Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1880-04-07 · No. 14 u. 15. (7.4.1880) · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 14 u. 15. (7.4.1880)
Date
1880-04-07
Page
Seite 58 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5367336-6488238-9584397--1524-9584403
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 58 — ob man besser Zeit und Studium auf eine der beiden Materien beschränkt und die Arbeit verdichtet. ״Wer Vieles bringt, wird Allen Etwas bringen* 1'־, aber ״in der Beschränkung• zeigt sich der Meister11־. Wir unseres Theils sind der Meinung, dass wenn auch vor Decennien, ehe noch die Herder, Dukes, Fürstenthal, Günsburg, Guiseppe Levy, Sachs und viele Andere mit ihren treffliehen Arbeiten vorangegangen waren und den Weg darin frei gemacht hatten, wo es gewissermassen noch den Geschmack anzuregen und zu reizen galt, der erste Weg Manches für sich hatte, jetzt, nachdem alle diese Arbeiten vorliegen, der letzte bei Weitem vorzuziehen ist. Ja, wir glauben sogar, dass, um wirklich Gutes von bleibendem Werth zu schaffen, eine Trennung resp. eine Beschränkung auf eine der beiden Materien geradezu nothwendig ist. Beschränkte sich doch Krummacher auf seine Parabeln, Geliert auf seine Fabeln, Hey auf seine ״Kleine Erzählungen* und waren, nein wurden deshalb Meister darin. Jacob und Wilhelm Grimm trugen schon durch ihre Märchen allein ihre Hamen in das Buch der Unsterblichkeit ein. Aber wie ernst nahmen sie’s auch mit ihren Stoffen! Jedes einzelne dieser Märchen ist ein Meisterstück in seiner Art, fein gemeisselt bis zur kleinsten Nüance, voller Leben und Wahrheit, das den illustrirenden Pinsel des Malers vollständig entbehrlich macht. Und so soll es sein! Berthold Auerbach erzählt von den Brüdern Schlegel, dass sie einstmals in einer Gesellschaft eine sehr ansprechende Anecdote vortragen hörten. Friedrich, sagte Wilhelm zum Bruder, als sie allein waren, lass mir diese Geschichte; lass mir sie gelegentlich anbringen und verwenden dürfen. Hein, erwiderte Friedrich, du kannst sie nicht recht erzählen, wie sich’s gehört. Höre, sagte darauf Wilhelm, lass mir sie! Du hast dir doch schon lange meine silberne Dose gewünscht, hier ist sie, behalte sie und lass mir die Anecdote Damit kam der Handel zu Stande. Einige Zeit nachher traf sich’s, dass sich in einer Gesellschaft Gelegenheit bot, die theuer erstandene Anecdote passend anzubringen. Wilhelm fing an sie zum Besten zu geben, während Friedrich mit seiner Dose spielte. Er war aber noch nicht bis zur Hälfte gekommen, da rief Friedrich: Da — da ist deine Dose wieder; du verdirbst mir die ganze Geschichte Ich werde sie erzählen, wie sich’s gehört. — So schwer ist es, eine Sage, eine Parabel, eine Fabel etc. richtig und ihrer Natur getreu und gemäss wiederzugeben! — Legen wir aber auch nicht diesen strengen Massstab an den ersten Theil der Ehrmann’schen Arbeit, so müssen wir doch bekennen, dass, so viel Zeit, Fleiss und Schweiss der Herr Verfasser auf dieselbe auch verwandt hat, sie den berechtigten Anforderungen der Gegenwart nicht Stich hält. Sie baut zu sehr von unten, d. h. von Urbeginn ohne nutzbringende Verwerthung der vorhandenen Vorarbeiten auf, statt da einzusetzen, wo frühere Forscher den Spaten abgesetzt. Die Resultate und Ausbeute der letzteren haben für Herrn Ehrmann gar nicht oder nicht genügend existirt, er steht daher nicht auf ihren Schultern und so konnte es nicht ausbleiben, dass er höchstens Aehnliches, Gleiches, ergo zu zehn Arbeiten eine elfte lieferte. Doch auch selbst hiervon abgesehen, weiss sich Herr Ehrmann mit den mit dieser Aufgabe verbundenen sprachlichenSchwierigkeiten durchaus nicht abzufinden, daher eine oft sehr schwache Formulirung der Pointen, ein schleppender breiter Gang der Erzählung selbst. Wie in der Behandlung, so steht auch in der Auswahl der Stoffe das Werk nicht auf der Höhe der Zeit, wie schon eine flüchtige Durchsicht des Buches ergiebt, wenn es uns auch zu weit führen würde, dieses hier ausführlicher zu begründen und zu