Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 14 u. 15. (7.4.1880)
- Date
- 1880-04-07
- Page
- Seite 57 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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57 — man auf dem Gebiete der naturwissenschaftlichen Entdeckungen solange Versuche auf Versuche sich häufen sieht, bis oft ein kühner Vorstoss das lange Gesuchte an den Tag bringt, so hämmert man auch in den historischen Wissenschaften den Nägeln oft gar lange um die Köpfe, ehe der entscheidende Schlag auf den bestimmenden Punkt niederfährt. Auch über die Frage nach den Quellen des Josephus ist männiglich geforscht worden, ohne dass bisher auf eine abschliessende Untersuchung in diesem Gebiete wäre zu verweisen gewesen. Dr. Heinrich Bloch hat sich das Verdienst erworben, dieses wissenschaftliche Bedürfniss zum grossen Theile befriedigt zu haben. Denn die Quellen der ״Altert hümer“ sind es vor Allem, von deren Erforschung das Urtheil über Josephus abhängt. Vielleicht wäre es zweckmässiger gewesen, statt die Quellen in schriftliche, mündliche und traditionelle zu theilen, eine Eintheilung, der die Arbeit nicht folgerichtig sich anschliessen kann, lieber von nationalen und fremden Quellen zu sprechen. Auch war es in einer zusammen fassenden Abhandlung angezeigt, über alle ausdrücklich genannten und blos vermutheten Quellen das wissenschaftlich zu Ermittelnde beizubringen, um nicht in der Schlussübersicht, wie es hier geschehen ist, Namen erwähnen zu müssen, über die der Verlauf der Arbeit keine Belehrung geboten hat. Diesen äusserliehen Ausstellungen sei der Vortritt verstattet, um in allem Uebrigen eine um so vollere Anerkennung äussern zu können. Zur Vollführung dieser Arbeit war die Benutzung der altjüdischen Traditionsnicht minder als die der klassischen historischen Literatur von Nöthen. Josephus hat in der ersten Hälfte seiner Archäologie so viel Unbekanntes vorgetragen, was aus der Bibel, seiner obersten Vorlage, nicht nachgewiesen werden kann, dass die Aufsuchung der Quellen für diese Angaben seit jeher einen anziehenden Stoff für die Forschung gebildet hat. Bloch hat nun neben der Zusammenstellung des Bekannten sich auch um die Lösung des Räthselhaften so verdient gemacht, dass man nach seinen Untersuchungen die Quelle für die nicht weiter zu belegenden Aeusserungen des Josefus in der zu seiner Zeit im Volks- und Gelehrtenmunde lebenden Tradition mit Sicherheit zu suchen berechtigt ist. Wie wir die in der altjüdischen Literatur vorhandenen Deutungen und Weiterungen des Bibelwurtes als Midrasch bezeichnen, so haben wir die scheinbar unbegründeten Züge der Archäologie alsschwebenden Midrasch zu betrachten, der nicht in der national jüdischen Literatur seinen schriftlichen Niederschlag gefunden hat und so vergessen wurde Der Beweis dürfte als erbracht gelten, dass Josephus in seiner Jugend ausgezeichnete Kenntnisse in der hebräischen Sprache und in der Tradition besessen habe. Dieser Punkt erfordert aber selbst nach Bloch’s verdienstlicher Zusammenstellung eine besondere Behandlung, da hier manche Einzelheiten noch der Erklärung bedürfen und dann vielleicht ein neues Licht auf das Ganze zu werfen geeignet sind. Es wird hier ganz besonders das Alter der aus der Tradition zur Vergleichung herangezogenen Sätze zu prüfen sein. Die kritische Besonnenheit, die Bloch in der Frage nach der hebräischen Gelehrsamkeit, seines Autors bekundet, hat ihm aus Andeutungen und feinen Spuren eine Reihe von Quellen entdecken helfen, die als gesichert oder doch jedenfalls als höchst wahrscheinlich gelten können. Was er über die Chronik des Johann Hyrkan, über die Memoiren des Herodes, über die mündlichen Berichte Agrippa II. vorbringt, ist mit so vorsichtiger Feinspürigkeit