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Das jüdische Literaturblatt · 1880-03-03 · No. 10. (3.3.1880) · p. Seite 38

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 10. (3.3.1880)
Date
1880-03-03
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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Cohen nicht; sehr imponiren. Er zeigt darin zweierlei Gemeinsames mit Kant: erstlich die Sätze, die er aus Kant citirt, und zweitens eine gewisse Unbeholfenheit im Ausdrucke, die sich jedoch bei Cohen bis zur Mysteriösität, ja sogar bis zur Incorrectheit steigert. Kant bleibt überall klar und markig; sein kleiner Schüler sucht durch befremdlich klingende Ausdrücke und Satzbildungen die eigene Unklarheit und Wässerigkeit zu verbergen. Wir könnten hierfür auch in dem letzten Geistesproducte Cohens, ausser den monströsen Stellen, die wir in unserer Besprechung erwähnen, beträchtliche Beispiele anführen Welcher gewaltige Abstand gegen die ruhige, klare und schöne Darstellung Lazarus’, gegen den sich Cohen wiederholt eine so anmassende Sprache erlaubt! Auch gegen Graetz, seinen einstigen Lehrer, von dem er wenigstens einen besseren Styl hätte lernen sollen, erlaubt sich Cohen in wegwerfendem Tone zu sprechen; aber es wäre wahrlich zu viel Ehre, einen Graetz gegen solche armselige Angriffe zu vertheidigen. Doch zur Sache. Um den rechtmässigen Anspruch des Judenthums auf Anerkennung der gemeinsamen Grundlage mit dem Protestantismus zu eweisen, beruft sich C. zunächst auf Kant’s Aeusserung, wonach es wohl verschiedene historische Glaubensarten und Religionsbücher, wie Zendavesta, Vedas, Koran etc geben könne, aber nur eine Religion K. spricht doch aber hier nicht nur vom Judenthum und Protestantismus, sondern auch vom Parsismus, Mohamedanismus etc. Aber nur jenes passte in den Kram Cohens. Wie viel schöner und treffender gibt Lazarus das Wahre in den Worten Kant’s wieder: ״Die Religiosität eines Andersgläubigen können wir anerkennen, verehren und selbst bewundern, ohne dass wir auf den Inhalt seines Glaubens achten: ja wir können durch Vorbild und Lehre die Glaubensinnigkeit, die Hingebung auch eines Andersgläubigen erwecken und empfangen. Vielleicht kommt dies daher, dass in allen Religionen die Religiosität selbst das Letzte und Tiefste und ihnen allen gemeinsame, dem Höchsten im Menschenthum zustrebende ist.* Doch diese echt menschenliebende Ansicht kann ja Cohen für seinen Zweck nicht brauchen: er will ja nur mit den ״protestantischen Männern1־‘, mit denen er in Berührung zu treten genöthigt ist, Frieden haben. Aber hören wir weiter: ״Der isiael. Monotheismus charakterisirt sich durch die beiden Ideen der Geistigkeit Gottes und der messianischen Verheissung. . . . Mit Shakespeare’schen Strichen (!) kennzeichnet der Prophet die in der bildenden Kunst sich vollziehende Ironisirung des lebendigen Gottes, ״welcher ist die Wahrheit“.“ Ich will schweigen von dem Hohlklang und der, wie hier die Worte stehen, totalen Sinnlosigkeit des letzten Satzes — hat der Verf. vielleicht Jes. 44 im Auge gehabt, so hätte er doch den ebenso einfachen als erhabenen Gedanken weit schlichter und verständlicher ausdrücken können — und frage nur: wo bleibt die jüdische Ethik? Ja, antwortet der Marburger Weise, damit diese salonfähig sei, muss sie vorerst das Dogma der Menschwerdüng Gottes in sich aufgenommen haben ״Die Idee des Verhältnisses von Mensch und Gott wird in der Menschwerdung Gottes verinnerlicht und vollzieht in der dogmatischen Form der Humanisirung Gottes (sic!) die culturgeschichtliche Mission der Humanisirung der Religion (sic!) “ Ich will wieder schweigen von der Verworrenheit des letzten Satzes und von dem mystischen Dunkel, das ihn umhüllt, und frage nur den Herrn Cohen, ob denn nicht die vielfach vorkommenden Wendüngen, wie ״Kinder seid ihr eurem Gotte“, ״unser Vater im Himmel“ u. s. w. nicht