Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 13. (24.3.1880)
- Date
- 1880-03-24
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 - Gute, sowie die Willensstärke, denselben zu wandeln. 1 Wenn aber schon bei Abraham die Momente des Unterrichts und der sittlichen Führung in seiner erziehliehen Thätigkeit lagen, um wie viel mehr musste dieses bei den späteren Israeliten der Fall gewesen sein, nachdem im Mosaismus dem Vater die Pflicht auferlegt worden, seine Kinder in Lehre und Gesetz zu unterrichten und denselben die Liebe zu Gott und die Beobachtung seiner Gebote einzuschärfen. (5. Mos. 6,6—7 und 11,19) — Wie gross der Umfang des väterlichen Unterrichts war, wissen wir nicht. Allein, da aus vielen Andeutungen und Satzungen des Pentateuch hervorgeht, dass schon zur Zeit des Moses das Schreiben und Lesen im Volke allgemein verbreitet war, weil sonst jene hätten weder angeordnet noch ausgetührt werden können, so wird wohl der Vater zunächst seine Kinder in dieser Grundlage aller weiteren Bildung, also im Lesen und Schreiben, unterrichtet haben; und da die hebräische Sprache die Volks- und Muttersprache wai•, war es ihm ein Leichtes, dieselben in das Verständniss der heiligen Schriften einzuführen. Die logisch geordnete Sprache der letzteren, weil zugleich Mutterspräche, musste, ganz abgesehen von ihrem sittlichreligiösen Inhalt, schon an und für sich eine bildende Macht auf Geist und Gemüth der Kinder ausüben. Dem Vater wurde es insbesondere zur Pflicht gemacht, bei religiösen Anlässen seine Kinder mit That- Sachen der Volksgeschichte bekannt zu machen. — Der Unterricht in der Geschichte erfüllt nur dann seinen Zweck, wenn er nicht blos die Einsicht (Intelligenz) der Kinder bereichert, sondern auch das Gemüth zur Theilnahme für die erweckt, in deren Schicksalen sich die Geschichte entwickelt. Das war nun hier besonders der Fall. Die Kinder wurden in solchen Thatsachen unterrichtet, die mit dem Wohle der Nationen in Verbindung standen, und da dieselben als von Gott geleitet dargestellt wurden, so waren sie ganz geeignet, die Theilnahme an den Geschicken der Nation, sowie ein sittlich-religiöses Interesse zu erwecken. — Neben den heiligen Schriften besassen die Israeliten schon früh auch noch andere Bücher, welche Erzählungen enthielten von frommen Männern (ספר הישר) und von nationalen Kriegen ('ספר מלחמות ה), die sicher der Jugend viel Lehrreiches boten. Und was der Jugend von prakfisehen Beschäftigungen zu wissen nöthig, war bei den einfachen Verhältnissen eines nur Ackerbau und Viehzucht treibenden Volkes ein so Geringes, dass sich dieselbe es theils durch Absehen und Nachahmen, theils durch eine geringe Belehrung aneignen konnte. Der Unterricht in den Thatsachen der Volksgeschichte war öfters, wie z. B, beim Passahmahle, mit religiösen Gebräuchen verknüpft, in welche die Kinder frühzeitig eingeweiht, die als Symbole jener geschichtlichen That- Sachen gedeutet wurden, und die überdies noch zugleich einen fröhlichen Lebensgenuss darboten, so dass alle Factoren der Erziehung hier vertreten waren und zusammenwirkten: Pflege, Unterricht und Führung. Die Schule hat zu kämpfen, bis sie Interesse erweckt. In einer solchen Familienerziehung sprosst und keimt Alles gleichsam von selbst. Manche Sätze und Abschnitte der heiligen Schrift, wie z. B. 5. Mos. 6, 4—9; 11,13—21, mussten nach Anleitung des Vaters vom Kinde auswendig gelernt und seinemGedächtniss eingeprägt werden. Darauf deutet das Wort שנן hin. Das war wichtig. Durch das Auswendiglernen und Einprägen konnte leicht in der Familie erkannt werden, dass vermittelst Uebung, Wiederholung und Angewähnung eine erziehliche Ein- Wirkung des Mündigen ailf den Unmündigen zur Geetaltung seines geistigen Lebens überhaupt