Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 13. (24.3.1880)
- Date
- 1880-03-24
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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wird’s in der Familie wahrgenommen, wie die Erhal־ tung des Ganzen von ihm abhängt, und er steht allein selbstständig da. Der Geist der Familie kommt von ihm her, sein Urtheil über den Werth der •äusseren Dinge ist entscheidend und gibt die Norm an, nach welcher man sich im Leben richtet; er bestimmt die Stellung der Familie nach aussen und bezeichnet das Zweckmässige und Unzweckmässige, das Nützliche und Schädliche. Wenn ihm nun im alten Judenlhum noch das Geschäft des Lehrens und Unterrichtens überwiesen wurde — wie gross musste da seine Autorität sein! And dennoch sollte das Verhältniss seiner Frau zu ihm, obgleich sie seinem Hausregiment Folge leisten musste, nicht das eines Dienens und sclavischen Gehorsams sein. Schon im Mosaismus nimmt die Frau im Einklänge mit der von ihm ausgesprochenen Achtung vor der Personlichkeit und menschlichen Würde eine freiere, würdigere Stellung ein, als in den anderen morgenländischen Religionen,,,,<־) Hier erscheint schon die Frau als natürliche Gehiilfin, von welcher ״dem Hausherrn die Einrichtung der Hausgeschäfte gleichsam entgegengebogen wird“ (Herbert, Allgem. Pädagogik, Werke X p. 25). Die Proverbien geben uns in Kap. 31 ein Bild von einem jüdischen Biederweibe, wie sie durch ihre Aufsicht, ihre Thätigkeit, ihre Sparsamkeit die Ordnung und den Wohlstand ihres Hauses erhält, wie sie ihrem Manne Freude, Ehre und Ansehen zu verschaffen sucht, wie sie für die Nahrung ihrer Hausgenossen und für die Fortsetzung ihrer Arbeiten besorgt ist, und ״wie sie ihren Mund aufthut mit Weisheit und holdselige Lehre auf ihrer Zunge hat.* Letzteres scheint darauf hinzudeuten, dass sie auch an dem eigentlichen Unterrichte ihrer Kinder theilgenommen habe. Heisst es ja öfters in den Proverbien: ״Höre, mein Sohn, die Unterweisung Deines Vaters und verlass nicht die Lehre Deiner Mutter.e Pestalozzi sagt vom Kinde: ״Das Bild seiner Mutter, das es überall begleitet, wird selbst sein Gewissen“; denn es giebt ihm die allgemeinen Regeln für sein Wollen und Handeln, und danach richtet sich der Urtheilsspruch seines Gewissens. Dennoch bleibt, wie bereits erwähnt, sein Vater, namentlich für das spätere Kindesalter, sein Haupterzieher. Selbstverständlich darf die Autorität des Vaters nicht in Härte und Tyrannei ausarten, sondern er muss Strenge mit Milde verbinden. — Indem im 13. Jahrhund, von Isaak Aboab verfassten Menorath Hamaor werden unter Anderen folgende Regeln gegeben (Kap. 86): ״Der Mensch hüte sich sehr, im Beisein seines Sohnes ein unwürdiges Wort Zureden oder gar eine unwürdige That zu vollbringen und ihm ein böses Beispiel zu geben; sondern er suche ihn von allem Garstigen und Abscheulichen zu entfernen und zur Frömmigkeit hinzuleiten. Insbesondere soll er ihn von feindseligen Gesinnungen, von Hass und Neid, fern zu halten suchen “ Ibid. Kap. 85: ״Der Vater soll seinen Sohn zur Erlernung der Thora hinleiten: zuerst durch Gewährung dessen, was dem jungen Kinde eine sinnliche Lust bereitet, später durch Erweckung und Benutzung des Ehrtriebes, noch später dadurch, dass er ihm vorhält, wie die Erlernung der Thora mit dessen nunmehr er- #) Die fromme Ilanna, die nach Ansicht des Talmud uns lehrt, wie unser Gebet beschaffen sein müsse, dass wir nämlich oft uud wiederholt, leise und andächtig, demüthig und aus dem Herzen beten sollen — sie hat sicherlich auch in ihrem Hause öfters ein inbrünstiges Gebet verrichtet, und dieses mag bei ihrem Sohne Samuel den Grund gelegt haben zu seiner sittlichen Grösse, zu seiner Gottinnigkeit, Gesinnungshoheit und Selbstlosigkeit, womit er alle seine Zeitgenossen übertraf. Und wenn wir unserer frommen Mütter gedenken, die nicht nur selbst täglich im andächtigen Gebet ihre Augen zum Himmnl aufschlugen, sondern uns auch dazu anhielten, -da müssen wir ausrufen: ״Wehe, dass solche dahingegangen und nicht mehr gefunden werden.