ermittelt, dass es in jedem Falle die Aufmerksamkeit der historischen Kritik erregen muss. Aber selbst da, wo es Bekanntes darzustellen galt, ist es mit so viel Selbstständigkeit und eigener Forschung geschehen, dass die Arbeit der Wissenschaft dabei um ein Stück gefördert erscheint, wie in der trefflichen Untersuchung über das Mass, in dem das apokryphe Esrabuch und der Universalgeschichtsschreiber Polybius bei Josephus benutzt wurden. Auch die Abhandlung über Nikolaus von Damaskus verdient eine besondere Hervorhebung, da in ihr beachtenswerthe Aufschlüsse über sein verlorenes Werk gegeben werden Das Verhältniss des Josephus zu Philo wird hier trotz der vielen Vorarbeiten, die gerade über diesen Punkt geliefert wurden, so umsichtig und selbstständig besprochen, dass die behauptete Abhängigkeit des Flavius von dem Alexandriner in eine völlige Unbekanntschaft mit seinen Schriften sich zu verwandeln droht. Diese Frage muss als eine offene bezeichnet werden. Wenn es sich auch erklären lässt, dass Josephus sich über Philo’s Bericht von seiner Gesandtschat't bei Cajus darum hinweggesetzt habe, weil er über diese Thatsachen von Agrippa II. sich für besser unterrichtet halten durfte, so bedarf es dagegen durchaus eines Grundes, die auffällige Erscheinung zu rechtfertigen, dass die übrigen Schriften eines Mannes wie Philo dem in Rom arbeitenden Josephus völlig unbekannt gewesen sein sollen. Bloch hat sich nur an das gehalten, was ihm die Kritik seiner Quellen zu ergeben schien, ohne in eine weitere Erörterung der hieraus entstehenden Fragen sich einzulassen. Eine gewisse Ungleichmässigkeit der Behandlung könnte man noch darin finden, dass die Angaben in der zweiten Hälfte der Archäologie nicht auf ihr Verhältniss zur Tradition geprüft werden. Allein abgesehen davon, dass diese Fragen bereits von Vielen gelegentlieh untersucht wurden, gehört sie schon darum nicht in den Rahmen dieser Arbeit, weil hier ja die Tradition sicherlich nicht als Quelle, sondern höchstens als Parallele zu den Berichten des Geschichtsschreibers aufgefasst werden darf. In einer kritischen, auf die Quellen und Parallelen eingehenden Ausgabe der Antiquitäten wird freilich auch hierauf ein besonderes Augenmerk zu richten sein. Diese Ausgabe ist aber als ein wissenschaftliches Bedürfniss ersten Ranges zu bezeichnen. Hier, wo es sich darum handelt, jeden Zug aus der einschlägigen Literatur zu belegen und auf seine Quellen zu prüfen, hier würde es sich erst heraussteilen, für wie viele Einzelheiten in der Darstellung des Josephus wir noch der begründenden Aufklärung bedürfen, welch reiches Material ursprünglich hellenistischer Deutung oder palästinensischen Midraschs wir in dieser ältesten jüdischen Geschichte vor uns haben Bloch hat sich durch seine echt wissenschaftliche, tüchtige Schrift berufen gezeigt, nach fortgesetzten Vorarbeiten und weiterdringenden Studien uns den Coinmentar zur Archäologie zu liefern, an dem so viele Wissenszweige ein lebhaftes Interesse haben. Budapest. Prof. Dr. David K a u ftn a n n. Ehrmaiin, Daniel Aus Palästina und Babylon. Eine Sammlung von Sagen, Legenden, Allegorien, Fabeln, moralischen und sinnreichen Erzählungen, Gleichnissen und geistvollen Bibelauslegungen, Dichtungen und Sprüchen, Morallehren, Maximen und Lebensregeln, Sprüchwörtern und anderweiten Sentenzen aus Talmud und Midrasch mit sachlichen und sprachlichen Anmerkungen nebst einer allgemeinen Einleitung über Geist und Form der Agada. Wien, 1880 Alfred Holder. Das Werk zerfällt seinem Stoff nach in zwei Hauptabtheilungen: Sagen, Fabeln etc. und Sprüchwörter und Sentenzen. Es lasst sich darüber streiten, ob, wie das hier geschehen, es sich mehr empfiehlt, beide Theile gemeinsam zu bearbeiten und zusammenzufassen, oder