Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 13. (24.3.1880)
- Date
- 1880-03-24
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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\o. 13• Das Jalirg:• IX, Jüdische Literaturblatt. Znr Beleuchtung aller Judenthum und Jude■ betreffenden literarisch. Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, 34. März 1880. Bücher der einschlägigen Literatnr, welche der Redaction zngesandt werden, Anden in diesemBlatte eingeh.Besprechung. BeiEinsendung von z w e Receusionsexemplaren erfolgt auch Erwähn, i. d.Wochenschr, ו Ü Das ״Jiiill&elie Iiitemtu1*l»latt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang:8 Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten nnd Buchhandlungen 8 Mk, kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Ins «rate werden mit 25 Pf. für die dreige- 8paltene Petitzeile, buchhändlerische Beilagen mit 15 Mark berechnet. Die Expedition der ״Israelitischen Wochenschrift.“ Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Die Erziehung im Judenthum• Ein Beitrag zur Geschichte der praktischen Pädagogik. Von M. M annheimer in Darmstadt. Literaturbericht: Recensionen: שירי אהל יעקב, Gottesdienstliche Gesänge für Israeliten, componirt von M. Rosenhaupt. — Nachtrag zur Recension ״Bibliotheca Rabbinica“. — Schriften für die Juden : 10) Eine Stimme aus dem Volke über die Judenfrage. Offener Brief an Herrn Eugen Waldegg von P. Schulze. — Notiz. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Die Erziehung im Judenthum. FJ11 Beitrag zur Geschichte der praktischen Pädagogik. Von M. Mannheimer in Darmstadt. I. Familienerziehnng. Alle Gesittung nimmt ihren ersten naturgemässen Anfang in der Familie, dieser ersten und engsten Lebensgemeinscliaft. Und so war denn auch im alten Israel, wie bei vielen alten Völkern, die Erziehung der Kinder lediglich eine Familienerziehung; von Anstalten, worin die Kinder vieler Familien von einem Dritten, einem Lehrer, unterrichtet wurden, wusste man nichts. Die Erziehung war eine ungetheilte, d. h. sie theilte ihre Arbeit mit keinem Dritten; alle erziehlichen Thätigkeiten waren in der Hand des Vaters als des Familienhauptes concentrirt, daher konnte auch bei ihnen selbst eine Concentraction, eine Einheit stattfinden, und desto intensiver und nachhaltiger musste ihre Wirkung sein. Betrachten wir die drei Potenzen der Erziehung: die Pflege, den Unterricht und die Führung. Die Pflege. — Eines Gesetzes, welches den Eltern und insonders dem Vater die Pflicht auferlegte, seine Kinder zu ernähren, bedurfte es in der mosaischen Gesetzgebung nicht. Denn abgesehen von dem natürliehen Triebe, den wir sogar bei den Thieren antreffen, galten im Orient Kinder als ein Reichthum, eine zahl- 1-p';che Nachkommenschaft als hohes Glück und Segen Gottes, während Kinderlosigkeit als ein grosses Unglück und hartes Schicksal betrauert wurde. Selbstverständlieh hat man in jedem guten Hauswesen die nöthige Sorgfalt auf die Ernährung und Pflege der Kinder verwendet, damit dieser Segen dem Hause erhalten bliebe. — Dem alten wie dem neuen Juden thum blieb der Gedanke, den wir bei manchen anderen Religionen linden, dass der Leib ein Werk der Sünde und Sitz des Teufels sei, den man abtödten müsse, gänzlich fern. Das Judenthum achtete auch den Körper hoch*) als *) Daher kommt es, dass im Judenthum selbst der entseelte Körper des Menschen noch mit hoher Aehtung angesehen und behandelt wird, worüber Näheres in der Rede, die ich bei Gelegenheit des 150jährigen Jubiläums der hiesigen Begräbniss-Brüderschaft ״ehalten (Selbstverlag), enthalten ist. den Träger des Geistes, der den Menschen zum Eben bilde Gottes macht. Darum enthält auch der Mosaismusviele Vorschriften, welche auf die Ernährung, Gesundheit, Reinlichkeit und Kräftigung des Leibes abzielen — musste dies nicht auf die physische Erziehung der Kinder einwirken? Und dass schon zur patriarchalischen Zeit auf Pflege und Ernährung der Kinder die nöthige Sorgfalt verwendet wurde, beweist manche Thatsache der überlieferten Erzählungen. 1. Mos. 21,8 heisst es: ״Als der Knabe herangewachsen war, wurde er entwöhnt; und Abraham machte ein Gastmahl am Tage der Entwöhnung seines Sohnes.“ Die Ernährung und Pflege der Kinder scheint damals in folgender Weise vor sich gegangen zu sein. Nach einer uralten, natürlichen Sitte empfingen die neugeborenen Kinder eine Zeit lang, etwa ein Jahr, ihre Nahrung von der Mutterbrust; nachher wurden sie etwa 2 Jahre mit einer Mischung aus Ziegenmilch und Honig (vgl. Jes. 7,15) genährt, bis sie so erstarkt waren, dass sie die Kost der Erwachsenen vertragen konnten, und dieses Uebergangsstadium wurde als freudiges Ereigniss mit einem Gastmahl gefeiert. — Und wenn die progressive Diätetik von der Erziehung verlangt, dass mit dem fortschreitenden Alter des Kindes auch auf die Ausbildung des Körpers durch gymnastische Uebung Bedacht genommen werde, so mag es an solcher auch in der israelitischen Familienerziehung nicht gefehlt haben. Darauf deuten hin: die Läufer (רצים); die Schleuderer (קלעים), die Bogenschützen (רומי קשת), bei denen gewiss gymnastische Uebungen vorangegangen waren, bis sie es zu einem bemerkenswerthen Grad von Geschicklichkeit und Gewandheifc gebracht hatten. Der Tanz, dem man sich öfters hingab, namentlich beifestlichenGelegenheiten, ist wahrscheinlich schon früh zur körperlichen Ausbildung benutzt worden.*) Der Unterricht. — Im Judenthum hat jedoch die Pflege des leiblichen Organismus der Kinder nie die übrigen erziehlichen Thätigkeiten absorbirt. Es ist merkwürdig, der Pentateuch legt Gott selbst den hohen und ethischen Werth in den Mund, indem er uns erzählt (1. Mos. 18, 17 11. 19): ״Und der Ewige spracht Sollte ich vor Abraham verbergen, was ich thun will? . . . Denn ich habe ihn ersehen, dass er unterweise seine Kinder und Hausgenossen nach ihm, dass sie wahren den Weg des Ewigen und thun, was recht und gut ist.“־ Also durch Belehrung und Gewöhnung sollten sie Einsicht erlangen in den Weg Gottes, in das Rechte und *) Die Läufer wurdeu als Eilboten, als die Staatswagen begleitenden Trabanten, als königliche Boten verwendet; die Schleuderer und Bogenschützen leisteten vorzügliche Kriegsdienste (2■ Kön. 3, 25; Ps. 78,9), — JJin heisst ״kreistanzen“ und auch ״ein Fest feiern.“