“ wachten sittlich - religiösem Interesse in Verbindung־ stehe.“ — Es ist hieraus ersichtlich, dass unseren alten Sittenlehrern die negative Seite der Gemüthsbildung wohl bekannt war und sie einen grossen Werth auf dieselbe legten; dass sie aber nicht in die Einseitigkeit eines Rousseau verfielen, der die Ansicht aufstellte: da das Kind von Natur aus gut sei, sei dessen Behütung vor bösen Einflüssen schon allein dazu hinreichend, dass es von selbst seine sittliche Bestimmung erreiche, eine Ansicht, die von der Erfahrung längst widerlegt ist; sondern dass sie mit der negativen Gemüthsbildung auch die positive verbanden, die, je älter das Kind wird, desto mehr in den Vordergrund treten muss. Literaturbericht. Recemionen. שירי אהל יעקב, Gottesdienstliche Gesänge fürlsraeliten, componirt von M. R 0 s e n h au p t, Cantor in Speyer. Wer sich erinnert, wie der Gottesdienst vor mehreren Decennien fast allgemein und in manchen Gemeinden noch heute in musikalischer Hinsicht beschaffen war, der wird heute unverkennbar den geläuterten Geschmack, die Art und Weise, wie er jetzt abgehalten wird, nicht ignoriren können. Wenn auch den Rabbinen — und diesen nur allein und nicht den Gemeindevor- Stehern — das Recht beigelegt werden müsse, die Gebetsordnung festzustellen, sei es durch Abschaffung der Piutim etc. oder Einführung anderer Gebete in der Landessprache, so ist doch dem Vorbeter in musikalischer Beziehung noch immer ein grosses Gebiet übrig geblieben, auf dem er durch seinen Vortrag die Gemeinde zur Andacht zu stimmen vermag. Viel ist hierzu von unseren Nestoren bereits geschehen. Es haben sich Sulzer in Wien durch seinen שיר ציון, Lewandowski in Berlin durch seinen תודה וזמרה und יקל רנה ותפלה ebenso Naumburg in Paris und Weintraub in Königsberg durch ihre Werke dauernde Monumente in der Synagogenmusik gesetzt. Dem angekündigten Werke von Deutsch in Breslau, von welchem sich ebenfalls nur Ausgezeichnetes erwarten lässt, sieht man mit Spannung entgegen. Es freut mich nun, ein Werk besprechen zu können, welches in mancher Beziehung eine wirklichere Bereicherung unserer gottesdienstlichen Musik genannt werden kann. Bis jetzt ist nur das I. Heft, der Freitagabend-Gottesdienst, erschienen, und von der günstigen Aufnahme derselben wird die Fortsetzung der übrigen Hefte abhängen. Bei der Beurtheilung eines Compositionswerkes ist vorzugsweise auf dreierlei das Augenmerk zu richten: auf Motiv (resp. Thema), auf Harmonisirung (resp. Instrumentirung) und auf die Faktur. Es würde den Raum dieser Zeitung — da es kein musikalisches Fachblatt ist — überschreiten, wollte ich hier näher auf alle diese Factoren eingehen. Aber es sei mir doch gestattet, einzelne Piecen genauer zu besprechen. Als Einleitung findet man ein מה טבו (Nr 1) für Vorbeter-Solo mit Orgelbegleitung, das im ersten Satz in B-dur steht, im zweiten aber nach Es-moll übergeht und in letzterer Tonart oder ossia in der entsprechend verwandten männlichen Tonart Ges-dur schliesst. Ob das ein glücklicher Griff des Componisten ist, will ich dahin gestellt sein lassen. Von lebendiger Frische ist Nr. 3, ein לכה ד1ךי für Solo, Chor und Orgelbegleitung; namentlich sind die Chorsätze recht lobenswerth. Nr. 4: und 5, sowie 6 und 7 enthalten die Sabbathpsalmen. Älit Nr. 8 beginnt das eigentliche מעריב. Hier ist eine Auswahl zn finden, die dem Componisten zur Ehre