Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 10. (3.3.1880)
- Date
- 1880-03-03
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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No. IO. Das «Falirg« IX« Jüdische Literaturblatt. Znr Beleuchtnng aller Jmlenthnm und Jnden betreffenden literarisch. Erscheinungen anf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalia, Exegese. Homiletik, Litnrgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Ra hm er. Magdeburg, 3. März 1880. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Redaction zngesandt werden, Anden in diesemBlatte eingeh.Besprechnng. BeiEinsendang von zwei Kecensionsexemplaren erfolgt aacb. Erwähn, i. d.Wochensclir. ץ־ Das ״Jiifliselie IiiterMturblatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen-, Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang:8 Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile, buchhändlerische Beilagen mit 13 Mark berechnet. Die Expedition der ״Israelitische:! Wochenschrift.“ Inhalt: Wissenschaftliche Aufsatze: Ein Bekenntniss in der Judenfrage. — Erklärung einer Tosefta-Stelle. Literaturbericht: Schriften für die Juden: 8) Ein Wort im Vertrauen an den Hofprediger Stöcker. Von einem, dessen Name Nichts zur Sache thut. Notizen. Literarische Anzeigen. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Ein Bekenntniss in der Judenfrage.*) Lazarus, in seinem vorzüglichen Vortrage: »Was heisst national?“ sagt im Beginne desselben, er habe gegen All das, was in der letzten Zeit wider die Juden geschrieben, nur den Ausdruck des Dankes, weil es am besten sei, wenn, was innen krankhaft ist, herauskommt. Ich möchte diesen Satz nur auch auf einen Theil dessen ausdehnen, was in jüngster Zeit f iir die Juden geschrieben worden, und ich habe dabei vornehmlich die oben genannte Schrift im Sinne. Das Eine, was man hierbei aussetzen könnte, wäre, dass die Bezeichnung »krankhaft“ für dieses Opus des Marburger Professors viel zu gelinde und nachsichtig sei. Mit welchen Prädicaten es am entsprechendsten bezeichnet zu werden verdiente, wird sich aus folgendem Referate ergeben. Nachdem bereits so viele, zum Theil vortreffliche Schriften gegen die jüngsten Angriffe unserer Feinde erschienen, und diese auch schon verhältnissmässig stille geworden sind, drängte sich mir die Frage auf: was mag der treibende Grund für diese spätgeborene Frucht gewesen sein? War es etwa die glühende Liebe für Israel, welche auch des Professors Cohen Zunge gelöst? Der ganze Inhalt seines »Bekenntnisses“ zeugt vielmehr für seine vollständige Entfremdung gegenüber dem Judentlium, ja für seine fast feindselige Gesinnung gegen dasselbe. Es können sich darob Diejenigen nicht genug verwundern, welche Herrn Cohen gekannt, als er noch auf dem Breslauer Seminar den Grund zu seiner späteren Weisheit gelegt, woselbst er inmitten seiner damaligen freisinnigen Mitschüler von solch religiösem Eifer erfüllt gewesen sein soll, dass ihm selbst die tief religiöse Richtung eines Zach. Frankel nicht genügte. Oder sollten vielleicht die Glanzleistungen Bresslau’s und Lazarus’ die mit edlem Eifer und mit überzeugender Kraft für ihre Religionsgenossen eintraten, ihren Marburger Collegen nicht schlafen gelassen haben, bis er auch mit neuem Ruhme sich bedeckt? Das wäre schon eher möglich; aber da wir nicht in seinem Herzen *) Von Dr. H. Cohen, Prof, d, Philosophie in Marburg. Berlin. F. Düinmler. lesen können, so können wir es nicht behaupten. Aber in seiner Schrift können wir deutlich lesen, dass sein Verhältniss zu den ,,protestantischen Männern“, ״die nicht nur das staatsbürgerliche Recht, sondern auch das herzliche religiöse Zutrauen“ ihm geschenkt, als der Ihrigen einer unter ihnen zu lehren“, zu lehren deutsche Philosophie, deutsche Erfahrungslehre und deutsche Ethik — dass dieses Verhältniss ihn in die ״persönlichste Verlegenheit“ gebracht und seine ״Rechtfertigung“ gefordert habe. Ich muss gestehen, dass mir schon beim Lesen dieser Stelle ein schlimmer Verdacht aufstieg über das, was kommen mag; aber ich unterdrückte ihn. Zuweilen entspriessen auch dem gröbsten Egoismus, der ״persönlichsten Verlegenheit“ selbst wider Willen verdienstliche Wirkungen. Aber zum unbehaglichsten Eindruck steigerte sich mir jene Empfindung, als ich immer mehr ersah, dass die ״persönlichste Verlegenheit“ vor den protestantischen Collegen Herrn Cohen geradezu zur Identificirung des J udenthums mit dem Protestantismus trieb und bei dieser devoten Haltung gegenüberseinen Collegen ihn'veranlasste, mit einer alle Pietät beiSeite setzenden Unbescheidenheit gegen seine Stammesgenossen aufzutreten. Jenes egoistische Motiv, das im Verlaufe der Broch irre bis zum Ueberdruss immer wieder hindurehbricht und in den letzten, äusserst fett gedruckten Worten: dixi et animam meam salvavi zum unverblümtesten Ausdruck gelangt, damit gegenüber seinen protestantischen Collegen der Zweck ja nicht verfehlt werde, sacht zwar Cohen wahrscheinlich gegenüber seinen Stammesgenossen — freilich in der ungeschicktesten Weise — doch einigermassen zu bemänteln. »Es hätte“, sagt er, ״zu diesem Aufschrei (gegen die Juden) nicht kommen können, wenn die Religion nicht zum Vorwand genommen worden wäre“, und da er ״in der fachlichen Lage“ (ein schönes Wort!) sei, als ,.Lehrer der Philo■׳ sophie“• religiöse Fragen zu berühren, so fühlt er sich verpflichtet, aus diesem religiösen Gesichtspunkte die Judenfrage zu behandeln. Das ist offenbar falsch und vom Zaun gebrochen Alle Welt weiss, dass die Triebfedern der neuesten Judenhetze im blindesten Ragenfanatismus und in engherzigstem Neide wurzeln. Aber durfte diese verhältnissmässig doch günstige Gelegenheit unbenutzt bleiben, 11m vor seinen protestantischen Collegen in günstigem Lichte sich zu zeigen? Was aber den »Lehrer der Philosophie“ betrifft, so hatte zunächst bereits ein mindestens bedeutenderer Vertreter der Philosophie, als Cohen ist, in dieser Angelegenheit gesprochen. Aber abgesehen davon, kann Demjenigen, der Cohen’s Arbeiten über Kant kennt und mit den einschlägigen Schriften eines J. B. Meier, Paulsen, Stadler, Harms etc. zusammenhält, der ״Lehrer der Philosophie“ J־T