Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 10. (3.3.1880)
- Date
- 1880-03-03
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 39 — die allgemeine Einführung des Protestantismus, als die gemeinsame und einzig dem Staate entsprechende religiöse Grundlage; und er hätte ehrlich den Juden zurufen sollen: werdet Protestanten, dann erst werdet ihr echte Patrioten sein können. Aber soll er dies wirklich gemeint haben? Sagt er doch wiederum anderwärts: ״Von dieser Gemeinsamkeit aus können sich ohne Unterschied der einmiithigen nationalen Gesinnung, auf die historische Tradition bezügliche Unterschiede forterhalten, weil deren mit einem modernen Staate verträgliche Deutung.stets nur nach der Seite jener allgemein religiös - sittlichen Grundlage erfolgen kann.“ Also Cohen erlaubt den Juden, Juden zu bleiben. Aber wie doch? Sagt er nicht wiederum: ,,Die Sittlichkeit eines Volkes ist eine nationale Einheit, oder strebt einer solchen zu. Innerhalb einer nationalen Gemeinsamkeit kann und darf es eine individuelle Sittlichkeit (!) geben. Aber keine in besonderen religiösen Gruppen oderSeetensubstantiirteistwünschenswerth“? Also nicht einmal religiöse Secten duldet er, geschweige denn besondere Confessionen. Aber wie sollen wir dann wiederum folgenden Passus verstehen? ״Die Juden haben nur eine dauernde Aufgabe, das ist die Erhaltung des Monotheismus bis zu jener ״reineren Form des Christenthums“, als einer gesonderten, nach Erreichung jener aber als eine mit allen Monotheisten gemeinsamen Aufgabe.“ Die Juden haben also doch noch eine besondere religiöse Aufgabe. Aber wie? Sollte der Mann in dem Augenblicke, da er vor seinen ״protestantischen Männernq sich rechtfertigen will, den Muth haben, es auszusprechen, dass der Protestantismus den reinen Monotheismus nicht besitze und somit auch erhalte, derselbe Mann, der soeben behauptete, dass der Protestantismus über dem Monotheisraus vor dem Judenthum auch noch die unentbehrliche ״Ilumanisirung“ Gottes voraus habe? Wenn diese Art des Marburger Weisen, die religiöse Seite der Judenfrage zu lösen, die Logik jedes gesunden Kopfes beleidigt, so ist die Art, wie er die IIagenfrage erledigt haben will, geeignet, jedes edle Gemütli tief, tief zu verletzen. ״Wir .Inden (mit welehern Rechte Herr C. noch wir Juden sagt, ist mir unerfindlich) .... müssen anerkennen, dass der Ragen- Instinct mit nichten simple Barbarei ist, sondern ein natürliches national berechtigtes Verlangen. ... An sich ist es ein unwillkürliches und gutes psychologisches Motiv . . . .“ Ferner: ״Wenn wir ruhig und aufrichtig dem Ragengefühl antworten, so müssen wir sagen, dass wir selbst es anerkennen. Ich behaupte getrost: wir wünschen Alle (!), wir hätten schlechtweg das deutsche, das germanische Aussehen, von dem wir jetzt nur die klimatischen Nebenwirkungen an uns tragen . . . .* * Ich weiss nicht, worüber man sich mehr verwundern soll, über d;e grob mittelalterliche, dem Idealen völlig abgekehrte, durchaus materialistische Denkungsart eines Philosophen, oder über die Naivetät, mit der hier der Egoismus eines nach Rechtfertigung ringenden Menschen sich entlarvt. Und das soll ״I deal politik“ sein! Der Satz : ״Mensehen aber, die zu einer Staats- und Volkseinheit sich einigen wollen, haben nach Einheit zu streben, mit allen Kräften ihres Geistes und Gemüthes, nach allen Beziehungen des staatlichen Daseins. . . . Glieder Eines Volkes haben die Pflicht, eine Einheit des Daseins und Bewusstseins anzustreben, und dieselbe immer inni״er immer intensiver auszubilden“ — dieser Satz kann nach dem vorangeschickten Lösungsprojecte der Religions- und Ragenfrage nur bedeuten, dass die Juden als vollbürtige Glieder der deutschen Nation nur dann werden angesehen werden können, wenn sie Protestanten geworden sind und sich auch durch allmälige Connubial-Vermischung :gleiche Nasen, gleiche Bärte und gleiche Pupillen errungen haben. ״Wir Juden haben anzuerkennen, dass das Ideal nationaler Assimilation als solches von Geschlecht zu Geschlecht bewusster erstrebt werden soll.