belegen. Hielten wir uns bei dem Gesagten mehr an den ersten Theil des Buches, so lässt sich leider auch vom zweiten — den Sprichwörtern und Sentenzen — nicht eben Günstigeres sagen. Schon die Eintheilung und Rubriciruug zeigt, dass die technischen Schwierigkeiten nicht genügend erkannt und überwunden sind. Die Collectivtitel sind zu allgemein, unabgegrenzt und nichts* sagend, die Materien fliessen in- und durcheinander bis zu völliger Verschwommenheit. Dabei ist die Auswahl vielfach eben so unglücklich wie im ersten Theil, wäh- 1־end die unzulängliche Formulirung der Pointen, der Mangel präciser, knapper, deckender Ausdrucksweise selbstverständlich sich hier noch störender fühlbar macht, so dass man die ganze ehrlich gemeinte und fleissige Arbeit mit dem wehmüthigen Bewusstsein aus Händen legt, der Herr Verfasser habe die in der That grossen Schwierigkeiten, derartige Stichwörter und Bilder etc. in eine andere Sprache hinüberzuführen, offenbar unterschätzt. — Dass diverse Sprüche doppelt hingestellt sind etc mag hier nur beiläufig bemerkt sein. Alles in Allem haben wir es mit einer gut gemeinten und, wie schon bemerkt, sehr fleissigen Arbeit zu thun, die aber — die Kritik kann darin ebensowenig Schonung üben, als Frau Themis, ihre Mutter — den Anforderungen unserer Tage nicht Genüge thut. Damit soll freilich keineswegs gesagt sein, dass sie nicht, vom praktischen Standpunkte betrachtet, Religionslehrern, Predigern und Freunden der Sache dennoch gute Dienste leisten und mühsames Aufsuchen und Nachschlagen der Quellen ersparen könne. Für die äussere Ausstattung des Buches hat die Verlagshandlung vortrefflich gesorgt.*) Max Weinberg. Loewy, Jos. Wucher und Wucherer. Gr.-Kanizsa 1880. 12°. 11 S. Was der Verf. unter obiger Aufschrift veröffentlicht, erhebt weder den Anspruch auf überraschende Neuheit der gebotenen Gesichtspunkte, noch erschöpfende Erledigung des behandelten Gegenstandes. Es ist eine bescheidene, aber immerhin beachtenswerthe Leistung. Der greise, vielseitig gebildete und intelligente Freund und Förderer der hebräischen und jüdischen Literatur will seinen jugendlichen Genossen, den Mitgliedern des kaufmännischen Jugendbildungs-Vereins zu Kanizsa, eine erspriessliche Anregung geben, um sie zu befähigen, den brennenden Zeit- und Streitfragen gegenüber von ihrem specifisch jüdischen und kaufmännischen Standpunkte aus gebührend und mannhaft Stellung zu nehmen. Diesem Motive entspringt der nunmehr durch den Druck veröffentlichte Vortrag. Den Zuhörern dieses Vortrages mögen die vom Geiste ächter Humanität und strengster Sittlichkeit getragenen Aeusserungen des Talmuds über Wucher und Wucherer, gleichviel ob Israeliten oder Nichtisraeliten davon betroffen werden, unbekannt und darum neu gewesen sein. Sie sind bei der jetzt in manchen massgebenden Kreisen des deutschen Reiches herrschenden judenfeindlichen Kundgebungen gerade in kaufmännischen Cirkeln leider noch immer zeitgemäss und können nicht oft und eindringlich genug wiederholt werden. —nc— *) In einer Besprechung des Ehrmann’schen Buches im ״Univ. isr “ macht Herr Rabbiner Aron aus Nimes dem Verf. den berechl tigten Vorwurf, dass er die Vorarbeiten und seine Vorgänger in der Sammlung von Agada’s nicht genannt und ersetzt nun selbst das Fehlende, indem er aufzählt: 1) Klänge vom Jordan von Rabbiner Nordmann, 2) Lexicon der Kernsprüche von Julius Dessauer, 3) Les sentences et Proverbes du Talmud et du Midrasch von Rab* hiner Schuld. Aber das sind doch nur Bücher aus der Zeit von 1872 bis 1878. Wo bleiben: Fürstenthal’s Rabbinische Anthologie, Breslau 1834; Giuseppe Levi's Parabeln, Legenden und Gedanken aus Talmud und Midrasch (Leipzig, Oskar Leiner, 2. Aufl. 1877)* ציץ לךךען von Fraenkel (Krotoschin); לילקוט אליעזר Pressburg 1871; אוצר אגדות von Müller — und dass hiermit die Reihenfolge noch lange nicht erschöpft ist, wird jeder Fachkundige willig zugestehen. (Unseres Sachs, ״Klänge vom Jordan und Euprat“ dürften auch nicht fehlen.) Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.