möglich ist. Ferner hatte durch dies Auswendiglernen die Familie Gelegenheit, zu bemerken, ob das Kind sich zuweilen von den äussern sinnlichen Wahrnehmungen, von denen die Kinder in der Regel ganz befangen sind, abwendet, seine Aufmerksamkeit nach Innen kehrt, sich selbst beobachtet und, was noch wichtiger ist, sich selbst beherrscht. Doch dies führt uns zur dritten Potenz der Erziehung, zur Führung. Es ist der Erziehung von grosser Bedeutung, wenn die Kinder schon frühzeitig für Theilnahme und Wohlwollen gegen Andere empfänglich und geneigt gemacht werden. Dies bietet die Grundlage zur Bildung eines guten Charakters. In der Familie ist die Theilnahme des Kindes auf wenige Personen beschränkt, auf Eltern und Geschwister; aber gerade darum lässt sie sich einerseits leichter bemerken und überschauen, und andererseits ist sie die natürliche Vorbereitung, gleichsam die Vorschule für Theilnahme und Wohlwollen gegen die Menschen überhaupt. Wenn Geschwister im elterlichen Hause sich helfend und stützend beistehen und sich fortwährend Theilnahme und Wohlwollen beweisen, so ist dies, weil schon auf freier Wahl, also auf Sittlichkeit beruhend, eine gute Vorbedeutung, dass sie später auch in andere Kreise theilnehmend und wohlwollend eintreten werden. Ebenso ist die Familie auch die rechte Stätte, wo das nationale und sittlichrelig iöse Interesse gegründet und vertieft werden kann. Nur in ihrer warmen Atmosphäre kann eine solche Gemüths-und Charakterbildung gedeihen, wie wir sie bei unseren grossen Propheten bewundern, bei jenen Mannern, die für alles Grosse und Göttliche ein offenes Gemüth hatten und einen Charakter besassen, der vor Nichts zuriichschreekte, wenn es galt, dem Wahren und Guten zum Siege zu verhelfen. — Zu der guten Familienbildung in Israel trug auch das richtige Verhältniss zwischen Mann und Frau gar viel bei. Die Pädagogik stellt an die Erziehung in der Familie die Forderung, dass der Vater als das Haupt der Familie das Hausregiment führe und es aufrecht erhalte, da für Einheit und Concentraction aller erziehlichen Thätigkeiten nur dann die Familie einen günstigen B öden bietet, wenn sie von dem starken einheitlichen Willen ihres Hauptes, des Vaters, stets beherrscht wird. Zwar ist der Mutter auch eine grosse Aufgabe in der Er- Ziehung gestellt. Ernährung, Pflege und anfängliche Gewöhnung fallen ihr schon von Natur aus zu. Und wenn dieselbe ihre Lebensaufgabe, die so ganz innerhalb der Familie fällt, richtig auffasst, so erlangt ihr Verhältniss zu ihrem Kinde diejenige gemüthbildende Kraft, die durch gar nichts zu ersetzen ist. Denn an die Mutter, die ihm zuerst entgegenkommt und ihm überall sorgend und helfend zur Seite steht, muss das Kind sogleich und ununterbrochen die Erfahrung der vollen Hingabe des Menschen an den Menschen machen, wenn in seinem Herzen ein fester Grund für Theilnähme und Wohlwollen gelegt werden soll. Ebenso ist es hinsichtlich der Religion die Mutter, welche am ל ס frühesten auf das Herz des Kindes mächtig einzuwirkeu vermag. Denn soll die Religion zu einer Gemüthsinacht heranwachsen, so muss sie schon in der frühesten Kinderzeit gepflanzt werden, und da kann es nicht sowohl durch den Unterricht, als durch das Beispiel geschehen. Der aufrichtigste Ausdruck des gläubigen Gemüths, der religiösen Demuth und Erhebung, den das Kind an Erwachsenen vor sich sieht, ist es hauptsächlich, von dem die Begründung seines Glaubens herkommen muss. Die beste Vermittelung der Religion geschieht dadurch, dass das Kind die Mutter öfters beten sieht, und dass diese ihr Kind beten lehrt und ans Beten gewähnt. — Demungeachtet ist die Hauptaufgabe der Erziehung Sache des Vaters. Er arbeitet in seinem Berufe, um die Bedürfnisse seiner Familie zu befriedigen; täglich