“ Der grosse Alexander zerhieb den Knoten; dasselbe möchte auch der kleine Professor zu Marburg. Es überwältigt uns der Unmuth, wenn wir gewahren, wie nach solchen Rathschlägen den Juden in Deutschland belehrend zugerufen wird, sie mögen Respect haben und Pietät vor den christiichen Dogmen, ihnen, die von jeher und auch heute wahrlich nicht zu den Angreifern und Verächtern, sondern zu den mitleidslos Angegriffenen, Gehöhnten und Verachteten gehören. Wir brechen hier ab, wahrlich nicht, weil das Schriftchen keine Blossen mehr aufzuweisen hätte, sondern weil wir deren bereits mehr als genug gezeigt zu haben glauben. Wir bemerken nur schliesslich: Herr Cohen mag vielleicht vor seinen ״protestantischen Männern“ nunmehr gerechtfertigt erscheinen,*) vor seinen Stammesgenossen aber und sicherlieh auch vor den vielen edelgesinnten Männern christlichen Bekenntnisses, welche die Ideale der fortschreitenden Zeit nicht aufhören hochzuhalten und auch opferfähige Pietät zu einem Charakter für nöthig erachten, hat er sein Ansehen nicht gehoben. Breslau. D r. Steckelm ach er. Erklärung einer Tosefta-Stelle. Die in Tos. Jebamoth 1, 13 (p. 242 m. A.) und Edujoth 2,3 (p. 457/9) sich findende Stelle wird Babli Erubin 6b und Parallelstelle mit einigen Aenderungen citirt,1) so dass sofort die Frage des Talmud sich aufdrängt: הא גופא קשיא, das ist ja ein Widerspruch! Nach der LA. in Tosefta 1. c. lässt die Stelle eine Deutung zu, die jenen auffallenden Widerspruch beseitigt. Es soll nämlich der Satz begründet werden: לעולם הלכה כב״ה, dass die Halcha nach Beth Hillel sich richtet. Denn, so geht das Raisonnement, wollte Jemand die Erschwerungen beider Schulen zur Riehtschnür nehmen, der wäre ein 5 כסיל die Erleichterungen beider Schulen herausheben, wäre die Handlungsweise eines רשע; da es also nicht angeht, eklektisch zu verfahren, bleibt Nichts übrig, als die Halacha nach der einen oder anderen Schule zu normiren, darum הלכה כס״ך• Es sollte die Einheit in der Praxis gewahrt werden, darum sollte Niemand, was sonst in zweifelhaften Fällen rathsam war, die Erschwerung ebensowenig annehmen, als die Erleichterung. Aus der Edujoth 1. c. voraufgehenden Erzählung des R. Eleasar b. Zadok, dass selbst ein rigoroser Tanait aus der Schule Schammai’s nach Beth Hillel sich richtete, geht hervor, dass es nicht in’s Belieben des Einzelnen gestellt wurde, der einen oder anderen Schule zu folgen In •Jeruschalmi Sota 19a (3, 3) und Jebamoth 3b (1, 5) wird unsere Stelle zwar nach der richtigen LA. aber aus dem Zusammenhänge gerissen citirt und nach dem Resultat des Babli erklärt. Zuckermandel. Literaturbericht. Schriften für die •luden. (Fortsetzung.) 8) Ein Wort im Vertrauen an den Hofprediger Stöcker. Von einem, dessen Name Nichts zur Sache thut. Berlin 1880. Gerschel. Sollte es an der Zeit sein, nun, da der Treitschkerummel die Gemüther gefangen hält, von Stöcker zu reden? So dürfte sich Mancher fragen, wenn er neuer 1 Prof. Treitschke hat ihn bereits, wie ich erfahre, zu seinem Gesinnungsgenossen erklärt. *) Die Münchener Hsch. enthält dort ganz unwesentliche Varianten.