ״thörichten Herzen“ die Rede ist, der LA. פותה den Vorzug gebeu, da der Stamm פתה gerade mit ^ל verbunden oft vorkommt, cfr. Deut. 11, 16, Hiob 31,9 und 26 u. a. m. Wir denken hier ganz besonders an das פותה אין לב in Hosea 7,11. Anmerk. d. Red.) 4) B. d Fr. Nr. 1146.