hinlänglich das herzliehe Verhältniss des Menschen zu Gott ausdrücken; ob es denn wirklich zum Behufe einer vollkommenen Ethik des vielen Schweisses bedarf, mit dem die christologischen Philosophen das ganz anders gemeinte Dogma, jeder nach seinem Sinne, zu deuten suchen, um es im Dienste der Ethik irgendwie brauchbar zu machen? Wir achten und ehren solche Bemühungen; aber wenn man keine Schwierigkeiten hat, muss man sich welche machen, bloss um auch hierin den ״protestantischen Männern“ in gleicher Bestrebung zu erscheinen? Aber das Verschrobene kommt erst. Cohen behauptet, dass ohne das Dogma von der ״Humanisirung“ Gottes die Autouomie des Sittengesetzes, die Willensfreiheit unverständlich bleibe. Und sonst wird sie verständlich? 0 Kant! wenn Du aus Deinem Grabe heraufstiegest und sähest, wie Einer, der sich Deinen Schüler nennt, Solches zusammenredet, Du würdest entrüstet ob solcher Verwirrung schnell wieder in Deine ewige Heimath zurückkehren! Weiss denn der Kantianer nicht, dass die Willensfreiheit uns Kindern der Phänomenwelt total unverständlich b 1 ei b e n muss, und dass sie das einzige Noumenon ist, dass aus der Welt der Dinge an sich erhebend und begeisternd, aber fremdartig und durchaus unfassbar in unser Sinnenleben hineinragt? K. gibt nur die Möglichkeit einer der praktischen Vernunft sich an bequemenden Auslegung der Dogmen zu, keineswegs aber eine Erklärung der ersteren durch die letzteren. Uebrigens widerspricht sich Herr Cohen selbst in dem darauf folgenden Passus: ״Diese Art .... — Judenthums“ auf S. 7. So begründet man die Gemeinschaft des Christenthums mit dem Judenthum! Zur Humanisirung der Gottheit muss man Zuflucht nehmen — und wo bleibt ihre Geistigkeit? Darauf begründet man für die Juden die Forderung: ״der religiösen Gemeinschaft ihres Volkes sich angehörig zu bekennen und zu erweisen“, anstatt dass man an die Christen die Mahnung zu richten den Muth haben sollte, das Judenthum, auf dessen Grundlagen ihre religiösen Anschauungen sich aufgebaut, nicht zu beschimpfen. Doch, wenn nur auch in diesem Streben nach ״Humanisirung“ auch der Humanität etwas zufiele, der Humanität, welche gebietet, den Nebenmenschen zu lieben, mag er selig werden wollen wie immer, wenn er nur sittlich denkt und handelt und als t1־euer Bürger sich bewährt! Aber gerade in diesem Punkte geberdet sich Cohen wie der verstockteste Reactionär, und die Beschränktheit seiner Anschauungsweise erreicht hier ihren Gipfelpunkt. Den edlen und des 19. Jahrhunderts würdigen Gedanken des Prof. Lazarus, dass nicht die gleiche Abstammung und die Gleichheit der Religion, sondern die gleiche Richtung des geistigen Lebens, das in der Sprache sich bewert, und die Gleichheit der Theilnahme, die alle Bürger an den Freuden und den Leiden des Vaterlandes und an der Arbeit für seinen Aufschwung nehmen, die Zugehörigkeit zu einer Nation bedingen — diesen Gedanken zu fassen, ist Cohen ganz unvermögend, und es ist wahrhaft belustigend, wie er in seiner Polemik gegen Lazarus, diesen Meister des Styls und des Denkens, nicht zutreffender Gedanken und des unglücklichen Ausdrucks zeiht Jenen erhabenen Gesichtspunkt nennt er eine ״liberale Schablone“; es seien nur ״temporäre Schlagworte“, die ״durch eine grundsätzliche Problemstellung erledigt werden müssen “ Es ist das wieder so eine barbarische Floskel der von ihm so beliebten philosophisch sein sollenden Redeweise, durch die er gewichtig zu reden glaubt. Und welches ist diese ״Problemstellung“? Es entwickelt Cohen in den jetzt folgenden Erörterungen den höchsten Grad widerspruchsvollen, unklaren Denkens. Er sagt, die Aufgabe sei, solche religiöse Verfassung herzustellen, welche dem in der Bildung begriffenen deutschen Staate gleichartig und gerecht wird. Er meint hier offenbar, I wenn er dabei überhaupt etwas Klares gemeint hat,

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